Gewalt im ÖPNV Polizei ermittelt gegen weitere Jugendgruppen

Wie sicher ist es in Bremen, mit Bus oder Bahn unterwegs zu sein? Seit Ende August kam es in Straßenbahnen zu fünf Gewalttaten von Jugendlichen. Wie schätzt die Polizei die Lage ein und was unternimmt die BSAG?
15.09.2022, 05:00
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Polizei ermittelt gegen weitere Jugendgruppen
Von Björn Struß

Eine Gruppe aus etwa 15 Kindern und Jugendlichen beschimpft und attackiert eine Frau in der Straßenbahn – und dies offenbar nur wegen ihrer Transidentität. Der Angriff vom 3. September war kein Einzelfall. Zu zwei weiteren Jugendgruppen, die in den Fahrzeugen und an den Haltestellen der BSAG für Gewalttaten verantwortlich sein sollen, laufen derzeit polizeiliche Ermittlungen. Das teilte die Polizei auf Anfrage des WESER-KURIER mit.

„Eine Gruppe Jugendlicher hat im Bereich Kattenturm Sachbeschädigungen an Haltestellen und Fahrzeugen der BSAG begangen, sowie einen Fahrer tätlich angegriffen“, erklärte Polizeisprecher Nils Matthiesen. Das sei ein Einzelfall, in den vergangenen Monaten sei es zu keinen weiteren Delikten gekommen. Bei dieser Gruppe handele es sich nicht um die Kinder und Jugendlichen, die in der Neustadt die Transfrau beleidigten und attackierten. Die Polizei ermittelt auch zu einer weiteren Gruppe, die in den Linien der BSAG für Polizeieinsätze gesorgt hatte. Details nannte Matthiesen nicht. Das Verkehrsunternehmen verwies auf Nachfrage darauf, dass zu möglichen Tätern und Ermittlungen grundsätzlich nur die Polizei Auskunft gebe.

Dass es in Bussen und Bahnen mitunter zu Übergriffen und Gewalttaten kommt, zeigt ein Blick auf die Polizeimeldungen, die häufiger von Gewalttaten berichten. Am vergangenen Sonnabend stahlen Jugendliche im Viertel in der Linie 10 von einem 23-Jährigen Portemonnaie und Handy. Auf der Flucht verletzten sie vier Fahrgäste mit Pfefferspray. Am Sonntag, 4. September, gerieten in der Linie 1 in der Vahr drei Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren aneinander. „Aufgrund unerwünschter Blicke“, wie die Polizei mitteilte. Die Folge: Stich- und Kopfverletzungen und die vorläufige Festnahme aller Beteiligten.

Am Sonnabend, 3. September, stachen in einer Straßenbahn zwei Jugendliche auf einen 30-Jährigen ein, als ein Drogendeal eskalierte. Am Sonntag, 28. August, beschwerte sich ein 55-Jähriger über die laute Musik einiger Jugendlicher in der Linie 4. Beim Aussteigen wurde er in Lilienthal so heftig geschubst, dass er schwere Kopfverletzungen erlitt. Inklusive des Angriffs auf die 57-jährige Transfrau sind das fünf Gewalttaten mit einem ähnlichen Muster: Jugendliche greifen in der Straßenbahn andere Fahrgäste an.

Gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen auf völlig unbeteiligte Mitbürger sind die Ausnahme. 
Polizeisprecher Nils Matthiesen

Dass sich Jugendgewalt in Bremen zu einem wachsenden Problem entwickelt, lässt sich an den Zahlen der Polizei allerdings nicht ablesen. Im Jahr 2017 zählte sie 2170 Straftaten durch Jugendliche, 2021 waren es 1699. Bei den Kindern im Alter von bis zu 13 Jahren, die noch nicht strafmündig sind, ist ein leichter Anstieg der potenziell strafbaren Taten zu verzeichnen: von 481 im Jahr 2017 auf 510 im vergangenen Jahr. Laut Sprecher Matthiesen richtet sich die Gewalt junger Bremer oft gegen andere Heranwachsende. "Gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen auf völlig unbeteiligte Mitbürger sind die Ausnahme", erklärt er.

Die BSAG setzt in den neuen Nordlicht-Bahnen auf bessere Sicherheitstechnik: An jeder Tür ermöglicht ein Knopfdruck den direkten Kontakt zum Fahrer. Dieser erhält auch ein Kamerabild vom entsprechenden Bereich. In Zukunft soll dieses Live-Bild in Notfällen auch in die Leitstelle übertragen werden.

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Auch Sicherheitspersonal des Unternehmens Elko beschäftigt das Verkehrsunternehmen. Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne), die auch Aufsichtsratsvorsitzende der BSAG ist, erklärte in der Stadtbürgerschaft, dass sie dafür das Budget mit städtischen Haushaltsmitteln verdoppelt habe. „Wenn wir durch eine Häufung von Zwischenfällen auf bestimmten Streckenabschnitten Brennpunkte erkennen, können wir gezielt Sicherheitspersonal einsetzen“, erklärt Jens-Christian Meyer, Unternehmenssprecher der BSAG.

Die Sicherheit der Fahrerinnen und Fahrer will das Verkehrsunternehmen erhöhen, indem diese für Fahrscheine möglichst nicht Bargeld kassieren sollen. „In den Bahnen ist dies durch die Fahrscheinautomaten bereits umgesetzt, für die Busse sind diese aber zu groß“, erklärt Jens-Christian Meyer. Bei den Fahrgästen gebe es noch immer einen gewissen Teil, der mit Bargeld zahlen wolle. „Solange dies so ist, werden wir das Bargeld nicht komplett aus den Fahrzeugen verbannen. Wir sind ein Dienstleister und erziehen die Menschen nicht.“

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