Bremer Musiklabel

Erotik Toy Records: Sanftes Chaos

„Sensibel ist das neue Stark", sagt Tightill, 29 Jahre alt, Rapper. Er hat das zum Motto gemacht. Sein Bremer Label Erotik Toy Records ist gerade dabei, deutschem Hip-Hop die Engstirnigkeit zu nehmen.
02.02.2019, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Erotik Toy Records: Sanftes Chaos
Von Nico Schnurr
Erotik Toy Records: Sanftes Chaos

Deutscher Rap ist ein Spielplatz, und niemand sonst spielt gerade so kreativ mit Männlichkeitsbildern und Soundentwürfen wie das Bremer Label Erotik Toy Records.

Vasil Dinev

Der Rapper liegt in einem Schaufenster. Er trägt Boxershorts und ein Sektglas, mehr nicht. Neonröhren tauchen seinen amateurhaft tätowierten Oberkörper in kaltes Pink. Ein Schild blinkt: „Open“. Und der Rapper hinter der Fensterscheibe, der sich Tightill nennt und mit seinem Vokuhila aussieht, wie Fußballprofis in den 80er-Jahren aussahen, nur viel fertiger, näselt: „Die Welt funktioniert wie ein Bordell.“ Und dann nölt er: „Öffne mein Herz, hier, schmeiß noch mal nen Hunni rein.“

Im Video zum Song „Wo ist das Geld“ findet sich viel von dem, was den Bremer Tightill und sein Umfeld zu den zurzeit vielleicht aufregendsten Künstlern ihres Genres macht. Die dreieinhalb Videominuten, gedreht von Victoria Ruhe, stellen so ziemlich alles auf den Kopf, was sonst passiert im deutschen Hip-Hop, wo sie Härte regelmäßig mit Stärke verwechseln und Männlichkeit am Bizepsumfang und Kontostand bemessen. Nicht der Rapper schmeißt hier Scheine, er ist pleite und will welche verdienen. Tightill lässt nicht strippen, er strippt selbst. Und er macht sich wirklich nackt, wirkt verletzlich und kaputt, drauf und desillusioniert.

Berlin oder Bremen? Tightill sagt: „Da klingt vieles gleich, hier gibt es noch kreative Freaks.“

Berlin oder Bremen? Tightill sagt: „Da klingt vieles gleich, hier gibt es noch kreative Freaks.“

Foto: Vasil Dinev

Gegen die Engstirnigkeit

Tightill, der eigentlich Till heißt, ist Mitte 20, als er in einem Züricher Casino als Stripper arbeitet. Ein Tanz, drei Minuten, hundert Franken: schnelles Geld. Till tingelt in dieser Zeit als Hausbesetzer durch die Halbwelt. Barcelona, Zürich, Berlin, die Vita eines Vagabunden. „Ein Freak-Leben“, sagt Till. Neun Jahre ist er unterwegs, weg aus dem Steintor. Und wahrscheinlich musste mal einer rauskommen, komplett anderes sehen, um deutschem Rap die Engstirnigkeit zu nehmen.

„Sensibel ist das neue Stark“, sagt Till, als hätte er gerade einen Werbespruch erfunden. Er hat das tatsächlich zum Motto gemacht. Sein Bremer Label und Künstlerkollektiv Erotik Toy Records nennt sich „the most sensitive Crew alive“, die sanfteste aller Rapcrews.

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Die Geschichte der Gruppe beginnt in Berlin. Till wohnt Anfang 2017 noch in Kreuzberg, als ihn sein Bremer Bekannter Vincent alias Doubtboy besucht. Sie nehmen ein Mixtape auf, Herzschmerz auf Beats, die klingen wie die Samttrainingsanzüge und Mokassins in den dazugehörigen Videos aussehen. Das Ergebnis heißt „RnB Anarchie“ und ist eine halbstündige Teststudie zur Frage, wie viel Herbertgrönemeyerhaftigkeit der Refrain eines Rapsongs verträgt. In der mäßig humorbegabten Szene rätseln sie: Meinen die das ernst? Das Mixtape wird ein kleiner Erfolg, und Till zieht zurück nach Bremen. Schnell merkt er: „Das Potenzial ist in Bremen viel größer als in Berlin. Da klingt vieles gleich, hier gibt es noch kreative Freaks.“

Bremer im Berliner Berghain

Ein paar Monate später steht das Kollektiv. Ein Theaterschauspieler ist dabei, dessen Bruder auch. Dann ein Konzertveranstalter, dazu ein ehemaliger Sänger einer Rockband, der jetzt auf Englisch über britische Bassmusik rappt. Und ein Produzent, der lieber Radiohead als Rap hört und früher wie sein weltbekannter Vater Stephan Bodzin Techno gemacht hat. Wie geht das zusammen?

„Wir prollen nicht, wir sind alle lieber sanft. Ganz normale Softies“, sagt Vincent, der Schauspieler. Und während er das sagt, balanciert er auf einem Bein, einfach so, mit ausgestreckten Armen. Wie ein Skispringer bei der Landung. Die erste Tour des Labels beginnt bald, und deswegen hat sich die Gruppe in einem Waller Hinterhof getroffen. Eigentlich wäre jetzt Probe in dem fensterlosen Raum zwischen Europaletten und Orientteppichen, die erste überhaupt. Aber natürlich ist keine Probe, nur Chaos.

Es gibt polnisches Bier und billigen Weißwein aus Plastikbechern, viel davon. Große Diskussionsrunde, wildes Durcheinander. Hin und her, heiter und ernst im Wechsel. Es müssen dringend besprochen werden: Bierpreise am Sielwall (zu hoch), Postleitzahl-Tattoos auf Händen (schon schick), Kitsch in der Musik (immer gut, solange er nicht von der Bon-Jovi-Fraktion kommt). Dann Themenwechsel, plötzlich geht es darum, wie das ist, Musik zu machen in einem Genre, in dem viele so tun, als hätte es die MeToo-Debatte nicht gegeben.

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Harte Sprache gehört zum Rap, sagt Till, er nutzt sie ja selbst, das ist nicht sein Problem. „Ich wundere mich nur über Typen, die im wirklichen Leben normal drauf sind, liebe Kerle, und dann fangen sie an zu rappen und erzählen ständig und vollkommen ernst von Bitches.“ Pause. Dann sagt er: „Da frage ich mich immer: Was ist los mit denen? Merken die nichts? Die müssen das doch nicht bedienen, das machen doch schon mehr als genug andere.“ Und weil Erotik Toy Records das nicht bedienen und auch sonst einiges anders machen als der Rest, verspielter sind im Auftreten, mutiger im Sound, ehrlicher in den Texten, gelten sie in Szenekreisen längst als das nächste große Ding.

Wie ein Skispringer bei der Landung: Vincent alias Doubtboy macht im Proberaum natürlich alles außer proben.

Wie ein Skispringer bei der Landung: Vincent alias Doubtboy macht im Proberaum natürlich alles außer proben.

Foto: Vasil Dinev

Im März spielen sie in der Kantine des Berghain. Im Berliner Techno-Tempel dürfen sonst natürlich nie deutsche Rapper auftreten, die Bremer nun schon. Das aktuell angesagteste Produzententeam, Millionen Streams, Goldene Schallplatten, hat die Bremer in ihr Hauptstadt-Studio eingeladen. Sie haben neue Songs aufgenommen, und dann hat einer der Produzenten zu Till gesagt: In zwei Jahren seid ihr da, wo wir jetzt sind – oben. Im gefühlten Wochentakt pilgern gerade die Schreiber hipper Berliner Magazine ins Viertel, um sich einmal mit den Jungs von Erotik Toy Records zu betrinken und das dann irgendwie aufzuschreiben. Alle Auskenner staunen, was da in Bremen passiert. Nur zahlt sich die Miete davon allein auch nicht.

Miami Vice trifft Mario Kart

Und Miete, das ist gerade ein Reizthema bei Erotik Toy Records. Einer der Rapper ist aus seiner Wohnung am Sielwall geschmissen worden. Die Bude war so etwas wie das kreative Hauptquartier. Dann kam die Räumungsklage. Miete nicht gezahlt. Dabei könnte es längst anders laufen, wenn sie wollten. Aber Till und die anderen wollen nicht. Red Bull hat angefragt, sie haben abgelehnt. Begründung Till: „Der Inhaber unterstützt die Rechten, kann man nicht machen.“ Labels haben angefragt, sie haben abgelehnt. Till: „Unsympathische, neoliberale Typen.“

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Die Sache ist bloß, dass Bafög und Halbwaisenrente nicht ewig gezahlt werden. Und dass es sich von den 500 Euro, die Spotify gerade für eine halbe Million Streams überwiesen hat, und den 65 Euro Festivalgage pro Rapper nicht leben lässt. Das Geld, das mit der Musik reinkommt, reicht ja noch nicht einmal, um die Videoteams zu bezahlen. Dem Grafiker, der die Plattencover entwirft, haben sie immerhin 50 Euro zugesteckt. Natürlich weiß Till: „Über Jahre geht das so nicht.“ Wenn es funktionieren soll mit der Musik, und zwar nach ihren Regeln, dann muss das alles bald größer werden. Raus aus der Auskennernische. Am besten schon mit Tills neuem Album.

Es gibt polnisches Bier und billigen Weißwein aus Plastikbechern, wenn Erotik Toy Records proben. Oder es zumindest versuchen.

Es gibt polnisches Bier und billigen Weißwein aus Plastikbechern, wenn Erotik Toy Records proben. Oder es zumindest versuchen.

Foto: Vasil Dinev

Ein Samstagabend im Steintor, Freunde von Till weihen ihre neue Bar in der Weberstraße ein. Er ist auch da, und während die Bässe bollern und sich die Kunststudenten betont gelangweilt über die Tanzfläche schieben, will er schnell noch das neue Musikvideo auf dem Smartphone vorführen. Wieder wunderbarer Irrsinn, Miami Vice trifft Mario Kart, die Brill-Kreuzung sieht aus wie der Times Square, und Till säuselt von pinken Nächten und triefenden Dönern. „Hit, oder?“

Ein paar Stunden und einige Weizenbier später geht es noch mal kurz um den Karriereplan. „Ich habe das süße Leben lange genug gelebt. Bald werde ich 30, natürlich muss ich langsam zusehen, wo ich bleibe“, sagt Till. „Aber das muss klappen, ohne dass jetzt plötzlich alles so richtig profimäßig wird.“

Im Waller Hinterhof hat man am Abend zuvor nicht das Gefühl, dass da eine Gefahr besteht. Till und die anderen wollten proben, aber dafür ist jetzt schon zu viel Fusel geflossen. Stattdessen drischt Produzent Luka auf eine Gitarre ein. Er stimmt den Lagerfeuerkatalog an, das passt zum Pegel. Die Gruppe ist jetzt in ihrem Element, sensibel im Suff, ein bisschen gerührt von allem. So kommt es, dass man Zeuge wird, wie sich sechs Rapper in den Armen liegen und singen. Und sie grölen Oasis, Wonderwall.​

Weitere Informationen

Die Rapper von Erotik Toy Records treten am Freitag, 15. März, im Kulturzentrum Lagerhaus auf. Es gibt noch Karten.

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