Interview zu Housing First „Alle reden von sozialer Mischung, also muss es auch Angebote geben“

Volker Busch-Geertsema arbeitet für die Gesellschaft für Innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Bremen. Er meint, dass Housing First die Perspektive bietet, dass ein Ort dauerhaft ein Zuhause wird.
08.03.2019, 22:05
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Alle reden von sozialer Mischung, also muss es auch Angebote geben“
Von Marc Hagedorn

Herr Busch-Geertsema, wie schätzen Sie die Obdachlosen-Situation in Bremen ein?

Volker Busch-Geertsema: Die Wohnungsnot hier in der Stadt ist nicht so krass wie in Hamburg, München, Berlin oder Stuttgart. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch in Bremen ein drängendes Problem ist.

Mal etwas provokant gefragt: Wie viele von den Wohnungslosen wollen überhaupt in Wohnungen leben?

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe fragt regelmäßig nach Beratungen oder Besuchen in ihren Einrichtungen bei den Wohnungslosen ab, ob sie in einer Wohnung leben wollen. Nur 0,4 Prozent bevorzugen alternative Wohnformen, also in Zelten oder Wohnwagen. Ein geringer Prozentsatz zieht es vor, in Wohnheimen zu leben und sehr wenige in Wohngemeinschaften. Das heißt, dass sich fast 90 Prozent ein Leben in normalen Wohnungen wünschen oder schon in einer Wohnung leben. Dass sie es wollen, ist also unumstritten. Dass sie es können im Grunde auch, wenn man Zahlen aus dem europäischen Ausland, aber auch Studien in Deutschland sieht.

Lesen Sie auch

Sie spielen auf den Housing-First-Ansatz an. Er kehrt das bisherige Prinzip sozusagen um: Wohnungslose bekommen erst eine Wohnung, und dann wird ihnen geholfen, die übrigen Probleme zu lösen. Was ist so gut daran?

Es geht um die Bleibeperspektive. Was heute gemacht wird, ist Folgendes: Es werden Übergangswohnräume zur Verfügung gestellt, und es wird Wohntraining angeboten. Bei all diesen Ansätzen schwingt aber schon mit: Die Menschen müssen bald wieder ausziehen. Housing First dagegen bietet die Perspektive, dass der Ort, an dem ich einziehe, auch tatsächlich dauerhaft mein Zuhause bleibt.

Das ist so entscheidend?

Absolut. Und das ist keine gefühlte Einschätzung, sondern das ist wissenschaftlich vielfach belegt. Housing First ist ein tragfähiges Konzept. Im europäischen Ausland hat es großen Anklang gefunden.

Wo zum Beispiel?

In Finnland ist es am stärksten umgesetzt. Finnland ist das einzige Land in Europa, in dem die Zahl der Wohnungslosen sinkt. Das passiert dort aber auch nur, weil die Politik erkannt hat, dass es darum geht, das Wohnraumproblem zu lösen und dafür Mittel in die Hand zu nehmen. Auch anderswo sind die Erfahrungen positiv.

In Amsterdam zum Beispiel liegt der Wohnungserhalt bei 97,2 Prozent. In Kopenhagen sind es 93,8 Prozent, in Glasgow 92,9 Prozent, und auch in Lissabon sind es noch fast 80 Prozent, die dauerhaft in der Wohnung bleiben. Wichtig ist: Housing First heißt nicht Housing Only, also man übergibt nicht einfach den Schlüssel, sondern sorgt auch dafür, dass die Bewohner die Angebote und Hilfe bekommen, die sie benötigen.

Lesen Sie auch

Das hört sich so an, als sei es teuer.

Keine Frage, man braucht einen engagierten politischen Willen. Man muss sich verabschieden von der Vorstellung, dass Wohnungslosen allein ein Dach über dem Kopf reicht. Das Leben in einer ganz normalen Wohnung mit einer kontinuierlichen Begleitung ist nicht billig, aber auch nicht teurer, als wenn man die Menschen in Unterkünften oder anderen Einrichtungen unterbringt.

Wo sollen die benötigten Wohnungen herkommen?

Es gibt einen Bestand, und es wird neu gebaut. Es gibt ja den politischen Beschluss, dass überall dort, wo städtische Grundstücke verkauft werden oder neues Baurecht geschaffen wird, 25 Prozent der neu geschaffenen Wohnungen Sozialwohnungen sein müssen, und von diesen Sozialwohnungen wiederum 20 Prozent an Menschen vergeben werden sollen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind.

In diesem Zusammenhang ist es ein guter Ansatz, kommunalen Wohnbesitz zurückzuholen, wie das in Bremen jetzt mit der Brebau geschehen ist. Dieses Instrument muss nun aber auch genutzt werden. Dies wird naturgemäß allerdings eine Zeit lang dauern. Deshalb wird die Hauptmusik zunächst weiter beim bisherigen Bestand spielen. SPD und Grüne hatten ja vereinbart, Belegrechte für Wohnungslose im Bestand zu kaufen, leider ist daraus nichts geworden.

Wo wäre in Bremen Ihrer Einschätzung nach Housing First möglich?

Die Menschen an den Stadtrand zu verfrachten, wo der Bus nur einmal pro Stunde fährt, ist schlecht. Es muss eine infrastrukturelle Anbindung geben. In Bremen gibt es große Projekte. Ich denke an die geplante Bebauung der Rennbahn oder das Neue Hulsberg-Viertel am Zentralkrankenhaus.

Lesen Sie auch

Wie realistisch ist das? Dort wird doch vermutlich recht hochpreisig gewohnt und gelebt werden.

Alle reden von sozialer Mischung, also sollen arme Leute und Wohnungslose auch da entsprechende Wohnmöglichkeiten finden, wo das Wohnen für andere etwas mehr Geld kostet. Ohne einen festgelegten Vorrang für Wohnungslose bei der Belegung bestimmter Wohnungen wird der Wohnungsbau nicht zur Reduzierung von Wohnungslosigkeit beitragen. Und es braucht vor allem bezahlbaren Wohnraum für Single-Haushalte.

Die Fragen stellte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Volker Busch-Geertsema arbeitet für die Gesellschaft für Innovative Sozialforschung und Sozialplanung in Bremen. Außerdem ist er Koordinator des Netzwerks „European Observatory on Homelessness“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+