Polizei sichert Weihnachtsmarkt

So geht Bremen mit dem Anschlag in Berlin um

Am Morgen hat Innensenator Ulrich Mäurer sie angekündigt - nun sichern Polizisten bereits mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen den Weihnachtsmarkt in Bremen.
20.12.2016, 09:51
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste

Am Morgen hat Innensenator Ulrich Mäurer sie angekündigt - nun sichern Polizisten bereits mit Maschinenpistolen und schusssicheren Westen den Weihnachtsmarkt in Bremen.

Nein, es ist nicht so, wie sonst. Die Flaggen am Rathaus und am Schütting tragen Trauerflor, wehen traurig über dem Weihnachtsmarkt, die Flaggen vor der Bürgerschaft hängen auf Halbmast. Mittags sind die Wege zwischen den Buden frei, es ist weniger los als an den vergangenen Tagen. In der Bürgerschaft und im Rathaus liegen Kondolenzbücher aus. Nach dem mutmaßlichen Anschlag in Berlin erhöht die Bremer Polizei ihre Präsenz in der Innenstadt.

Bewaffnete Beamte patrouillieren

Seit dem Vormittag patrouillieren Streifen mit Maschinenpistolen vom Typ MP 5 und schusssicheren Westen über den Weihnachtsmarkt und sicherten die Zugänge, sagte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Zusätzlich seien auch Beamte in zivil im Einsatz, die bei Zwischenfällen schnell reagieren könnten. Die etwa 2600 Weihnachtsmärkte in Deutschland seien ideale Anschlagsziele für Terroristen. Der Vorfall in Berlin ist für den Innensenator nicht ganz unerwartet gewesen. "Ganz überraschend kam es nicht", sagte Mäurer.

Nach dem mutmaßlichen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin, wehen die Flaggen an der Bremischen Bürgerschaft auf halbmast.

Foto: Jörn Hüttmann


An mehreren Stellen im Innenstadtbereich seien Kontrollpunkte eingerichtet worden, von denen aus Polizisten den Verkehr beobachteten. So etwa in der Obernstraße, an der Domsheide und auf dem Domshof. Taschenkontrollen wie auf dem Freimarkt soll es nicht geben. Von Zäunen oder gar Panzersperren zur Abwehr von Fahrzeugen hält der Innensenator nichts: „Das wäre das völlig falsche Signal – wir würden damit eine Sicherheit vortäuschen, die wir gar nicht gewährleisten können.“ Der Weihnachtsmarkt im Zentrum Bremens könne zudem ohnehin nicht ohne weiteres mit einem Lastwagen angefahren werden.

In einer Telefonkonferenz hatten sich Mäurer und die Innenminister der übrigen Bundesländer am Morgen darauf verständigt, die Weihnachtsmärkte in Deutschland mit Ausnahme von Berlin weiter stattfinden zu lassen. „Dort wird aus Gründen der Trauer und Pietät der Weihnachtsmarkt geschlossen”, erklärte Mäurer. Er habe einen sehr traurigen Montagabend erlebt. „Mein Mitgefühl gilt den Opfern und den Hinterbliebenen.“

Mäurer erinnerte auch den Anschlag von Nizza im Juli dieses Jahres. Damals war ein war ein 31-Jähriger mit einem Lastwagen über die Strandpromenade von Nizza gerast. 86 Menschen kamen ums Leben. Der Vorfall sei „eine Blaupause zu den Ereignissen in Berlin.“


„Wir haben damit gerechnet, dass so etwas passiert – wir wussten nur nicht wo und wann", sagte Bremens Polizeipräsident Lutz Müller. Er sieht eine leichte Verschärfung der Sicherheitslage: "Es besteht die Gefahr, dass andere sich aufgerufen fühlen, auch derartige Anschläge zu begehen." Der Vorfall in Berlin zeige, dass es keine einhundertprozentige Sicherheit gebe. „Die Täter werden immer die Schwachstellen im System finden“, so Müller. Die Polizei setze aber alles daran, potenzielle Attentäter und mögliche Trittbrettfahrer zu stoppen. Zudem seien auf den Bremer Weihnachtsmärkten von Beginn an zusätzlich private Sicherheitskräfte eingesetzt worden. Die Sicherheitslage in Bremen über die Weihnachtstage und Silvester soll Ende der Woche neu bewertet werden.

Auch Bürgermeister Sieling (SPD) hat sich bereits zu der Todesfahrt am Montagabend geäußert, und sprach von einer "abscheulichen Tat". "Fassungslos und mit Bestürzung schauen wir nach Berlin. Wir trauern um die vielen unschuldigen Opfer und sind mit unseren Gedanken bei ihren Familien und den Angehörigen", so Sieling. Er hoffe mit den Verletzten um Genesung und danke allen Polizei- und Rettungskräften für ihren Einsatz. "Es ist wichtig, dass wir nun zusammenhalten und alles dafür tun, dass dieser schreckliche Anschlag das friedliche Zusammenleben hier bei uns nicht gefährdet."

Die Polizeipräsenz wird auf den Weihnachtsmärkten in Niedersachsen und Bremen erhöht.

Foto: Michael Galian


Gegen zehn Uhr morgens war die Zufahrt von der Bürgermeister-Smidt-Brücke zum Schlachtezauber frei, zwei von drei Stempen sind heruntergefahren, Lieferwagen stehen auf der Fußgängerzone. Ein Mann harkt den dunklen Rindenmulch vor seinem Glühweinstand, eine Gruppe Männer steht beisammen und redet, ein anderer wischt über die Tische.

Das Kulturprogramm ist abgesagt, lustige Einlagen gibt es heute nicht. Unpassend fände er das, sagt der künstlerische Leiter des Freibeuterdorfes, Johannes Faget. „Wir wollen erst mal selbst mit der Situation klarkommen. Und wenn die Besucher Polizisten mit Maschinenpistolen sehen, dann ist das nicht der richtige Zeitpunkt für Klamauk.“ Um elf Uhr öffnet der Schlachtezauber, doch an diesem Dienstag ist es nicht so wie sonst.

Der mutmaßliche Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin beschäftigt die Menschen auch hier. Schausteller sprechen darüber, ein Mandelverkäufer sagt zu einer Kollegin, es sei ja klar gewesen, dass so etwas passiere.

Thomas Faget und Vanessa Ziegan haben mit anderen Standleuten entschieden, dass es am Dienstag keine Künstleraktionen an der Schlachte geben sollte.

Foto: Frank Thomas Koch

Bremen trauert mit Berlin

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin beschäftigt die Menschen auch in Bremen. Tinka Kuhn verkauft Sterne und Christbaumschmuck, sie erzählt morgens einem Kollegen davon. Der wusste noch nichts, sie kann es kaum glauben.

"Ich habe keine Angst davor, dass solche Anschläge passieren. Ich habe Angst, dass die Stimmung im Land kippt", sagt sie. Johannes Faget sagt: "Einige von uns sind heute Morgen sehr traurig zur Arbeit gekommen." Als er am Montagabend von dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin hörte, machte er sich Sorgen um viele Kollegen und Künstlerfreunde in Berlin. Und war erleichtert, als er sah, dass sich auf Facebook alle als sicher registriert hatten.

Auf dem Weihnachtsmarkt am Rathaus sind am Vormittag einige Pärchen unterwegs, schlendern von Stand zu Stand, Schülergruppen machen Selfies vor den Buden. Es ist nicht viel los, aber das sei am Vormittag eigentlich meistens so, sagt Brigitte Kutschenbauer. Mit ihrem Mann verkauft sie Werkzeug aus Schokolade in einem kleinen Stand vor der Bürgerschaft.

Brigitte Kutschebauer will versuchen, den Besuchern die Angst nehmen.

Foto: Michael Galian

"Wenn wir uns jetzt verstecken, dann haben diese Menschen genau das erreicht, was sie wollten", sagt sie. Sie will sich nicht verstecken, auch ihre Verkäuferin, eine junge Frau, habe ihr schon am Telefon gesagt, dass sie weiter bei ihr auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten will. Ja, heute Morgen sei sie mit einem komischen Gefühl gekommen. "Das betrifft uns, das ist klar", sagt sie.

Ihr Mann Max Kutschenbauer sitzt auf einem Stuhl in der Ecke des Standes. Er sagt: "Wir sind niedergeschlagen, das ist ja klar. Wir denken nicht an den Verkauf, sondern an die Kollegen in Berlin." Dass nun Polizisten mit riesigen Waffen patrouillieren, finden die beiden nicht so gut. Dass die den Weihnachtsmarkt schützen können, bezweifelt Brigitte Kutschenbauer. Was sollten die denn tun, wenn ein Lkw heranrast? Sie will versuchen, mit allem klarzukommen. Und auch den Besuchern die Angst zu nehmen.

Der Weihnachtsmarkt in Bremen bleibt geöffnet. Das teilte der Senator für Inneres mit.

Foto: dpa

Claudia Adair ist an diesem Tag aus Ganderkesee nach Bremen gekommen, sie hatte sich schon am Wochenende vorgenommen, den Weihnachtsmarkt zu besuchen, und wollte sich das auch nicht nehmen lassen. "Ich komme schon mit einem etwas mulmigen Gefühl", sagt sie. "Ich kann mir vorstellen, dass deswegen auch weniger Leute hier sind, als sonst." Deswegen – weil ein Mann am Montagabend einen Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche steuerte und dabei zwölf Menschen starben und Dutzende verletzt wurden. Sie findet, das Leben muss trotzdem weiterlaufen. "Aber die Leichtigkeit ist weg, schon länger. Das ist schade, das macht so vieles kaputt", sagt sie.

Von einem "mulmigen Gefühl" spricht auch Christina Jahns, die am Dienstag mit Kinderwagen, Mann und Freunden über den Schlachtezauber läuft. "Aber das hält mich nicht davon ab, herzukommen. Das gehört für mich zur Vorweihnachtszeit dazu." Für ihre Freunde und sie stand fest: Wenn die Weihnachtsmärkte geöffnet sind, dann gehen sie auch hin.

Claudia Adair hat ein mulmiges Gefühl bei dem Besuch des Bremer Weihnachtsmarktes.

Foto: Michael Galian

Ivonne und Nadine Loers waren sich da nicht ganz so sicher. Sie wohnen in Zetel bei Wilhelmshaven, hatten ihren Ausflug nach Bremen für Glühwein und Lebkuchen schon länger geplant. Doch als sie am Montagabend die Nachrichten aus Berlin lasen, waren sie sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich kommen sollen. Sie haben sich dann dafür entschieden, sie wollen sich nicht beeinflussen lassen, sagen sie. Völlig unbeschwert laufen sie aber nicht durch Bremen. "Es ist so bedrückend", sagt Ivonne Loers. "Man steht am Glühweinstand und denkt daran. Man bekommt das nicht aus seinem Kopf. Die Menschen in Berlin standen da ja ganz unbedarft."

Schweigen für die Opfer

Am Abend wird es auf den Märkten für fünf Minuten still. Auf dem Weihnachtsmarkt schalten die Schausteller nach und nach die Beleuchtung aus, das Kinderkarussell steht still, die Musik ist aus. Bürgermeister Carsten Sieling und Bürgerschaftspräsident Christian Weber stehen mit Abgeordneten und Gästen für eine Gedenkminute vor der Bürgerschaft, sie halten Kerzen in den Händen, die Lichter am Weihnachtsbaum gehen aus. Die Wurstverkäufer am Grill stehen still, haben die Hände gefaltet, schweigen, auch einige Besucher stehen still und schweigen, nicht alle.

Lesen Sie auch

Auf dem Schlachtezauber bitten die Schausteller um Ruhe, um Respekt, um fünf Minuten Stille. Sie sprechen nicht mehr mit den Besuchern, nehmen keine Bestellungen mehr auf, verkaufen nichts. Eine Auszeit für die Marktleute und für die Besucher soll das sein, und die Möglichkeit, nachzudenken. Danach soll es aber weitergehen, sagt Johannes Faget. "Wir lassen uns in unserer Freiheit nicht einschränken." Das sehen auch die Besucher so. Am Abend sind die Wege wieder voll, die Leute stehen vor den Glühweinständen und lachen. Fast so, als wäre nichts gewesen.

Bremerinnen und Bremern haben übrigens die Möglichkeit, sich in einem Kondolenzbuch einzutragen. Das Buch liegt ab Dienstagmittag, 13 Uhr, bis Freitag, 23. Dezember 2016, in der Zeit von 8 bis 18 Uhr im Foyer des Bremer Rathauses aus. Aus Respekt vor den Opfern und Angehörigen fällt am Dienstag das musikalische Liveprogramm des Verdener Weihnachtsmarktes aus.

Schweigeminute auf dem Weihnachtsmarkt.

Foto: Christina Kuhaupt

Auch in Niedersachsen kündigte Innenminister Boris Pistorius (SPD) an, die Sicherheitslage werde geprüft. Pistorius appellierte an die Bevölkerung, nach dem Motto "Jetzt erst recht!" auf die Weihnachtsmärkte zu gehen. Er selbst werde dies auch tun. "Eine Reaktion wäre definitiv die falsche: Die Schließung der Weihnachtsmärkte. Denn dann hätten die feigen Terroristen ihr Ziel erreicht."

Der Landesverband der Muslime in Niedersachsen verurteilte den Berliner Anschlag ebenso wie die Angriffe auf eine Moschee in Zürich und den russischen Botschafter in der Türkei. "Diese Taten können durch nichts, weder durch eine Religion, noch durch Politik, gerechtfertigt werden, sie sind barbarische Attentate auf unschuldige Menschen und auf unsere Gesellschaft", sagte der Landesverbands-Vorsitzende Recep Bilgen.

Der Bremer Weihnachtsmarkt gehört einer aktuellen Studie zufolge zu den größten und beliebtesten Weihnachtsmärkten in Deutschland. (wk)

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+