Übergewicht bei Kindern

Jedes zehnte Kind in Bremen ist zu dick

Der Anteil übergewichtiger Mädchen und Jungen im Grundschulalter steigt seit Jahren. Dickmacher sind vor allem Zucker, Salz und Fett in Fertiglebensmitteln. Bremen fordert eine Nährwertampel für die Produkte.
27.12.2018, 21:02
Lesedauer: 3 Min
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Jedes zehnte Kind in Bremen ist zu dick
Von Sabine Doll

Immer mehr Mädchen und Jungen in Bremen sind zu dick: Bei der Einschulung ist bereits jedes zehnte Kind übergewichtig, fast jedes zwanzigste gilt sogar als fettleibig. Die Zahlen stammen aus einer Mitteilung des Bremer Senats, die dem WESER-KURIER vorliegt. Grüne und SPD hatten sich in einer Anfrage nach den „Strategien gegen Übergewicht, Adipositas und Diabetes durch zu viel Zucker in der Ernährung“ erkundigt. Zur Einschulung werden Kinder in Bremen jedes Jahr vom Gesundheitsamt untersucht, dazu gehört auch das Körpergewicht.

„Der Befund ist besorgniserregend. Auf jeden Fall zeigt er, dass es Handlungsbedarf gibt“, kommentiert Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) die Ergebnisse. „Ich fordere daher, eine Nährwertampel für verarbeitete Lebensmittel einzuführen, die durch ihre Farben eine gute Orientierung für Verbraucher bieten könnte.“ Gerade zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Langzeitfolgen soll die Kennzeichnung deutlich sichtbar machen, wie viel Zucker, Fett und Salz in einem Produkt versteckt seien. Für Laien seien die Zutatenlisten schwer verständlich, Zucker etwa verstecke sich auf Verpackungen hinter verschiedenen Bezeichnungen.

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Gemeinsam mit Berlin, Brandenburg, Hessen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Thüringen hatte Bremen auf der vergangenen Verbraucherschutzministerkonferenz einen Beschluss zur Einführung einer Nährwertampel gefasst. Auf Landesebene gebe es in Bremen seit diesem Schuljahr an zwölf Schulen sogenannte Gesundheitsfachkräfte, die Angebote unter anderem zu den Themen Ernährung und Bewegung machten.

Aus übergewichtigen Kindern werden oft übergewichtige Erwachsene

Quante-Brandt fordert den Bund zudem auf, die Einführung einer Zuckersteuer für Lebensmittel und Getränke zu prüfen. „Denn Studien zeigen, aus übergewichtigen Kindern werden oft übergewichtige Erwachsene“, so die Senatorin. Über 50 Länder weltweit haben solche Steuern bereits eingeführt. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts in Berlin sind in Deutschland 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 Prozent Männer und 24 Prozent Frauen) ist adipös. Im Land Bremen sind danach 22 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer adipös.

Die Liste der Gesundheitsschäden, die schon bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen auftreten können, ist lang: Jeder vierte Betroffene in dem Alter habe Fettstoffwechselstörungen, jeder dritte Bluthochdruck. Mit jedem weiteren Kilo steige das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, asthmaähnliche Beschwerden, Dehnungsstreifen und Infektionen der Haut, Gelenkprobleme, eine nicht-alkoholische Fettleber, Gallensteine und Depressionen.

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Dickmacher sind vor allem gesüßte Getränke wie Limonade oder Eistee, Milchprodukte wie Kakao oder Fruchtjoghurt sowie gesüßte Frühstücksflocken, sagt die Bremer Ernährungswissenschaftlerin Antje Hebestreit. „Das ist genau der Zucker, der im Übermaß zugesetzt, mit gesundheitlichen Problemen und Übergewicht bei Kindern in Zusammenhang steht.“

Am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS in Bremen erforscht Hebestreit die Entstehung von Übergewicht bei Kindern. Das Institut leitet die größte europäische Langzeitstudie dazu. Ein Ergebnis: „Mit umgerechnet 114 Gramm pro Tag sind deutsche Kinder Spitzenreiter bei der Gesamtzuckeraufnahme, Estland ist mit 77 Gramm das Land mit der geringsten Zuckerzufuhr“, so die Forscherin.

Lebensmittelindustrie ist gefordert

Hebestreit fordert mehr Regulierung vor allem gegenüber der Lebensmittelindustrie: „Ein Anteil von über zehn Prozent übergewichtigen Kindern wie in Bremen ist nicht hinnehmbar. Da müssen wir etwas tun.“ Eine simple und für alle verständliche Lebensmittelampel sei absolut sinnvoll. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte sich zuletzt gegen eine deutliche Kennzeichnung ausgesprochen, sie wolle „keine Ernährungspolizei“. Stattdessen setzt die Ministerin auf die Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie, Zucker, Fett und Salz in Fertiglebensmitteln zu reduzieren.

Skandinavische Länder machten vor, dass staatliche Regulierung eine Chance sei, betont die Bremer Forscherin: In Restaurants, Kantinen und Mensen gebe es kostenlos Trinkwasser. Salat in Schul- und Unikantinen sei ebenfalls kostenlos. In Kindergärten werde gesunder Haferporridge zum Frühstück gegessen. „Wir müssen dahin kommen, dass die gesunde Wahl immer die einfachere Wahl ist“, fordert Hebestreit. Davon würden vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren. Sie hätten das größte Risiko für Übergewicht und den höchsten Anteil adipöser Kinder, wie Studien zeigten.

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