Überfall auf Teestube in Bremen Huchtinger Geiselnahme-Prozess: Angeklagte unter Druck

Seit inzwischen neun Monaten wird am Landgericht wegen Geiselnahme gegen vier Männer aus Bremen verhandelt. Anfangs sah es gut aus für die Angeklagten, doch mehr und mehr wendet sich das Blatt.
25.01.2019, 18:50
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Huchtinger Geiselnahme-Prozess: Angeklagte unter Druck
Von Ralf Michel

Schwerbewaffnete Maskierte, die eine illegale Glücksspielrunde überfallen, eine Geiselnahme mit der Scheinhinrichtung eines Mannes, dazu Folter, Misshandlungen und ein skurriler Auftritt in Frauenkleidern, zu dem das Opfer gezwungen wird. . . Schon die im April 2018 verlesene Anklageschrift ähnelte mehr dem Drehbuch eines US-Thrillers, denn eines Verbrechens, das in einer Teestube in Kirchhuchting seinen Ausgangspunkt nahm.

Ein Dreivierteljahr ist seither vergangen, aber die Verhandlung vor dem Bremer Landgericht erinnert weiterhin an großes Kino. Er könne die Ungerechtigkeit, die ihm hier vor Gericht widerfahre, nicht länger ertragen, sagt einer der vier Angeklagten am Ende des Verhandlungstages. Und appelliert mit kippender Stimme an das Gericht, ihn doch endlich ins Gefängnis zu stecken.

Egal für wie lange, Hauptsache der Prozess ist endlich vorbei. Ein anderer Angeklagter legt nach: Angesichts all der Lügen der Polizei gegen ihn, schäme er sich, in diesen Gerichtssaal zu kommen. So sehr, dass er manchmal schon daran denke, sich das Leben zu nehmen.

Lesen Sie auch

Nüchtern betrachtet, geht es um Geiselnahme, gefährliche Körperverletzung und Nötigung. Und damit um fünf bis fünfzehn Jahre Gefängnis für die Angeklagten. Die Vorgeschichte zu diesem Prozess lieferte ein Raubüberfall auf eine Teestube in Kirchhuchting, betrieben von zwei der vier Männer auf der Anklagebank. In der Teestube gab es regelmäßig illegale Glücksspielrunden. Es ging um hohe Summen, die Teilnehmer reisten teilweise von weither an. Einer der Spieler aus Bremen, der dort viel Geld verloren hatte, fühlte sich betrogen und organisierte für die Nacht zum 21. April 2016 einen Überfall auf die Glücksspielrunde.

Betreiber verdächtigten Mann aus eigenen Reihen

Doch um all dies geht es in dem Verfahren vor dem Landgericht nur am Rande. Gegenstand dieses Prozesses sind die Ereignisse, die fünf Tage nach dem Überfall einsetzten. Laut Anklageschrift verdächtigten die Betreiber der Teestube einen Mann aus ihren eigenen Reihen, den maskierten Räubern geholfen zu haben. Um deren Namen aus ihm herauszupressen entführten sie den Mann, schlugen und misshandelten ihn tagelang und drohten immer wieder, ihn umzubringen.

Trauriger Höhepunkt dieser Tortur war laut Anklage eine nächtliche Fahrt, bei der sich das Opfer mit verbundenen Augen auf einem Acker niederknien musste und seine Entführer drohten, ihn mit einer Pistole hinzurichten. Eher skurril dagegen das Ende der Entführung: Der Mann musste ein Kleid anziehen und in einer Teestube in Walle vor einer Gruppe von Spielern gestehen, dass er ein ehrloser Verräter sei. Anschließend ließ man ihn laufen. Die Namen der Drahtzieher des Überfalls hatte er seinen Peinigern zu diesem Zeitpunkt längst verraten.

Dies alles erzählte der Mann später Polizei und Staatsanwaltschaft und brachte damit vier Männer aus Bremen vor Gericht. Für die sah es zunächst sehr gut aus. So schwer er die Angeklagten im Ermittlungsverfahren auch belastet hatte – vor Gericht machte der Zeuge überraschend von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Was ihm zustand, da er selbst in den Raubüberfall verwickelt war. Andere Zeugen taten es ihm nach, zeigten sich wenig kooperationsbereit oder erschienen gar nicht erst vor Gericht.

Lesen Sie auch

Doch zu den Ermittlungen der Polizei gehörte in diesem Fall auch das Abhören von Telefonen. Und dort gaben sich die Beteiligten und/oder deren Freunde und Verwandte überaus redselig. Nicht nur, dass das Geschehen im April 2016 detailliert erörtert wurde, hier wurde auch munter über ein mögliches Schweigegeld für den Hauptbelastungszeugen gefeilscht. Bei 150.000 Euro „Wiedergutmachungsleistung“ wurde man sich letztlich einig.

Protokolle der Telefonüberwachung brachten Details ans Licht

Was sogar schriftlich in einem Vertrag fixiert worden sein soll, abgeschlossen in der Praxis eines Bremer Rechtsanwaltes. Nun könnten die Angeklagten dem Prozess entspannt entgegensehen, versicherte das Opfer seinen Peinigern. Doch davon ist in dem Prozess längst keine Rede mehr. Immer mehr Details förderten die Protokolle der Telefonüberwachung zutage, sodass drei der Angeklagten schließlich ihr Schweigen vor Gericht brachen und zumindest den äußeren Tatablauf des Belastungszeugen bestätigten.

Die gewaltsame Entführung samt Misshandlungen und Todesdrohungen stritten sie allerdings ab. Dies alles habe der Zeuge frei erfunden. Vielmehr sei er freiwillig mit ihnen gegangen. Selbst die Verkleidung als Frau sei einmütig erfolgt.

Lesen Sie auch

Thorsten Prange, Vorsitzender Richter des Verfahrens, bewertete diesen Teil der Geständnisse als „kaum lebensnah“ und „wenig plausibel“. Zumal das Opfer in den abgehörten Telefonaten immer wieder von Entführung, Folter und Misshandlungen gesprochen habe. Insbesondere die Zustimmung des Opfers zum Überziehen der Frauenkleider sei unglaubwürdig, erklärte Prange.

Prozess wird Montag fortgesetzt

Habe der Zeuge dies doch in gleich mehreren Telefonaten als besonders demütigend und erniedrigend bezeichnet. Gerade mit Blick auf die kurdische Herkunft der Beteiligten sei jedem klar gewesen, wie herabwürdigend die Vorführung des Mannes in Frauenkleidern gewesen sei, betonte der Richter. Dies habe auf die gesellschaftliche Vernichtung des Mannes gezielt. Wie sehr ihn dies tatsächlich getroffen habe, belege ein weiteres Telefonat. „Es wäre besser gewesen, wenn die mich erschossen hätten“, habe der Zeuge zu seinem Bruder gesagt.

Der Prozess wird Montag fortgesetzt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+