Nachfrage deutlich gestiegen Kaum Chance auf eine Hausgeburt in Bremen

Die Nachfrage nach Hausgeburten oder einer Geburt im Geburtshaus Findorff steigt, doch die Chancen stehen schlecht. Es gibt zu wenige Plätze und bis Juni 2021 sind sie bereits ausgebucht.
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Von Karina Skwirblies

„Wir müssen viele Frauen abweisen“, bedauert Heike Schiffling vom Bremer Hebammenverband. Frauen, die in den kommenden Monaten entbinden möchten, haben in Bremen keine Chance mehr, ihr Kind außerhalb einer Klinik zu bekommen. Die Plätze für eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus Findorff sind bis Juni 2021 vergeben.

„Die Nachfrage ist gestiegen“, beschreibt Heike Schiffling vom Hebammenverband ihr subjektives Gefühl, denn Zahlen liegen nicht vor. Die Besuchsbeschränkungen, die in den Kliniken durch die Corona-Maßnahmen gelten, würden viele Frauen verunsichern und den Wunsch nach einer Hausgeburt verstärken. In der Klinik kämen die Männer erst im Kreißsaal zur Geburt dazu. Die Frauen hätten das Gefühl, allein zu sein. Doch die Nachfrage nach einer Hausgeburt sei größer als das Angebot. „Frauen, die sich frühzeitig melden, erhalten einen der wenigen Plätze.“ Es sind rund 20 außerklinische Entbindungen pro Monat, die die 13 freiberuflichen Hebammen in Bremen in der Geburtshilfe begleiten.

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„Ich würde mir wünschen, dass jede Frau die Möglichkeit hat, sich frei zwischen einer Hausgeburt und einem Klinikaufenthalt zu entscheiden“, sagt Heike Schiffling. „Aber häufig finden die Frauen keine Kolleginnen.“ Die Regulierung ergebe sich aus der Zahl der Hebammen, die eine außerklinische Geburt anbieten. Aber die hohe Verantwortung und der hohe Einsatz würden dazu führen, dass viele Hebammen eher in der Vor- und Nachsorge arbeiten würden. Von den rund 120 freiberuflichen Hebammen in Bremen würden die wenigsten in der Geburtshilfe arbeiten.

Insbesondere in ländlichen Regionen würden sich Hausgeburten finanziell kaum lohnen. „Man muss schon viele Geburten pro Jahr haben, um die Kosten zu decken. Bei vier bis fünf Geburten pro Jahr lohnt es sich nicht mehr. Darum hat die Hebamme in Bremerhaven auch aufgehört.“

Weniger Zeit in den Kliniken

„Es ist eine leichte Steigerung über die letzten Jahre da“, berichtet Dortje Piesga, Landeskoordinatorin der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) in Bremen. Ein Grund für das gestiegene Interesse liege darin, dass die Hebammen in den Kliniken weniger Zeit hätten für die Gebärdenden. „Außerklinisch ist die Hebamme für die Frau stärker präsent“, ist Dortje Piesga überzeugt.

Die Hebamme gehört zum Team des Geburtshauses Findorff, das sowohl Hausgeburten als auch Geburten im Geburtshaus anbietet. „Durch unsere Teamarbeit könne wir besser planen und Bereitschaftszeiten absprechen.“ Ihre Erfahrung ist, das besonders junge Hebammen ein großes Interesse an außerklinischer Geburtshilfe haben.

Dortje Piesga wirbt für den Beruf der Hebamme. „Wir stehen in dem Ruf, dass wir wenig Geld verdienen“, beklagt sie. Doch dies sei nicht mehr der Fall. „Seit 2015 erhalten freiberufliche Hebammen vom Verband der gesetzlichen Krankenkassen für ihre Versicherungsbeiträge einen Sicherstellungszuschlag von 70 Prozent.“ Dies würde die Hebammen finanziell deutlich entlasten. „Aber das negative Bild ist haften geblieben.“

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In den Kreißsälen der Bremer Kliniken ist keine Veränderung der Geburtenzahlen durch das Coronavirus zu erkennen. „Wir rechnen damit, dass wir bei der Anzahl der Geburten ungefähr auf dem Niveau der Vorjahre liegen werden“, berichtet Karen Matiszick, Sprecherin des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno). Sie erwartet für dieses Jahr rund 2800 Geburten im Klinikum Links der Weser (LdW) und rund 2000 Geburten im Klinikum Bremen-Nord.

Allerdings würden viele Frauen wegen der Besuchseinschränkungen möglichst schnell nach der Entbindung wieder nach Hause gehen. „Beide Geburtskliniken bestätigen, dass die Nachfrage nach ambulanten Geburten spürbar gestiegen ist.“ Väter dürften in beiden Kliniken bei der Geburt dabei sein und danach bis zu zwei Stunden im Kreißsaal bleiben. Während im LdW wegen der Einschränkungen durch die Pandemie anschließend ein Besuchsverbot herrscht, dürfen Väter oder andere Bezugspersonen im Klinikum Bremen-Nord die junge Mutter täglich 45 Minuten lang besuchen.

Keine besondere Gefahr

„Seit Beginn der Pandemie haben in beiden Geburtskliniken häufig Frauen entbunden, die mit dem Coronavirus infiziert waren“, erzählt Karen Matiszick. Durchschnittlich seien es ein bis zwei Frauen pro Woche. „Für reife Neugeborene besteht nach heutigem Kenntnisstand aber keine besondere Gefahr, so dass auch infizierte Frauen auf natürlichem Weg entbinden können.“

Das Diakonie-Krankenhaus (Diako) in Gröpelingen stellt keine Auswirkungen von Corona auf die Entbindungsstation fest. „Die Zahl der Geburten ist im Vergleich zum Vorjahr annähernd gleich geblieben und liegt dieses Jahr wahrscheinlich knapp unter 900“, erklärt Sprecher Ingo Hartel. Dass Frauen wegen der Besuchsregelungen eine ambulante Geburt bevorzugen, kann Hartel nicht bestätigen. Väter oder eine Begleitperson seien im Diako vom Besuchsverbot ausgenommen. Sie dürften die Entbindung begleiten und auch nach der Geburt ihre Frauen besuchen. Bislang seien nur einige wenige werdende Mütter mit Covid 19 infiziert gewesen. In diesen Fällen sei jeweils eine Hebamme ausschließlich für diese Gebärende zuständig gewesen und bei Bedarf ein Covid-Arzt hinzugezogen worden.

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Einen durch die Corona-Pandemie ausgelösten Babyboom erwartet Christian Albring nicht. Der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover glaubt nicht an eine Zunahme von ungeplanten Schwangerschaften. „Im Lockdown gab und gibt es eine ganz erhebliche Einschränkung des sozialen Lebens und der Kontaktmöglichkeiten“, begründet er seine Vermutung. 90 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland seien geplant, nur zehn Prozent ungeplant. „Mehr Sex – zum Beispiel durch mehr gemeinsame Zeit im Lockdown – bedeutet heute nicht mehr mehr Schwangerschaften, weil eine zuverlässige Verhütung bei der überwiegenden Zahl der Frauen heute Standard ist“, sagt Christian Albring.

Auch der Babyboom nach dem Stromausfall in New York 1964 sei nur eine Meldung aus einigen Kliniken gewesen. „New-York-weit konnte dieser Babyboom nicht bestätigt werden.“

Info

Zur Sache

Bremen auf Platz eins

Bremen liegt bei der Zahl der außerklinischen Entbindungen bundesweit an der Spitze, hat die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) errechnet. Im Jahr 2019 waren es 239 von 7149 Geburten und damit 3,34 Prozent. Sachsen liegt mit 3,03 Prozent auf Platz zwei gefolgt von Berlin mit 2,89 Prozent. Den geringsten Anteil an außerklinischen Entbindungen hat Schleswig-Holstein mit 0,69 Prozent aufzuweisen. Berücksichtigt hat die Gesellschaft sowohl Hausgeburten als auch Geburten in Einrichtungen, die von Hebammen geführt werden. Die Quote für ganz Deutschland lag 2018 bis 2,19 Prozent, für 2019 liegen die Zahlen noch nicht vor.

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