Silvesterfeuerwerk

Petition gegen Böllerei bei der Bremischen Bürgerschaft eingereicht

Von Silvesterfeuerwerk rund um Reitställe hat Marco Warstat endgültig genug. Mit einer Petition an die Bremische Bürgerschaft will der Pferdehalter aus Buchholz ein Zeichen setzen – die Resonanz ist enorm.
05.03.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Petition gegen Böllerei bei der Bremischen Bürgerschaft eingereicht
Von Frank Hethey
Petition gegen Böllerei bei der Bremischen Bürgerschaft eingereicht

Sorgt für Stress bei vielen Tieren, mitunter auch für ihren Tod: Böller zum Jahreswechsel. Mit einer Online-Petition macht Marco Warstat dagegen mobil.

Patrick Pleul /dpa

Bei Silvesterfeuerwerk hört für Marco Warstat der Spaß auf. Ganz besonders dann, wenn Tiere darunter leiden. „Unsere Pferde haben Angst, laufen panisch im Kreis und erholen sich oft tagelang nicht mehr von dem Schock“, sagt der Pferdehalter aus Buchholz in der Nordheide. Es könne zu lebensgefährlichen Koliken oder Herzinfarkten kommen. „Alle Jahre wieder sterben zahlreiche Pferde an ‚Silvesterstress‘.“ Nun hat der 46-Jährige eine Petition an die Bremische Bürgerschaft eingereicht. Das erklärte Ziel seiner Eingabe ist ein Böllerverbot in der Nähe von Reitställen und Pferdeweiden. Irgendwelche Entschuldigungen will Warstat nicht gelten lassen. „Menschen, die Feuerwerkskörper in der Nähe von Ställen oder Weidetieren abfeuern, handeln ohnehin verantwortungslos. Das tut man Tieren einfach nicht an.“

Die erste Resonanz auf seinen Appell war „vermutlich schon rekordverdächtig“, freut sich Warstat. Innerhalb von nur einer Woche unterzeichneten mehr als 1500 Unterstützer seine Petition. Zwar hat der Schwung der ersten Tage ein wenig nachgelassen. Gleichwohl kratzt die Zahl seiner Anhänger nach Ablauf von nunmehr drei Wochen an der 1900er-Marke. Ein beachtlicher Erfolg, oft genug finden Petitionen nur eine Handvoll Unterstützer, eher selten geht es in den dreistelligen Bereich oder darüber. Unter den schon geschlossenen Petitionen des vergangenen Jahres kommen nur zwei Eingaben in die Nähe der 1900er-Marke. Und es ist noch Luft nach oben: Weitere drei Wochen bleiben noch, um War­stats Ansinnen zu befürworten. Erst am 25. März läuft die sechswöchige Mitzeichnungsfrist ab.

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Warstat will keine Ruhe geben, bis Ruhe einkehrt rund um die Pferdehaltung. Und das kann in seinen Augen nur ein Teilziel sein. Letztlich müsse es um ein Böllerverbot auf allen Gebieten der Weidetierhaltung gehen. Ebenso wie in der Nähe von Zoos oder Tierparks, Tierheimen und Naturschutzgebieten. Als leuchtendes Beispiel steht Warstat der Zoo am Meer in Bremerhaven vor Augen. Dort lasse man sich auf keine Kompromisse ein, es gelte ein striktes Böllerverbot rund um die Anlage.

Auch wenn Warstat mit Bremen eigentlich nichts zu tun hat, ist es sein gutes Recht, in der Hansestadt eine Petition einzureichen. Heißt es doch in den gesetzlichen Bestimmungen ausdrücklich, das Petitionsrecht sei unabhängig von Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit. Diesen Passus macht sich Warstat zunutze, um in Bremen „eine möglichst große Welle“ in Gang zu bringen, wie er in der Petition schreibt.

Petition wird als Privatinitiative behandelt

Doch Warstat rührt die Trommel auch anderswo. Mit einer fast wortgleichen Online-Petition verfolgen er und seine Frau bundesweit denselben Zweck, mehr als 41.000 Tierfreunde haben seit November unterschrieben, davon sicher auch viele die Bremer Petition – das digitale Formular der Bürgerschaft ist direkt mit der Online-Petition verlinkt. Als Einzelpetition hat das Ehepaar seine Forderung zudem in sämtlichen 16 Bundesländern, in Bundestag und Europa-Parlament eingereicht. Der Nachteil: Überall wird die Petition als Privatinitiative behandelt. „Nur in Bremen ist sie öffentlich“, sagt Warstat. „Darum betrachte ich Bremen als Präzedenzfall für unser Anliegen.“

Und diese Chance will er nutzen, um so viele Menschen wie möglich für „eine größtmögliche Ausweitung des Böllerverbots zum Wohle aller Tiere und des Klimas“ zu erreichen. Zumal mit Knallern auch viel Schindluder bis hin zur Tierquälerei getrieben werde. Ein Verbot sei vielleicht kein Allheilmittel, „aber dann hat man wenigstens eine Handhabe“. Sein Eindruck: „Es wird immer schlimmer mit dem Geknalle.“ Sogar im dörflichen Umfeld von Buchholz. Nach seiner Erfahrung sind Zugezogene aus Hamburg nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Gefährdet seien neben Wildtieren auch Vögel. Gleißende Lichtblitze und ohrenbetäubender Lärm fügten ihnen enormen Schaden zu, besonders Zugvögel würden nachts ihre Orientierung verlieren. „Die wahnsinnige Böllerei an Silvester ist unter anderem auch ein wichtiger Grund für das Insektensterben“, mahnt der Hobbyimker.

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Wenn es nach ihm ginge, könnte das Silvesterfeuerwerk auch ganz ausfallen. „Feuerwerk ist ein antiquierter Brauch, der in den letzten Jahren aus dem Ruder läuft und eine unnütze Gefahr für uns alle darstellt, Mensch, Tiere wie Umwelt“, sagt Warstat. Doch er will nach eigenem Bekunden „keine Spaßbremse“ sein. Sein Vorschlag zur Güte: Man könnte alternative Zonen einrichten, in denen kontrolliert und unter Aufsicht der Feuerwehr „geböllert“ werden dürfe.

Allerdings haben Pferdehalter in Bremen offenbar keine Probleme mit der Böllerei. Zur Jahreswende sei „alles immer ganz entspannt“, vermeldet Gaby Riedel vom Reitclub St. Georg am Stadtwald. Im gleichen Sinne äußern sich auch Hartmut Eickhoff von der Reit-Gemeinschaft Schimmelhof in Osterholz und Marten Forkert vom Stall Rosenbusch in Oberneuland. Für seine rund 50 Pferde macht Forkert zu Silvester vorsorglich Licht und Radio an – das reicht. Anders die Erfahrungen des Tierheims in Findorff. „Die Hunde haben eine Mega-Angst, obwohl sie in den Innenzwingern sind“, sagt Gaby Schwab. Kaum besser ergehe es den Tieren außerhalb des Tierheims, überall herrsche Panik. „Deshalb sind wir für ein komplettes Böllerverbot.“

Auswirkungen der alljährlichen Böllerei

Mit seiner Petition rennt Warstat in Bremen womöglich offene Türen ein. Erst kürzlich haben die Koalitionsparteien SPD, Grüne und Linke in der Bürgerschaft eine Große Anfrage eingebracht, die das Silvesterfeuerwerk auf den Prüfstand stellt. Eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Auswirkungen der alljährlichen Böllerei, vor allem dem Gesundheitsrisiko für Menschen und Tiere. Dabei geht es auch darum, den rechtlichen Rahmen für weitergehende Verbote zu klären.

Derzeit gilt in Bremen ein Feuerwerksverbot in der historischen Altstadt und in unmittelbarer Nähe von Kliniken, Kinder- und Seniorenheimen, Kirchen sowie rund um den Flughafen Bremen. „Man muss es aber auch durchsetzen“, mahnt Warstat. „Viele Leute ballern trotz Verbot.“

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