Zukunftskonzept 2025 Klinikverbund vor radikalem Umbau

Das medizinische Behandlungsangebot in den vier Kliniken der Bremer Gesundheit Nord soll neu zugeschnitten werden. Das geht aus dem noch vertraulichen "Zukunftskonzept 2025" hervor.
08.05.2018, 19:10
Lesedauer: 4 Min
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Klinikverbund vor radikalem Umbau
Von Jürgen Theiner

Um den städtischen Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) wirtschaftlich erfolgreich aufzustellen, soll das medizinische Angebot seiner vier Standorte neu ausgerichtet werden. Das ist die Botschaft des "Zukunftskonzepts 2025", das dem WESER-KURIER exklusiv vorliegt. Das 64 Seiten starke Papier beschreibt detailliert die Maßnahmen, die vom Geno-Vorstand und der Münchener Klinikberatungsgesellschaft WMC für erforderlich gehalten werden. "Eine Entscheidung gibt es noch nicht, wahrscheinlich fällt sie Ende Juni", sagt ein Aufsichtsratsmitglied der Geno.

Zuletzt hatte die Geno-Jahresbilanz 2017 den Handlungsbedarf drastisch vor Augen geführt. Mehr als 18 Millionen Euro Miese hatten die Häuser in Mitte, Ost, Nord und Links der Weser innerhalb von zwölf Monaten eingefahren. Wichtigste Ursache war eine Fehlplanung im Personalbereich (wir berichteten). Die Geno hatte sich ehrgeizige Ziele bei der Steigerung der Behandlungsfälle gesteckt und in der Erwartung des zusätzlichen Patientenaufkommens ihr ärztliches Personal deutlich aufgestockt. Als sich dieses Patientenplus nicht einstellte, wurde der Personalaufbau viel zu spät gestoppt.

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Die tieferen Ursachen für die wirtschaftlichen Probleme liegen jedoch nicht in solchen Fällen von betriebswirtschaftlichem Missmanagement. Sie sind vielmehr struktureller Art. In den vier Häusern, die wie im Fall der Standorte Mitte und Ost nur etwa acht Kilometer voneinander entfernt liegen, werden zu viele ähnliche Angebote vorgehalten, statt sie an leistungsstarken Zentren zu bündeln. Das "Zukunftskonzept 2025" setzt deshalb vor allem auf eine Konzentration der verschiedenen medizinischen Schwerpunkte an jeweils einem Standort. Eine Ausnahme bildet das Klinikum Nord.

Großes Stühlerücken

Im Einzelnen ist Folgendes vorgesehen: Das Klinikum Mitte bleibt Maximalversorger mit Schwerpunkten in der Krebsbehandlung sowie der Neurologie und wird darüber hinaus im Stadtgebiet südlich der Lesum einziger Standort für Gynäkologie und Geburtshilfe, Pädiatrie und Neonatologie. Im Gegenzug gibt Mitte seine Gefäßchirurgie an Links der Weser ab. Dort entsteht ein Herz-, Thorax- und Gefäßzentrum, das auch die bisherigen thorax- und allgemeinchirurgischen Kapazitäten des Klinikums Ost sowie die dort ansässige Lungenheilkunde integriert. In Ost verbleiben kaum somatische Bereiche. Dieser Standort wird klar als Kompetenzzentrum für Psychiatrie und Alters- und rehabilitative Medizin profiliert. Die Neurologie in Ost wandert an das Klinikum Mitte ab. Das Klinikum Nord in Vegesack nimmt aufgrund seiner geografischen Lage eine Sonderstellung als Regionalversorger für Bremen-Nord ein, auch mit Ausstrahlung ins angrenzende niedersächsische Umland. In dem Haus an der Hammersbecker Straße soll deshalb auch weiterhin ein vergleichsweise breites Behandlungsspektrum angeboten werden, also etwa Geburtsmedizin, Kardiologie, Innere Medizin und Chirurgie. Der vorhandene Schwerpunkt im Bereich der Alterstraumatologie und Endoprothetik wird ausgebaut. Diese neuen Strukturen sind bisher nicht mehr als ein Plan. Aber einer, für den aus Sicht der Geno-Spitze offenbar vieles spricht. Äußern wollte man sich dort am Dienstag nicht.

Die Idee der Bündelung medizinischer Kompetenzen ist keineswegs neu. Bereits in der Vergangenheit waren solche Konzentrationen in der Geno Thema – zum einen aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil Fachverbände und die Kostenträger des Gesundheitswesens diese Entwicklung forcieren. Hintergrund: Größere medizinische Einheiten ermöglichen einen höheren Spezialisierungsgrad des Personals und damit letztlich eine bessere Behandlungsqualität. Veränderungen der medizinischen Angebotspalette in den einzelnen Häusern stießen aber auch stets auf hinhaltenden Widerstand der Stadtteilpolitiker. "Hände weg von unserem Krankenhaus", so der häufige Reflex.

Investitionsbedarf noch unklar

Für die Geno-Führung und ihre externen Berater von WMC ist das kein Argument. Ihr Ziel ist es, den Krankenhausverbund durch effizientere Strukturen zukunftsfähig zu machen, damit die Geno nicht alle paar Jahre bei der Politik um eine Finanzspritze betteln muss. Im "Zukunftskonzept 2025" sind die Bilanzeffekte der geplanten Umstrukturierungen schon mal überschlägig berechnet. Sie würden nach vollständiger Realisierung bei 11,2 bis 13,1 Millionen Euro pro Jahr liegen. Hinzu kommen Verbesserungen aus einem Maßnahmenkatalog, der unabhängig von den neuen Strukturen verfolgt werden soll. Stichworte dieses Katalogs sind ein bessere Entlass- und Belegungsmanagement für die Klinikstationen, geänderte Besetzungspläne in den klinischen Diensten, Automatisierung und Digitalisierung. Unterm Strich sollen die Bündelung der Therapieangebote und die verbesserten Abläufe die Geno mittelfristig in die Lage versetzen, eine Gewinnmarge zu erzielen, die ausreicht, um Investitionen aus eigener Kraft zu stemmen.

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Noch nicht berechnet ist derzeit, wie viel Geld das große Stühlerücken zwischen den Kliniken Mitte, Ost und Links der Weser kosten würde. Zusammen mit den ohnehin notwendigen Ertüchtigungen von Gebäuden und medizinischer Infrastruktur müsste sicherlich ein dreistelliger Millionenbetrag einkalkuliert werden – und zwar zusätzlich zu jenen 185 Millionen Euro, die der Geno von den rot-grünen Koalitionsparteien bereits kurzfristig zugesagt sind. Voraussichtlich im Juni wird die Bürgerschaft über diese Finanzspritze entscheiden. Dieses Geld fließt vor allem in die Finanzierung des Neubaus an der St.-Jürgen-Straße und in die Absenkung des Betriebsmittelkredits, den die Geno bei privaten Banken hat. Schon die 185-Millionen-Euro-Subvention war von den freigemeinnützigen Krankenhäusern als Wettbewerbsverzerrung kritisiert worden. Würden Senat und Bürgerschaft nochmals großzügig Steuergelder für die Restrukturierung des Geno-Verbundes bereitstellen, stieße dies sicherlich auf noch heftigeren Protest der Konkurrenz.

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