Tagesvater aus Ritterhude Kinder auf Hausbesuch

Danny Wilken betreibt seine eigene Kindertagespflege. Aus seiner Sicht ist Kinderbetreuung kein typischer Frauenberuf. Bundesweit entscheiden sich jedoch nur wenige Männer für eine Laufbahn als Tagesvater.
14.09.2019, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Kinder auf Hausbesuch
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Ob zum Spielen, Toben oder Trösten: Bei seinen kleinen Schützlingen ist Danny Wilken mehr als beliebt. Seit über zwei Jahren betreibt der vierfache Vater seine eigene Kindertagesbetreuung in Ritterhude. „Manchmal muss ich eine Krake sein, wenn alle Kinder gleichzeitig mit mir toben wollen“, sagt Wilken. Wenn die Kinder traurig oder müde sind, suchen sie ebenfalls seine Nähe und
wollen auf seinem Arm oder Schoß zur Ruhe kommen.

Acht Jahre lang war Danny Wilken bei der Bundeswehr. Davor hat er bereits eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker absolviert und wollte sich eigentlich als Beulendoktor selbstständig machen. Doch eine Genehmigung für seine Geschäftsidee in der eigenen Garage bekam er nicht. Als er seine Tochter zu einer Tagesmutter brachte, kam er auf den Geschmack und entdeckte den Beruf für sich. „Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Das hätte ich schon viel früher tun sollen“, sagt Wilken.

Begeistert ist er vor allem deshalb, weil kein Tag wie der andere ist. „Wir haben hier immer viel Action. Die Arbeit mit den Kindern bringt mir einfach viel Spaß und ist nie eintönig oder langweilig“, sagt Wilken. Außerdem habe er eine Leidenschaft für jegliche Bastelarbeiten. „Bevor ich schlafen gehe, ist schon der nächste Tag in Planung. Eigentlich ist bei mir den ganzen Tag Kiwi“, sagt der 41-Jährige. Auf die Idee, seine Kindertagespflege Kiwi zu nennen, kam er durch Zufall. „Das war ganz lustig. Ich habe im Fernsehen eine Reportage über Kiwis gesehen, also über die Vögel. Da dachte ich, das passt ja. Kiwi kann als Abkürzung für Kindertagespflege Wilken stehen und außerdem ist das ein lustiger und tollpatschiger Vogel. So war der Name geboren“, erzählt der Tagesvater.

Bundesweit entscheiden sich nur wenige Männer für die Laufbahn als Tagesvater. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren im vergangenen Jahr nicht einmal vier Prozent aller Tageseltern männlich. In Niedersachsen liegt der Wert ebenfalls bei unter vier Prozent, in Bremen sind es knapp fünf Prozent.

Dass größtenteils Frauen in der Kinderbetreuung tätig sind, ist für den Niedersachsen weder ein Thema noch ein Problem. „Bei den Treffen der Tageseltern bin ich grundsätzlich der einzige Mann. Aber das sehe ich entspannt.“ Wobei die Kinderbetreuung aus Sicht des Tagesvaters kein typischer Frauenberuf ist. „Das ist was für beide Geschlechter. Aber man muss für diese Tätigkeit geboren sein. Und das bin ich auf jeden Fall.“

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Eröffnung nach Ausbildung und Praktikum

Trotzdem konnte Wilken seine Kindertagespflege nicht einfach so eröffnen. Zuvor musste der gebürtige Ostfriese eine Ausbildung absolvieren. Weil es damals im Kreis Osterholz keine freien Plätze gab, ist er ein- bis zweimal pro Woche nach Cuxhaven gefahren, um die Kurse dort zu belegen. „Nachdem ich die Hälfte der 160 Unterrichtseinheiten geschafft hatte, konnte ich bereits mit drei Kindern starten. Neben meiner eigenen Tochter habe ich zwei weitere Kinder betreut“, erzählt Wilken. Inzwischen hat er die nötige Prüfung bestanden und sein Pflichtpraktikum in der Kinderbetreuung absolviert. Somit darf er nun bis zu fünf Kinder betreuen.

Um Tagesvater werden zu können, brauchte er zudem eine Konzeption für seine Einrichtung. „Ich habe mich für den Schwerpunkt Natur entschieden“, sagt Wilken. Deshalb gibt es auf der Außenfläche neben Rutsche, Sandkasten und Bobbycars auch ein Insektenhotel, einen Kirsch- und einen Pflaumenbaum sowie einen Gemüsegarten. „So können die Kinder sehen, wo das Obst und Gemüse herkommt“, sagt Wilken. „Viele Kinder, die in Hochhäusern leben, kennen das gar nicht mehr. Hier können sie nicht nur selbst gießen, sondern später auch Tomaten oder Gurken ernten. Dann essen sie das Gemüse viel lieber.“

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„Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Piep, piep, piep, guten Appetit“, wünschen sich die Kinder mit Unterstützung von Wilken. Vor den Kleinen stehen bunte Schüsseln mit Hackfleisch-Risotto, gekocht von seiner Frau Jessica. Wenn sie nicht arbeiten muss, unterstützt sie ihn und bereitet das Essen für die Kinder zu. Ansonsten übernimmt der Tagesvater diese Aufgabe selbst. Gelegentlich kocht auch Nachbarin Uschi Leppat für die Kleinen. „Uschi ist unsere gute Seele“, sagt der Familienvater. „Ab und an bereitet sie richtige Hausmannskost zu, die die Kinder sonst gar nicht mehr bekommen würden, zum Beispiel Steckrübensuppe.“

Zu Anfang hat er die Kinder noch im Wohnbereich seines Hauses betreut. „Auf Dauer war mir das aber zu gefährlich. Die Kinder sind zum Beispiel gerne auf unser Sofa geklettert und da hätten sie leicht herunterfallen können“, sagt der Tagesvater. Deshalb hat er mit Freunden in seinem Garten ein kindgerechtes Kiwi-Haus gebaut. Hier hat nicht nur jeder seiner Schützlinge einen eigenen Platz am Esstisch, sondern auch sein eigenes Bettchen.

Platzvergabe in Reihenfolge

Aktuell betreut Wilken insgesamt fünf Jungen im Alter von bis zu drei Jahren. Ein Mädchen ist nicht dabei. „Das ist Zufall“, betont er. Die Plätze vergibt er in der Reihenfolge, in der die Anmeldungen bei ihm eingehen. „Demnächst kommen auch wieder zwei Mädchen zu uns“, sagt Wilken.

Bis zum Sommer kommenden Jahres hat er bereits alle fünf Betreuungsplätze vergeben. Mittlerweile erreichen ihn sogar Anfragen für das Jahr 2021. „Inzwischen führe ich schon eine Warteliste. Das ist eine tolle Bestätigung für mich“, freut sich der Ritterhuder.

Dass sich derart viele Eltern für seine Kindertagespflege interessieren, liege allerdings nicht daran, dass er männlich ist. „Das ist in den
Elterngesprächen eigentlich nie ein Thema“, sagt Wilken. „Den Eltern gefallen die Räumlichkeiten. Zudem sind sie von meiner Konzeption überzeugt.“

Katja Kern ist vor allem von Wilkens Art begeistert. Gut eineinhalb Jahre, bis zum Eintritt in den Kindergarten, hat er ihre Tochter Katharina betreut. „Im ersten Moment habe ich schon überlegt, will ich meine Tochter zu einem fremden Mann geben. Das ist schon eine kleine Hürde gewesen“, sagt Kern. Deshalb hat sie sich ausgiebig mit dem Thema auseinandergesetzt, hat die Internetseite des Tagesvaters studiert und zunächst das Gespräch am Telefon mit ihm gesucht. „Danach sind wir zu ihm hingefahren, um uns alles anzuschauen. Meine Tochter ist sofort zu ihm hin. Das hat überzeugt“, berichtet die Mutter.

Dass ihre Tochter bei Danny Wilken keine weibliche Bezugsperson hatte, war für sie kein Problem. „Erstens bin ich als Mutter für meine Tochter da, zweitens steckt Danny sehr viel Herzblut in die Arbeit mit den Kindern. Ich hatte nie das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlt“, sagt Kern.

Bekannt wie ein bunter Hund

Regelmäßig unternimmt Wilken Ausflüge mit den Kindern, etwa auf die nahe gelegene Pferdekoppel. Durch die Touren ist Wilken in der Umgebung bekannt wie ein bunter Hund. „Wir waren zum Beispiel auf der Messe Publica in Osterholz-Scharmbeck. Da wurden wir mehrfach von Leuten angesprochen, die uns kennen und wissen wollen, wie es bei uns so ist“, berichtet Wilken. Ähnlich sei es, wenn er mit den Kindern in den Supermarkt oder zum Bäcker geht.

Genauso fällt es auf, wenn er einmal nicht mit seinen Schützlingen durch die Gemeinde zieht. „Als unser Krippenwagen defekt war, konnten wir gut zwei Wochen keine Ausflüge unternehmen. Daraufhin haben sich die Menschen gleich erkundigt, warum wir nicht mehr unterwegs sind“, berichtet der Tagesvater.

Auch wenn Wilken vieles genauso macht wie seine weiblichen Kollegen, gibt es dennoch Unterschiede. „Ich glaube, manches gehe ich anders an, zum Beispiel beim Basteln. Kürzlich habe ich mit den Kindern Beton-Vogeltränken gebaut. Auf die Idee, mit Beton zu arbeiten, würden Frauen vielleicht nicht so schnell kommen“, vermutet er.

Katharina, die Tochter von Katja Kern, ist mittlerweile schon mehr als ein halbes Jahr nicht mehr bei den Kiwis. Trotzdem fragt sie noch immer regelmäßig nach Danny Wilken. Ein Wiedersehen gab es erst kürzlich auf dem Kiwi-Sommerfest, das der Tagesvater für alle ehemaligen, jetzigen und künftigen Kinder seiner Einrichtung organisiert. Auch bei solchen Gelegenheiten muss er eine Krake sein, um mit all seinen Schützlingen gleichzeitig toben zu können.

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