Interview über Deichsicherheit

Michael Dierks im Interview: „Wir wappnen uns für den Klimawandel“

Neuerdings ist Michael Dierks der oberste Deichschützer in Bremen am linken Weserufer. Er hat ein Herz für Wassertiere – solange sie nicht die Deiche zerstören. Dann schickt er die Jäger los.
14.10.2018, 22:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel
Michael Dierks im Interview: „Wir wappnen uns für den Klimawandel“

Michael Dierks im Gespräch

Walter Gerbracht

Sie sind der neue, oberste Deichschützer am linken Weserufer und müssen dafür Sorge tragen, dass bei den Menschen von Arsten bis Seehausen die Füße trocken bleiben. Ist diese Aufgabenbeschreibung korrekt?

Michael Dierks: Ja, grob betrachtet schon, aber wir vom Deichverband sind nicht nur für den Schutz vor Hochwasser und die Deichsicherheit zuständig. Wir tragen auch die Verantwortung für alle größeren Gewässer sowie wassertechnische Anlagen wie Schöpfwerke und Siele im Verbandsgebiet. Und das reicht vom linken Weserufer bis zur Ochtum beziehungsweise der Varreler Bäke.

Waren Sie schon in jungen Jahren ein Deichkind oder woher stammt Ihr Interesse an dem Thema?

Der Bauernhof meiner Eltern steht ganz trocken und sicher auf einem Geestrücken im Oldenburger Land, da hatte ich als kleiner Junge noch ganz andere Pläne. Aber während meiner Schulzeit hat ein Praktikum beim Ochtumverband meine Begeisterung an der Wasserwirtschaft geweckt. Und heute sitze ich hier.

Was sind Ihre großen Zukunftsaufgaben links der Weser?

Ein großer Nager, der aus Südamerika eingewanderte Nutria, bereitet uns Sorgen, der mit seinen Familienburgen an manchen Stellen die Deiche schädigt. Gemeinsam mit der Landesjägerschaft versuchen wir, die extrem schnell wachsende Population zu begrenzen. Und wir müssen uns schon heute aber auch in Zukunft intensiv mit dem Klimawandel beschäftigen und uns gegen höhere Sturmfluten, aber auch häufigere Trockenperioden und Starkregenereignisse sowie andere Effekte wappnen.

Wie machen Sie das?

Bei den Deichen sind wir mit dem Generalplan Küstenschutz gut aufgestellt und erneuern bereits seit Jahren Stück für Stück den Weserdeich von Nord nach Süd. Und dabei wird bereits eine Ausbaustufe, die 75 Zentimeter höher liegt, als zunächst nötig wäre, mitgeplant. Und die rasante Entwicklung der Klimaprognosen zeigt: Das ist die richtige Entscheidung, weil wir diese Höhe eines Tages brauchen werden, damit die Deiche den immer extremer werdenden Wasserständen bei Sturmflut standhalten können. Auch bei den technischen Anlagen versuchen wir, immer intelligentere Steuerungssysteme einzubauen, damit die Be- und Entwässerung der Gebiete hinter dem Deich auch bei Extremwetterverhältnissen weiterhin gut funktioniert.

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Die nächste Deicherneuerung ist für Rablinghausen geplant, aber ins Stocken geraten. Gibt es denn aktuell einen verbindlichen Zeitplan, wann die Arbeiten anlaufen?

Einer der Gründe für die Verzögerung ist, dass wir einen grünen Deich an Stelle der bisherigen Spundwand anlegen wollen. Der nimmt mehr Platz in Anspruch, ist aber langfristig wirtschaftlicher und nachhaltiger. Doch dafür müssen wir leider etliche Parzellen sowie auch Vegetation in Anspruch nehmen. Eine Kompensation dafür zu finden, ist zeitaufwendiger als anfangs gedacht. Unter Vorbehalt kann ich sagen, dass wir hoffen, Anfang 2020 das Planfeststellungsverfahren abschließen zu können und dann im Laufe des Jahres 2020 mit bauvorbereitenden Maßnahmen beginnen zu können.

Die betroffenen Kleingärtner drängen auf eine schnelle Entschädigung. Wann können Sie damit rechnen?

Herrin des Verfahrens ist hier die Stadt, der das Pachtland gehört, aber auch der Bund ist als Hauptmittelgeber der Baumaßnahme mit beteiligt. Nach aktuellem Stand können die dazu notwendigen Schätzungen leider erst nach dem Planfeststellungsverfahren stattfinden. Sie können mir glauben, dass der Deichverband intensiv darum gerungen hat, das vorzuziehen, aber das ist nach jetzigem Stand leider nicht möglich.

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Das wohl umstrittenste und größte Deichprojekt Bremens ist sicherlich die Stadtstrecke am Neustädter Weserufer. Kann eine relativ kleine Organisation wie der Deichverband so ein Mammutprojekt überhaupt alleine stemmen?

Bei uns sind insgesamt 26 Menschen beschäftigt. Diese arbeiten zu einem guten Teil im Bauhof oder übernehmen die Verwaltung. Ich bin einer von vier Bauingenieuren am linken Weserufer und maßgeblich an der Stadtstrecke beteiligt. Das sind nicht sehr viele, das stimmt. Wir planen derzeit den Rahmenentwurf, diesen Projektschritt können wir gut bewältigen.

Was sagen Sie aus fachlicher Sicht zu der viel kritisierten Fällung der Platanen, die für den Deichneubau geplant ist?

Ich kann nur sagen, dass es den Beteiligten in der Lenkungsgruppe nicht leicht gefallen ist, sich gegen diese schönen Bäume zu entscheiden, die sicherlich gut fürs Mikroklima sind und auch stadtbildprägend, da hat die Bürgerinitiative schon recht. Aber das Risiko ist einfach zu hoch, dass die Bäume bei den anstehenden massiven baulichen Eingriffen im Wurzelraum so großen Schaden nehmen, dass sie weit vor ihrer eigentlichen Lebensdauer eingehen. Man hat sich daher gleich für einen Neuanfang mit Neupflanzungen entschieden. Allgemein möchte ich anmerken, dass Bäume grundsätzlich nicht auf einen Deich gehören, weil sie diesen schädigen können. Aber bei der Stadtstrecke hat man bislang eine Ausnahme gemacht und mit hohem Kontrollaufwand und durch Kronenrückschnitte zur Reduzierung der Sturmlast dafür gesorgt, dass sie erhalten bleiben können. Rein formal trägt die Verantwortung für die Pflege der Bäume das Umweltressort und nicht wir.

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Ist Ihnen die vielfältige Nutzung der Deiche ein Dorn im Auge?

Nein. Für uns sind es Deichverteidigungswege und Schutzwälle gegen Hochwasser, das bereits im erhöhten Tidefall ansonsten 60 Prozent der Stadtfläche überschwemmen würde. Doch wir akzeptieren, dass viele Bremer die Deiche zum Spazieren gehen und Radfahren nutzen und sie sich auf den Wiesen entspannen wollen. Solange das nicht die Deichsicherheit gefährdet, ist das ok.

Aktuell haben Sie wieder Ihre Mitglieder an die Pflicht erinnert, die Wassergräben an Privatgrundstücken zu reinigen. Warum?

Wenn die Gräben verstopfen, kann das Wasser nicht mehr abfließen und sie verlieren schlimmstenfalls ihre Be- und Entwässerungsfunktion. Im Zweifelsfall riskieren die Menschen damit, dass sie nasse Füße bekommen. Doch gleichzeitig ist uns wichtig, dass dieses Netz der Wassergräben auch den vielen Lebewesen, die dort leben, einen Rückzugsraum bietet. Das überein zu bringen, ist nicht immer leicht. Daher freuen wir uns, wenn unsere Mitglieder die Gräben möglichst frei halten und sie trotzdem so naturnah wie möglich gestalten.

Die Fragen stellte Karin Mörtel.

Info

Zur Person

Michael Dierks

leitet seit Anfang Oktober als Geschäftsführer den Deichverband am linken Weserufer. Der Wasserbauingenieur ist 32 Jahre alt und lebt in Wildeshausen. Zuvor hat er für Wasser- und Bodenverbände in Niedersachsen gearbeitet.

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