Schulungsbedarf für E-Scooter-Fahrer Rollerverkehr läuft noch nicht rund in Bremen

Zwischenbilanz nach zwei Monaten E-Scooter-Verleih in Bremen: Es gibt noch Schulungsbedarf für manche Nutzer, räumen die Anbieter ein, zum Beispiel beim Parken der Vehikel.
27.01.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Rollerverkehr läuft noch nicht rund in Bremen
Von Justus Randt

Kaum waren die ersten Elektroroller in Bremen unterwegs, gab es Anlass zur Kritik: Die Scooter des schwedischen Unternehmens Voi und der deutschen Firma Tier würden kreuz und quer auf Geh- und Radwegen abgestellt. Sie seien Stolperfallen, nicht nur für Sehbehinderte. Leserinnen und Leser des WESER-KURIER berichten dauerhaft von solchen Hindernissen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die Verbreitung der schmalen Flitzer ist in den vergangenen zwei Monaten rasant vor sich gegangen. Jeweils 500 Exemplare gestattet ein von der Stadt erteiltes Sondernutzungsrecht, das Tier nach eigenen Angaben voll ausschöpft. „Ziel ist, eine hohe Auslastung des Flottenbestandes zu erreichen", sagt Markus Ries, City-Manager Northeast Germany. Das Rollerkontingent schöpft Tier seit Mitte Januar voll aus. „Die Anbindung und Ergänzung der öffentlichen Verkehrsmittel“ sei in Planung.

Voi hingegen hat „mitunter bis zu 500 E-Scooter" in Bremen auf den Straßen. Das Angebot werde ständig der Nachfrage angepasst, sagt Claus Unterkircher, General Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Dem Unternehmen sei „neben der Abstimmung mit den lokalen Behörden die verantwortungsvolle und regelkonforme Nutzung der E-Scooter besonders wichtig“.

Gute Startbilanz

Eine Erweiterung ihrer Flotten streben beide Unternehmen derzeit nicht an. Der Start in Bremen sei gleichwohl erfreulich gewesen, lassen Ries und Unterkircher durchblicken. Voi habe beispielsweise innerhalb weniger Wochen sein Geschäftsgebiet von der City in die Überseestadt, die Neustadt und nach Findorff ausweiten können. Über Verleihzahlen reden die Rollermanager nicht.

Der Polizei sind nach den Worten ihres Sprechers Nils Matthiesen „nur wenige Verkehrsunfälle mit Elektrokleinstfahrzeugen der Verleihfirmen Voi und Tier bekannt“. Dies allerdings versehen mit der Einschränkung, dass das Vorgangsbearbeitungsprogramm voraussichtlich noch bis Februar nicht über eine einheitliche Erfassungsmöglichkeit für E-Roller-Unfälle verfüge. Genaues weiß man also nicht. „Entsprechende Fahrzeuge, die sich in Privatbesitz befinden, trifft man derzeit noch sehr selten auf Bremer Straßen an", sagt Matthiesen.

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Ein paar Zahlen gibt es doch: Dirk Hadler, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, hat allein im Rotes Kreuz Krankenhaus rund zehn mit Rollern Verunglückte behandelt. Typische Verletzungen seien Sprunggelenk-, Handgelenk- und Ellenbogenbrüche. „Letzte Woche erst gab es einen Knöchelbruch„, sagt Hadler. “Man muss schon mit den Dingern umgehen können und eine gewisse Koordination haben.“ Manche seiner Patienten seien mit den kleinrädrigen Gefährten, die immerhin Tempo 20 erreichen, über zwei Zentimeter hohe Kanten oder Bodenunebenheiten gestürzt. Der Arzt stellt sich auf Mehrarbeit ein und hat dabei besonders die Altersgruppen der 20- bis 30-Jährigen und der 40- bis 55-Jährigen im Blick. „Ältere wagen sich da nicht drauf“, vermutet er. „Das war damals bei den Inline-Skates ähnlich, als die neu waren.“

Neulinge laufen nicht nur Gefahr, Fahrfehler zu begehen. Man kann eine Menge falsch machen mit den E-Scootern. Selbst beim Abstellen. Die Polizei und das Ordnungsamt registrieren vor allem verkehrsbehinderndes Parken oder Ablegen der Roller, Trittbrettfahrten zu zweit, auf dem Gehweg oder in Fußgängerzonen. Und sie haben Fahrer im Visier, die unter 14 Jahre alt sind. Besonders in der Bahnhofsvorstadt häufen sich demnach an den Wochenenden Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung.

Fehlverhalten kann kaum belangt werden

Beschäftigte des Ordnungsamtes können das Fehlverhalten von Fahrern der insgesamt rund 1000 Leihroller nur schwer ahnden. Nutzer, die etwas falsch machten, entzögen sich häufig der Ansprache durch den Ordnungsdienst, teilt die Innenbehörde auf Nachfrage mit. „Aufgrund der hohen Geschwindigkeit, mit der die Roller unterwegs sind, ist es nahezu unmöglich, das Kennzeichen festzustellen.“ Die Versicherungsplaketten am hinteren Schutzblech sind gerade mal so groß wie eine Spielkarte.

Tier-Manager Ries sieht „generell Verbesserungsbedarf beim Thema Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit – auf allen Seiten“. Häufigster Beschwerdegrund, den die Tier-Fahrer lieferten, sei falsches Abstellen auf Privatgelände oder in Einfahrten. „Falsches Parken ist ein komplexes Thema“, sagt Ries. Es sei nun mal eng in den Innenstädten. „Öffentlicher Raum muss neu gedacht werden, mit mehr Raum für Zweiräder und weniger Raum für Autos." Fußgänger kommen darin nicht vor.

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„Nach aktueller Auslegung der Datenschutzgrundverordnung ist noch nicht klar, inwiefern es uns ermöglicht wird, Bußgeldbescheide an Nutzer weiterzugeben“, sagt Unterkircher von Voi. Das Unternehmen arbeitet daran, die Rollerakzeptanz durch optimiertes Fahrerverhalten zu steigern: Ab dem Frühjahr soll es – auch in Bremen – Verkehrssicherheitstrainings geben. Absolventen der Schulungen erhalten Gratishelme; wer ein Straßenverkehrsordnungsquiz meistert, soll zur Belohnung Freifahrten bekommen.

+++ In einer vorherigen Version des Artikels wurde die Frima Tier fälschlicherweise als US-amerikanische Firma bezeichnet. Wir haben den Fehler korrigiert. +++

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