Ein Standpunkt von Hendrik Werner Rhetorische Enthemmung und drohende Barbarei

Täglich beschimpfen sich Menschen im Internet, aber auch im echten Leben wird der Umgang rauer. Jüngstes Beispiel ist der Auftritt der Linken im Bremer Presseclub, findet unser Chefreporter Medien.
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Täglich beschimpfen sich Menschen im Internet, aber auch im echten Leben wird der Umgang rauer. Jüngstes Beispiel ist der Auftritt der Linken im Bremer Presseclub, findet unser Chefreporter Medien.

Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Art des Tötens auf markante Weise. Es wurde in den sogenannten Materialschlachten maschinisierter, abstrakter. Technologieschübe in der Rüstungsindustrie führten dazu, dass die Soldaten kaum noch Nahkampferfahrungen machen mussten. Das Weiße im Auge des Feindes war in der Regel keine wahrnehmbare Größe mehr, der Gegner mithin weniger konkret, ja gesichtslos geworden, das Töten daher enthemmter und deutlich weniger ein Gegenstand moralischer Betrachtung als zuvor.

Was eine Aggression namens Rufmord angeht, so ist die digitale Ära vor einiger Zeit in ein Stadium eingetreten, dem zumindest strukturell ein ähnlicher Zäsur-Charakter zukommt wie der Art des Tötens im Ersten Weltkrieg. Trolle nennt man jene hämische Netz-Soldateska, der es im interaktiven Netz nicht auf argumentativ geführte Dispute ankommt, sondern auf anstandslose, ja unanständige Formen der Konfrontation. Damit nicht genug der planvollen Eskalation. Es gibt Anzeichen dafür, dass der sogenannte Shitstorm im Internet die Vorhut eines neuen schrillen und unangemessenen Tons ist, der im öffentlichen Raum um sich greift.

Prägnantes Pöbeln

Nennen wir dieses beunruhigende Phänomen prägnant Pöbeln. Auch deshalb, weil dieser Begriff wortgeschichtlich eine Verbindung zu jenem Volk unterhält, auf das sich Trolle in ihrem ausgeprägten Sendungsbewusstsein ein ums andere Mal berufen. Dass diese Missionare um die Spielregeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit wissen, arbeitet ihrer maliziösen Energie zusätzlich zu. Postfaktische Lautsprecher wissen sich Gehör zu verschaffen.

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Die Bundestagsabgeordnete Renate Künast suchte unlängst, ermutigt durch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, Menschen heim, die mit Hassbotschaften auf jenen Tweet geantwortet haben, mit dem die Grünen-Politikerin vorschnell auf die Erschießung des sogenannten Attentäters von Würzburg reagiert hatte. Es handelte sich dabei um Menschen, die Künast in Netzkommentaren als „widerlich“ und „abartig“, als „geifernde, senile, zickige Person“ beschrieben hatten, die nur „saudummes Geblöke“ von sich gebe. Menschen, die ihr zur schlechten Nacht „Stirb, Renate Künast“ wünschten. Menschen, die sich nicht entschuldigten, als Künast ihnen gegenübersaß, sondern ihre despektierliche Ansprache für angemessen hielten.

Der verstörenden Beispiele sind mehr. Nicht nur unter deutschen Dächern. Man denke an die türkischen Morddrohungen gegen deutsche Parlamentarier in den sozialen Netzwerken nach der Armenien-Resolution des Bundestages. Man denke an den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte, der den scheidenden US-Präsidenten Barack Obama als „Hurensohn“ titulierte. Man denke an Wladimir Putin, dem ukrainische Politiker generell als „Nationalisten, Faschisten und Antisemiten“ gelten. Man denke an den designierten US-Präsidenten Donald Trump, der Mexikaner pauschal „Vergewaltiger“ nannte. Nicht zu vergessen die rhetorischen Ausfälle des türkischen Staatsoberhaupts Recep Tayyip Erdoğan.

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Kommunikative Verrohung droht

Diplomatie geht anders. Sollten solche ehrenrührigen Äußerungen auch jenseits des Netzes dauerhaft zum Bestandteil der politischen Kultur werden, droht allenthalben kommunikative Verrohung. Diese Sorge nährt auch der Krakeel-Auftritt von Demonstranten am Montagabend im Bremer Presse-Club, ein Indiz unter vielen.

Denn befeuert durch crossmediale Pranger sinken die Hemmschwellen auch in der Realität. Das gilt nicht zuletzt für Menschen, die es gewohnt sind, nach Gutdünken auf der Klaviatur der Medien zu spielen. Man erinnere sich an jenen Mittelfinger, den Sigmar Gabriel wenig staatstragend in Richtung rechtspopulistischer Pöbler ausstreckte. Der einzige Fehler, den er einräumte, war der, nicht beide Hände benutzt zu haben. Ist das gewitzt, tolldreist – oder schon eine Kapitulation vor den Gesetzen der Straße?

Derer bedient sich längst auch der TV-Satiriker Jan Böhmermann, dessen sogenanntes Schmähgedicht Ausdrücke wie „Ziegenficker“ und „Schrumpelklöten“ salonfähig macht. Von Donald Trump, diesem Meister homophober, rassistischer und sexistischer Ausfälle, mal ganz zu schweigen. In ressentimentgesteuerten Gesten der Erniedrigung echot der infantile Reflex, einer zusehends komplexen Welt durch unterkomplexe Polemiken beizukommen. Wenn das Schule macht, ist ein zivilisatorischer Minimalkonsens gefährdet. Drohende Barbarei beginnt seit jeher mit verbaler Verächtlichmachung, auf die Taten folgen.

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