Verunsicherung wegen der Ochtum Nach Anglern auch Gärtner betroffen

Kürzlich hatte die Gesundheitsbehörde eine Empfehlung an Angler ausgesprochen, Fische aus der Ochtum und dem stromabwärts gelegenen Flussabschnitt nicht mehr zu verzehren. Die Unsicherheit hat auch Gärtner erreicht.
12.05.2019, 19:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

„Ich weiß nicht, ob ich die Tomaten aus meinem Garten überhaupt noch essen kann“, sagt Karin Menke aus Grolland. Wie groß die Verunsicherung im Ortsteil über die Messungen von Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) im Wasser von Ochtum und angrenzenden Gräben ist, zeigt der vor Menschen überquellende Saal des Gemeindehauses der St.-Lukas-Kirche. Die Siedlergemeinschaft Grolland I hatte zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und dazu Fachleute von der Umwelt- und der Gesundheitsbehörde zu kurzen Statements aufgefordert, um den derzeitigen Sachstand zu erläutern.

Kürzlich hatte die Gesundheitsbehörde eine Empfehlung an Angler ausgesprochen, Fische aus der Ochtum und dem stromabwärts gelegenen Flussabschnitt nicht mehr zu verzehren, weil sie mit den problematischen Stoffen belastet sein könnten. Hintergrund ist, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Ende 2018 die Grenzwerte für PFOS drastisch abgesenkt hatte, was die Umweltbehörde zu einer Untersuchung von Fischen aus der Ochtum veranlasst hatte.

Umweltqualitätsnorm wurde überschritten

Doch nicht nur Sportfischer sind beunruhigt, auch in der Bevölkerung herrscht nach den Worten der Siedlergemeinschaft große Unsicherheit, ob sie das Ochtumwasser überhaupt noch zur Bewässerung ihrer Gärten benutzen können. Anwohnern wird derzeit seitens der Umweltbehörde davon abgeraten, belastetes Wasser aus Kanälen und Gräben zur Bewässerung ihrer Gärten zu verwenden.

PFOS gelangte bei Feuerlöschübungen, die vom Flughafen Bremen bis 2003 durchgeführt wurden, in Boden und Gewässer. Die kurz gehaltenen Grünanlagen des Flughafens sind von Drainagerohren durchzogen, über die das Löschwasser in die Ochtum und das angeschlossene Grabensystem gelangte. „Die Stoffe wurden seitens der Umweltbehörde erst 2017 in verschiedenen Bereichen in Grolland gemessen, wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie es vorschreibt“, sagt Johannes Budde, der beim Umweltsenator für den chemischen Gewässerschutz zuständig ist.

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Und dabei zeigte sich, dass die Umweltqualitätsnorm bei einigen Messungen überschritten wurde. Mehrere Sanierungsmaßnahmen seien vorgesehen: die Oberflächenabdeckung in einem Hot-Spot-Bereich, die Behandlung des belasteten Drainagewassers sowie eine hydrologische Sanierung. Zu den Sofortmaßnahmen würde auch eine veränderte Wasserführung gehören.

„Der Stoff ist in den meisten Proben zu finden, allerdings nur in Spuren“, sagt Harald ­Baethke, der bei der Umweltbehörde für Bodenschutz zuständig ist, „doch die Messungen sind bislang nur schwer zu bewerten.“ Die Werte würden sich allerdings erhöhen, wenn das belastete Wasser regelmäßig in Gärten verwendet wird. Das Grundwasser sei bisher nicht untersucht werden, man wolle jedoch künftig auch in Brunnen in Gärten Messungen durchführen.

Forderung, den Flughafen stärker in die Pflicht zu nehmen

Sabine Luther vom Gesundheitsamt gab allgemeine Erläuterungen zu den gesundheitlichen Gefahren von PFOS: Die Substanz, die sich fast überall finde, aber bisher nur in niedrigen Konzentrationen, sei besonders in Milchprodukten und Eiern erhöht nachgewiesen worden und könne den Cholesterinspiegel ansteigen lassen – was allerdings auch im Zusammenwirken mit anderen Faktoren wie fettreicher Ernährung und Übergewicht geschehen könne. Nachgewiesen sei weiterhin, dass PFOS das Gewicht von Neugeborenen reduzieren kann, und im Tierversuch wurde auch eine krebserregende Wirkung nachgewiesen.

In der anschließenden Diskussion wurde von einigen Teilnehmern gefordert, den Flughafen Bremen als Verursacher stärker in die Pflicht zu nehmen. Außerdem wurde kritisiert, dass bisher kein Gemüse in Grollander Gärten auf die Schadstoffe hin untersucht worden sind.

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Insgesamt wurde die Auskunftsbereitschaft der geladenen Behördenvertreter und ihre Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit gelobt, bei der Aufbereitung der wissenschaftlichen Daten und Fakten für Laien hatten die Teilnehmer allerdings weitgehend unlesbare Tabellen vor sich liegen: Die Messwerte für PFOS wurden in winziger Schrift auf eine Karte projiziert, sodass selbst Adleraugen sie nicht hätten lesen können.

Insgesamt zeigte sich, dass zur Risikobewertung von PFOS und zur Sanierung der belasteten Böden noch erhebliche Wissensdefizite bestehen. „Die Stoffe sind im Boden, was man nicht erwartet hatte“, sagt Johannes Budde von der Bremer Umweltbehörde, „und es ist schwierig zu verhindern, dass sie in die Umwelt gelangen. In den Kläranlagen rauschen sie einfach durch.“

Info

Zur Sache

Verwendung von PFOS seit 2008 gesetzlich verboten

Die Substanz Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) wurde wegen ihrer wasser-, öl- und fettabweisenden Eigenschaften lange Zeit für eine Vielzahl von Produkten verwendet: Der Stoff diente dazu, Textilien zum Schutz vor Nässe zu imprägnieren, wurde aber auch in Teppichen, Papier oder Pizzakartons oder für Antihaftbeschichtungen in Teflon eingesetzt. Vor allem wegen seiner Verwendung in Feuerlöschschäumen gibt es derzeit auf einigen zivilen wie militärischen Flughäfen in Deutschland Belastungen von Boden und Grundwasser mit PFOS. Die Substanzen sind in der Umwelt stabil, sie reichern sich in Organismen an und sind für Säugetiere giftig. Deshalb haben alle deutschen Unternehmen die Produktion von PFOS im Jahr 2002 eingestellt, und ihre Verwendung ist seit 2008 gesetzlich verboten. Der Stoff gelangt aber weiterhin in die Umwelt. PFOS wurde auch in Flüssen und in der Nord- und Ostsee nachgewiesen. Nach einem Bericht des Instituts für Umweltsystemforschung an der Uni Osnabrück aus dem Jahr 2008 werden vermutlich kommunale Abwässer durch Verbrauchsprodukte von Textilien belastet. Die Tatsache, dass hohe PFOS-Werte auch in Eisbären der Arktis, in Delfinen und Aalen gefunden wurden, spricht für eine starke Anreicherung der Stoffe in der Nahrungskette.

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