Bremen beschleunigt Wandel neuer Privat-Uni

Neue Jacobs-University: Tür offen, Geldhahn zu

Senat macht den Weg frei zur Umwandlung der Jacobs University durch ein finanzstarkes Investoren-Konsortium. Zustimmung kommt von allen Fraktionen.
18.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Neue Jacobs-University: Tür offen, Geldhahn zu
Von Joerg Helge Wagner
Neue Jacobs-University: Tür offen, Geldhahn zu

Die private Jacobs-University soll durch ein deutsch-chinesisches Konsortium zu einem Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz umgewandelt werden.

Ingo Wagner / dpa

Spätestens im nächsten Juni stellt das Land Bremen die finanzielle Unterstützung der Jacobs University (JUB) komplett ein. Das machten Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (beide SPD) am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz deutlich. Hintergrund sind Gespräche mit einem deutsch-chinesischen Konsortium, das die private Hochschule in Grohn zu einem Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz (KI) umbauen will (wir berichteten).

„Nun hat der Senat dafür die Tür geöffnet“, sagte Schilling. Soll heißen: Er hat zugestimmt, dass die Stiftung Jacobs Foundation als Mehrheitseignerin ihre Anteile an das Konsortium verkauft. Die notwendige Genehmigung durch die Landesregierung beruht auf einer Vereinbarung mit der Foundation. Das Land hatte die chronisch klamme JUB immer wieder mit erheblichen Beträgen unterstützt.

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Künftig kommt das Geld nur noch vom Softwarekonzern SAP, dem chinesischen IT-Dienstleister Neusoft und dem Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), also den drei Mitgliedern des Konsortiums. Die Jacobs Foundation wiederum wird 63 Millionen Schweizer Franken, die sie eigentlich bis 2027 zugesagt hatte, bereits in diesem Jahr auszahlen.

Ende der Woche wollen Schilling und die drei Partner des Konsortiums eine Absichtserklärung („Letter of Intent“) zur Neuausrichtung der JUB unterschreiben. „Das hat noch nicht den Charakter eines Vertrages“, erklärte der Jurist Bovenschulte – gleichwohl ist es ein wichtiger Schritt zur Rettung dieser Hochschule und hunderter daran hängender Arbeitsplätze.

Zustimmung von allen Fraktionen

Entsprechend euphorisch ist der Bürgermeister: „KI ist eines der weltweiten Zukunftsthemen, SAP ist die wertvollste europäische Marke und seit Daimler und Airbus der erste Weltkonzern, der sich in Bremen maßgeblich engagiert.“ Ausdrücklich dankte er Schilling für die bisherige Verhandlungsführung. „Wenn es weiter sehr gut läuft, kann die Übergabe der JUB schon zum Jahresende stattfinden“, sagte Schilling, „ansonsten definitiv Ende Juni 2021“.

Nun gelte es, Synergien zu schaffen: Bremen brauche möglichst viele Institutionen, um auf dem Gebiet der KI ganz vorne mitzuspielen, betonte Bovenschulte mit Blick auf die staatliche Universität, an der es bereits renommierte Einrichtungen auf diesem Sektor gibt. „Bremen macht mit dieser Entwicklung einen weiteren Schritt hin zu einem Wissenschafts- und Industriestandort der nächsten Generation“, ergänzte Bovenschultes Vorgänger Carsten Sieling, der für die SPD-Fraktion als Gastmitglied im Board der Jacobs University die Entscheidung begleitet hat. „Universitätsausbildung, qualifizierte Arbeitsplätze und Wertschöpfung wachsen hier zum Wohle unseres Bundeslandes zusammen.“

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Viel Zustimmung gibt es von allen Fraktionen. Klaus-Rainer Rupp, finanzpolitischer Sprecher der Linken, lobt: „Bremen wird endlich kein Geld mehr in die Jacobs University stecken müssen. Das neue Geschäftsmodell scheint deutlich seriöser als das der JUB.“ Zudem gefällt ihm, dass die Grundstücke der Hochschule in öffentliche Hand kommen und in Erbpacht vergeben werden: „Sie sind so sicher vor Spekulationen.“ Für die Grünen erklärt die wissenschaftspolitische Sprecherin Solveig Eschen: „Mit dem KI-Konsortium hat die JUB nun eine echte Entwicklungsperspektive.“

Allerdings erfordere vor allem die Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen Neusoft einen engen Austausch zwischen dem Konsortium und dem Land Bremen. „Dabei müssen Fragen wie ethische Aspekte der KI, Wissenschaftsfreiheit und der Umgang mit Technologie-Wissen im internationalen Kontext beraten werden.“

„Große Chance“

„Die CDU-Fraktion hat bereits mehrere Ideen für den Erhalt des Standortes, wie etwa die Etablierung einer internationalen Klima-Universität oder eines Medizinstudiums vorgeschlagen“, äußerte deren Abgeordnete Susanne Grobien. „Der jetzige mögliche Aufbau eines KI-Campus stellt ganz klar eine große Chance für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Bremen dar. Allerdings gibt es aktuell noch kein tragfähiges Konzept.“

Für die FDP betont Magnus Buhlert: „Es ist erfreulich, dass trotz Störfeuern und Begehrlichkeiten aus der Regierungskoalition nach Abwicklung und Verstaatlichung der JUB nun drei zukunftsträchtige Investoren und Träger gefunden wurden, um den Betrieb einer unabhängigen privaten Hochschule in Bremen sicherzustellen.“

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