15-Jähriger in Neujahrsnacht 2017 getötet Lange Haftstrafen im Fall Odai K.

Wegen der Tötung eines 15-jährigen Syrers in der Neujahrsnacht 2017 hat das Landgericht Bremen drei Männer zu langen Haftstrafen verurteilt.
08.04.2019, 11:00
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Lange Haftstrafen im Fall Odai K.
Von Nina Willborn

Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der Reue. Nicht während der vorangegangenen 73 Prozesstage, und auch nicht am 74., dem vorerst letzten im Fall des am 7. Januar 2017 verstorbenen syrischen Flüchtlings Odai K.. Seinen Anwälten wolle er danken, den Wachtmeistern der Justiz, weil sie während des Prozesses immer so "nett und freundlich" zu ihm, seinem Bruder und seinem Neffen gewesen seien, antwortete einer der drei Männer aus Lüssum auf die Frage der Richterin, ob die Angeklagten vor der Verkündung des Urteils noch etwas zu sagen hätten. Und natürlich wolle er auch seiner Frau danken, die während seiner Untersuchungshaft Großartiges geleistet habe.

Das Urteil des Landgerichts nahmen die türkischen Brüder kurdischer Herkunft, inzwischen 37 und 26 Jahre alt und der heute 18-jährige Deutsch-Armenier dann zunächst weitgehend reglos auf. Wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags müssen die beiden älteren Männer für jeweils zwölf Jahre ins Gefängnis. Der Neffe, der zur Tatzeit mit 16 Jahren noch rechtlich gesehen minderjährig gewesen war, erhielt eine Jugendstrafe von sechs Jahren Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die drei Angeklagten ihr Opfer in der Neujahrsnacht 2017 im Hinterraum einer Teestube in Lüssum mit Fäusten und Füßen derart brutal geschlagen und getreten hatten, dass der Junge eine Woche später in einer Klinik an den Folgen der Misshandlungen gestorben war. Der Tat vorausgegangen war mutmaßlich ein Streit zwischen dem Neffen und Odai, in dem Letzterer die Beleidigung "F ... deine Mutter" geäußert haben soll.

Erst mitten in der sehr ausführlichen Begründung, die die vorsitzende Richterin rund anderthalb Stunden lang vortrug, zeigte der Neffe, der wie seine beiden Onkel während des gesamten Prozesses auf eine Aussage verzichtet hatte, eine Regung: Er beschimpfte die Richterin als "Schlampe" – unklar, ob es eine Reaktion auf die Härte des Urteils oder grundsätzliche Missachtung der deutschen Gerichtsbarkeit war.

Zu diesem Zeitpunkt war die Mutter von Odai bereits unter lautstarken Beschimpfungen von Angehörigen der Angeklagten, die den voll besetzten Zuschauerbereich im Saal 218 des Landgerichts türenknallend verlassen hatten, mit einem Krankenwagen abgeholt worden. Schon vor der Eröffnung der Verhandlung am Montagmorgen wurde sie von Weinkrämpfen geschüttelt, direkt nach der Urteilsverkündung brach sie psychisch und körperlich zusammen – nicht zum ersten Mal während des Prozesses, der Anfang Juli 2017 begonnen hatte.

Die Kammer orientierte sich bei ihrem Strafmaß im Wesentlichen an der Argumentation und den Anträgen der Staatsanwaltschaft. "Das Gericht hat keine Zweifel, dass die Angeklagten den Tod ihres Opfers billigend in Kauf genommen haben", sagte die Richterin. Es sei "eine Tat aus nichtigem Anlass" gewesen, aufgrund der Beleidigung eines 15-Jährigen, der vor allem den beiden älteren Angeklagten körperlich weit unterlegen gewesen war. Die Verteidigung hatte generell die Glaubwürdigkeit der Tatzeugen bezweifelt, Rechtsanwalt Martin Stucke wiederholte seine ausführliche Argumentation kurz vor dem Urteil. Auch ein möglicherweise religiös motiviertes Komplott zu Ungunsten der Angeklagten durch Falschaussagen der Zeugen hatte die Verteidigung mehrfach ins Feld geführt. Den kurdischen Angeklagten war direkt nach der Tat die Nähe zur verbotenen PKK nachgesagt worden. Das Gericht wies diese Theorie jedoch als "absurd" zurück.

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Gut möglich, dass die Verteidigung gegen das noch nicht rechtskräftige Urteil vorgeht und der Fall vor dem Bundesgerichtshof landet. "Das Manko des Verfahrens war, dass es keine objektiven Beweise gab", sagte Rechtsanwalt Stefan Hoffmann. Insa Peters-Rehwinkel, Verteidigerin der Nebenkläger, hält das Urteil für angemessen. "Der gesamte Prozess war für die Eltern und Odais Geschwister sehr anstrengend. Die Familie war mit der Hoffnung auf ein besseres Leben hierher geflüchtet. Und dann passiert so etwas", sagte sie. Auch Peter Nowack, Leiter des Blumenthaler Ortsamts, nahm das Urteil positiv auf. "Ich hoffe, die Familie der Angeklagten lernt, dass solche Formen von Gewalt kein Mittel sind", sagte er. Nowack will sich nun bei Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) dafür einsetzen, dass "ernsthaft geprüft" werde, den Aufenthaltsstatus der Verurteilten nach ihrer Haft aufzuheben, um sie dann abzuschieben.

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