Polizei stellt Tatverdächtige Polizei stellt verdächtige Jugendliche

Nach dem Angriff auf eine Transfrau in Bremen hat die Polizei vier Tatverdächtige gestellt. Sie sind zwölf und 13 Jahre alt und somit noch nicht strafmündig. Wie es jetzt in dem Fall weitergeht.
13.09.2022, 18:10
Lesedauer: 3 Min
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Polizei stellt verdächtige Jugendliche
Von Björn Struß

Eine Woche nach dem Angriff auf eine Transfrau in der Straßenbahnlinie 4 hat die Polizei vier Tatverdächtige ermittelt und gestellt. Wie die Polizei am Dienstag mitteilte, erkannte eine Streife bei einem Einsatz in Huchting am Sonntagabend Kinder und Jugendliche aus den Videoaufzeichnungen. Neun Kinder nahmen die Polizisten mit auf die Wache, vier von ihnen identifizierten die Beamten als Tatverdächtige. Sie sind zwölf und 13 Jahre alt und somit noch nicht strafmündig. Die Ermittlungen gegen die weiteren Beteiligten dauern an.

Wie berichtet, hatte am 3. September eine etwa 15-köpfige Jugendgruppe in der Straßenbahnlinie 4 eine 57-jährige Transfrau zunächst aufs Übelste beleidigt. Nachdem Wörter wie "scheiß Transe" fielen, rissen die zwölf- bis 16-Jährigen ihrem Opfer die Perücke vom Kopf. Dann schlug ein Jugendlicher der Frau mehrfach ins Gesicht, die übrigen Beteiligten feuerten ihn lautstark an. Die Gruppe ließ erst von der Frau ab, als Fahrgäste zu Hilfe eilten. Das Opfer kam mit schweren Gesichtsverletzungen in ein Krankenhaus, inzwischen ist die Transfrau wieder zu Hause. Die Täter stiegen an der Haltestelle Schwankhalle aus und flüchteten. Am Montag nach der Tat versammelten sich dort rund 250 Menschen, um ihr Entsetzen zum Ausdruck zu bringen.

Der Angriff sorgte überregional für Aufsehen. Zuvor hatten am 27. August bereits Jugendliche in Tenever eine 25-jährige Frau beleidigt und ihr eine Regenbogenfahne entrissen, mit der sie am Christopher Street Day (CSD) teilgenommen hatte. Am selben Tag kam es auch beim CSD in Münster zu einem Angriff. Ein 25-Jähriger, der bei der Beschimpfung anderer CSD-Teilnehmerinnen eingeschritten war, erlag nach der Attacke im Krankenhaus seinen Verletzungen.

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Gruppen, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzen, versetzte diese geballte Hasskriminalität in Aufruhr. „Es darf nicht sein, dass Menschen immer noch glauben, dass es okay sei, queere Menschen anzufeinden und anzugreifen. Es darf nicht sein, dass überall in Deutschland rund um die CSDs, die eigentlich ein Grund zum Feiern sein sollten, Nachrichten über transfeindliche Angriffe auftauchen“, erklärte etwa Maike-Sophie Mittelstädt, Vorstandsmitglied des Vereins Trans-Recht, der vor der Schwankhalle die Mahnwache organisierte.

Nun ist klar, dass nach dem Angriff in der Neustadt vier Beteiligte keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten haben. "Sie sind nicht strafmündig und können deshalb nicht belangt werden. Für die Staatsanwaltschaft sind diese vier Fälle erledigt", erklärt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ob sich unter den vier Kindern auch die Person befindet, die der 57-Jährigen ins Gesicht schlug, sei noch nicht klar. "Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Wir können auch noch nicht sagen, wie alt die übrigen Beteiligten sind", erläutert Passade. Erst ab einem Alter von 14 Jahren greift in Deutschland das Jugendstrafrecht.

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Dem Problem gewalttätiger Kinder, die zu jung für eine Jugendstrafe sind, versucht die Polizei, mit Präventionsarbeit zu begegnen. "Unsere Kontaktpolizeibeamten arbeiten mit Institutionen wie Schulen oder auch dem Jugendamt zusammen", erläutert Sprecher Nils Matthiesen. Die Polizei sei in diesem Bereich aber nicht allein verantwortlich, sondern agiere gemeinsam mit verschiedenen Partnern. "Eine Möglichkeit ist, an einem Runden Tisch zielgerichtet und schnell mit allen Beteiligten Lösungen zu besprechen", sagt Matthiesen. In diesem konkreten Fall des Angriffs auf die 57-Jährige sei es aber noch zu früh, um sich über das weitere Vorgehen abzustimmen. "Zunächst warten wir ab, was die Ermittlungen ergeben", betont Matthiesen. 

Eine öffentliche Fahndung mit den Bildern der übrigen Verdächtigen gibt es nach wie vor nicht. Vergangenen Freitag riet die Polizei den Jugendlichen dringend, sich zu stellen, weil sonst bald überall Bilder von ihnen zu sehen sein könnten. Ihre Zurückhaltung begründen die Ermittler auch mit den Persönlichkeitsrechten: „Bilder einer Person zu veröffentlichen, ist an Voraussetzungen geknüpft. Deshalb ist es wichtig, zunächst alle Ermittlungsschritte zu gehen: Opfer und Zeugen befragen, Beweismittel sichern und auswerten und alle internen Fahndungsmittel, wie beispielsweise das polizeiliche Intranet, ausschöpfen.“ Bliebe dies ohne Erfolg, brauche es für eine öffentliche Fahndung immer noch die Entscheidung des Gerichts.

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