Bremer Technik OHB baut 14 Satelliten für das Weltall

Das Bremer Familienunternehmen OHB baut 14 Satelliten für rund 550 Millionen Euro für das europäische Navigationssystem Galileo.
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OHB baut 14 Satelliten für das Weltall
Von Stefan Lakeband

Das Bremer Familienunternehmen OHB baut 14 Satelliten für rund 550 Millionen Euro für das europäische Navigationssystem Galileo.

Die ersten Glückwünsche von EU-Vertretern waren schon per Video übermittelt als klar wird: Etwas stimmt hier nicht. Die Soyus-Rakete hat die beiden Galileo-Satelliten viel zu früh abgesetzt. Fast 4000 Kilometer vor der geplanten Umlaufbahn.

Statt eines Kreises fliegen sie in einer Ellipse rund um die Erde. Für ein Navigationssystem wie Galileo einmal eines werden soll, sind sie nicht zu gebrauchen. Ein Debakel für alle Beteiligten. Die Satelliten sind verloren. Und das ist längst nicht das erste, was in der Geschichte von Galileo schief gelaufen ist.

Erleichterung in Bremen

Seit der missglückten Mission im August 2014 ist aber viel passiert. Andere Galileo-Satelliten sind in den Weltraum geschossen worden – ohne Probleme. So auch an diesem Donnerstag. Das dürfte auch in Bremen für Erleichterung gesorgt haben, besonders bei OHB.

Das Familienunternehmen baut insgesamt 22 der geplanten 30 Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo. So wichtig der eigene Ortungsdienst für die Europäische Union ist, so viel Bedeutung hat das Programm auch für OHB. „Das war ganz wichtig für unsere Stabilisierung“, sagt Ingo Engeln, Vorstandsmitglied des Satellitenbauers und verantwortlich für das Galileo-Programm. Dabei sah es so aus, als hätten die Bremer überhaupt keine Chance, die Satelliten zu bauen.

Alles begann vor 15 Jahren

Als alles vor etwa 15 Jahren begann, war der Plan, das öffentliche Hand und Privatwirtschaft sich zusammen um das System kümmern. Ein privates Unternehmen sollte das Navigationssystem vermarkten – so sollten Aufbau und Betrieb finanziert werden.

OHB war kein Teil dieses Plans. Vielleicht zum Glück. Denn 2007 hat die Europäische Union noch einmal alles auf den Kopf gestellt und beschlossen, das Projekt gemeinsam mit der europäischen Weltraumagentur Esa selbst zu finanzieren und neu auszuschreiben.

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Da kam OHB ins Spiel. Der kleine Mittelständler hatte sich mit dem Radaraufklärungssystem Sar-Lupe für die Bundeswehr schon einen Namen gemacht und war 2009 zusammen mit Airbus in der letzten Bewerbungsrunde um den Auftrag.

„Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass wir zwei Satelliten bauen können“, sagt Engeln. Doch es kam anders. OHB bekam den Auftrag für alle 14 damals ausgeschriebenen Satelliten, der Platzhirsch Airbus – damals noch unter dem Namen EADS Astrium – ging leer aus.

550 Millionen Euro für 14 Satelliten

Rund 550 Millionen Euro für 14 baugleiche Satelliten – das kommt in einer Branche, in der hauptsächlich Einzelstücke gefertigt werden schon fast einer Produktion in Serie gleich. Dafür hat sich das Unternehmen etwas besonderes ausgedacht. „Wir produzieren auf sogenannten Inseln“, sagt Engeln.

13 Stück gibt es in den Hallen an der Universitätsallee insgesamt. An jeder dieser Inseln wird etwa anderes gemacht, sei es die Integration des Antriebs oder die Zusammenführung von Nutzlast und Plattform. Die einzelnen Satelliten wandern von Insel zu Insel – einbisschen wie am Fließband einer Autofabrik.

Auch beim Design haben die Bremer simpel gedacht. „Im Grunde haben wir eine Kiste mit Antennen“, sagt Engeln. „Wir wollten die Serienproduktion dann so effizient wie möglich machen.“ Die Satelliten sind so aufgebaut, dass die Einheiten als Ganzes montiert werden können.

So wird die sogenannte Nutzlast – all das, was man für die Satellitennavigation braucht – bei Surrey Satellite Technology in Großbritannien gefertigt und als komplettes Bauteil angeliefert. Ähnlich ist es bei den Antrieben und auch die Verkabelung ist so einfach wie möglich gehalten. Während der Bauphase lassen sich die Satelliten aufklappen, ohne irgendwelche Stecker ziehen zu müssen. Besonders praktisch, wenn die Satelliten getestet werden.

Ein Jahr dauert es im Schnitt, bis ein Satellit die Fertigung in Bremen verlässt. Bevor sie dann aber erst auf die Rakete und dann ins Weltall kommen, dauert es noch einmal mehrere Monate. Drei Monate werden sogenannte Umwelttest in den Niederlanden durchgeführt, weitere zwei Monate dauern die Startvorbereitungen in Kourou. Viel Zeit. Dennoch soll das europäische Navigationssystem 2020 an den Start gehen, die sogenannten Early Services sollen schon Ende des Jahres verfügbar sein.

Milliarden teure Unabhängigkeit

Da stellt sich die Frage: Warum dieser Aufwand? Mit GPS und anderen Systemen gibt es längst Navigationshilfen, die genau das gleiche machen. Für die Europäische Union spielt aber ein Faktor die entscheidende Rolle: Unabhängigkeit.

Im Gegensatz zum amerikanischen Dienst GPS soll Galileo nicht militärisch kontrolliert werden. Im Ernstfall wie etwa einem Krieg könnte die europäische Variante immer noch metergenaue Ortsangaben liefern, während das amerikanische System bewusst vom US-Militär gestört wird, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Insgesamt sollen einmal 30 Satelliten mehr als 23.000 Kilometer von der Oberfläche entfernt um die Erde Kreise – 27 im Dauereinsatz und drei als Ersatz. OHB wir dann insgesamt 22 Satelliten dazu beigetragen haben, wenn das umstrittene Projekt den Betrieb aufnimmt.

Denn all die Pannen wie falsch ausgesetzte Satelliten und die Probleme bei der Vermarktung haben Kritik aufkommen lassen – auch, weil sie den Preis deutlich erhöht haben. Nach Angaben der EU-Kommission wurden für Galileo allein bis 2013 sechs Milliarden Euro ausgegeben, bis 2020 sind weitere sieben Milliarden für Fertigstellung und Betrieb im Budget angesetzt. Zudem können Satelliten nicht für immer im Weltall bleiben. Sie müssen irgendwann ausgetauscht werden.

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