Squasher Heiko Schwarzer "Dann kommt alles, was kommt, oder auch nicht"

Der Bremerhavener Heiko Schwarzer spielt Squash seitdem er klein ist. Mittlerweile wohnt er in Prag. Mit dem WESER-KURIER hat er darüber gesprochen, warum er regelmäßig zurückkommt und was den Sport ausmacht.
08.08.2022, 04:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Hannah Krug

Heiko Schwarzer schaut sich um. Er betrachtet das Publikum, seine Frau, die dort sitzt, seinen Trainer, der sich neben dem Schiedsrichter platziert hat, er betrachtet seinen Gegenspieler, den Waliser Elliott Morris Devired und schließlich sieht er sich kurz seinen Squash-Schläger an. Diese breite Aufmerksamkeit macht sich auch im anschließenden Spiel bemerkbar. Viele Bälle seines Gegenspielers nimmt er an, oft schafft er es aber nicht rechtzeitig. Der wesentlich jüngere Spieler ist größer und schneller, ihm immer einen Schritt voraus. Doch das scheint Schwarzer nichts auszumachen. Nach jedem Score nickt er seinem Gegner kurz zu. Einmal grinst er sogar ins Publikum.

Die Autofahrt in der vergangenen Woche von Bremen nach Prag hat diesmal sieben Stunden gedauert. Obwohl Schwarzer seit ein paar Jahren in der tschechischen Hauptstadt lebt, ist er seinem Stammverein, dem 1. Bremer SC (BSC), als Bundesligaspieler treu geblieben. Am vergangenen Donnerstag sind Schwarzer und seine Frau Sonja in der Hansestadt angekommen, eine Reihe von Squash-Turnieren steht dort an. In der Qualifikationsrunde schafft es der 43-Jährige ins Halbfinale. Am mit 12.000 Dollar dotierten Bremer-Schüssel-Turnier nimmt Schwarzer per Wild Card teil, eine formelle Qualifikation muss er also nicht erfüllen.

3:11, 6:11, 4:11: Nach zehn Minuten ist die Partie gegen Devired vorbei. Ganz nach seiner Devise: "Manchmal ist es besser, 0:11 zu verlieren, aber gut in den Ballwechseln zu sein." Und das ist wohl auch seine Stärke: Er spielt ruhig, behält die Übersicht und hat eine saubere Technik.

Schwarzer hat einen drahtigen Körper, große Hände, dunkelblondes Haar und einen Dreitagebart. Es ist schwierig, ihm etwas über seine sportlichen Erwartungen oder Ambitionen zu entlocken: "Das Resultat ist für mich nicht so wichtig, sondern eher, dass ich gut spiele – und der Rest kommt von alleine." Diese Philosophie hat sich in seiner nun schon 33 Jahre andauernden Sportkarriere bewährt. 2003 wurde er in die deutsche Nationalmannschaft berufen, 2015 wurde er deutscher Masters-Meister und 2017 Ü35-Europameister.

Alles aufs Eis legen für die Profi-Karriere – das hat sich Schwarzer als junger Erwachsener zwar mal gedacht, aber nie durchgesetzt. Der Gedanke an das Verletzungsrisiko und damit an ein frühzeitiges Aus der Karriere hat ihn letztlich davon abgehalten. Ganz rational: "Ich habe eigentlich immer auf Arbeit gesetzt und Squash nebenbei gemacht."

Sportförderung bei der Bundeswehr

Schwarzer wächst in Bremerhaven als Sohn einer Alleinerziehenden auf. Für Sport begeistert er sich schon früh. Besonders Fußball und Schwimmen haben es ihm angetan. Doch dann entdeckt der zehnjährige Schwarzer bei einem Ferienprogramm Squash und spielt von da an nichts anderes mehr. Zu dieser Zeit lernt er auch seinen Trainer Wilhelm Eickworth kennen. "Ein Kind mit viel Spaß und Freude", so beschreibt Eickworth das junge Talent. Als Jugendlicher wohnt Schwarzer sogar für drei Jahre bei seinem Förderer.

Nach der Schule beginnt der 16-jährige Schwarzer eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker bei Daimler Chrysler. Danach tritt er seinen Grundwehrdienst an und landet in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Das bedeutet, einmal die Woche militärischer Dienst und sonst nur Squash. Ein Privileg, denn die Suche nach Sponsoren für den Start in die Weltrangliste gestaltet sich schwierig. Er beantragt eine Verlängerung, die nicht genehmigt wird. Schwarzer entscheidet sich dazu, eine Meisterausbildung bei Daimler dranzuhängen. Im Jahr 2005 schließt er diese nicht nur erfolgreich ab, sondern belegt auch den zweiten Platz bei der deutschen Squash-Meisterschaft.

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Das Verhältnis zu seinem Trainer, wie auch zum BSC, beschreibt der Squash-Profi als ein sehr familiäres. Ein Großteil seiner Freunde und Bekannten lebt noch in Bremen, viele spielen ebenfalls im Verein. "Ich bin hier aufgewachsen und habe zu allen noch eine sehr enge Bindung. Mein Trauzeuge ist auch noch hier." Die 650 Kilometer fährt er nicht nur, um Bundesligaspiele zu absolvieren, sondern auch, um mit Freunden Essen zu gehen und sich übers Leben auszutauschen. Dafür nimmt er auch einen holprigen Wochenstart in Kauf. "Wenn ich sonntagabends spät zurückkomme, habe ich manchmal bis Mittwoch Probleme, in Gang zu kommen."

Selbstständigkeit vereinfacht das Reisen

Schwarzer ist viel unterwegs. Auch in Tschechien reist er für Squash-Spiele quer durchs Land. In knapp zwei Wochen startet die Masters-Weltmeisterschaft in Polen, seine erste Weltmeisterschaft übrigens. Die Flexibilität, ständig zu verreisen, ermöglicht die berufliche Selbstständigkeit von Heiko und Sonja Schwarzer. Er arbeitet als Squash-Trainer beim tschechischen Club Strahov. Dort spielt er selbst in einer PSA-Gruppe, die er auch trainiert. PSA steht für "Professional Squash Association", eine Vereinigung, der alle Squash-Profispieler und -Profispielerinnen angehören. Sie veranstaltet auch die Herren-Squash-Turnierserien, wozu der Bremer Schüssel gehört. Sonja Schwarzer ist Managerin eines eigenen Unternehmens und spielt in ihrer Freizeit Squash. Die beiden lernten sich bei der Squash-Europameisterschaft in Schweden kennen. Einmal gewannen sie sogar zusammen bei einer Meisterschaft in Portugal jeweils ihre Altersklasse.

Als Schwarzer die aus Tschechien stammende Sonja kennenlernt, stehen sie schnell vor der Entscheidung: Prag oder Bremen. Sie entscheiden sich für Prag oder besser: für einen Prager Stadtteil. "Es ist ruhiger als in Bremen", beschreibt Schwarzer seinen Wohnort. Von Prag bekommen die beiden aber gar nicht so viel mit.  "Wir versuchen, die Innenstadt zwischen April und November zu meiden." Die zahlreichen Touristen schrecken ab. Viel lieber schaltet er vorm Fernseher beim Formel-1-Gucken ab, beim Waldspaziergang mit dem Hund oder bei der Gartenarbeit.

Die Großstadtsehnsucht kann die Entscheidung also nicht beeinflusst haben. In Prag leben rund 1,3 Millionen Menschen, und es gibt dort 18 Squash-Anlagen. Zum Vergleich: In Berlin leben etwa 3,7 Millionen Menschen, und die Stadt verzeichnet vier Squash-Anlagen. "Es gibt einige Länder, da ist Sport intensiver als woanders. In Tschechien sind die Leute sportverrückt." 

In der Woche trainiert Schwarzer dreimal Squash, daneben fährt er Rennrad und geht Laufen. Über das Älterwerden sagt er: "Ich spiele heute cleverer." Damit meint er, auch mal eine Trainingseinheit auszulassen oder nicht "voll zu trainieren". Ans Aufhören ist bei ihm noch lange nicht zu denken. "Es gibt einige Lebenssituationen, da sagt man, jetzt reicht es." Schwarzer scheint davon weit entfernt zu sein, ganz nach dem Motto: "Ich spiele, gebe mein Bestes – und dann kommt alles, was kommt, oder auch nicht."

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Topspieler zu Gast in Bremen

Am Montag ist der Bremer Schlüssel 2022 gestartet. Das mit 12.000 US-Dollar dotierte Weltranglisten-Squashturnier findet bis 12. August in der ULC Sportwelt in Woltmershausen statt. Die beiden deutschen Spieler aus Worms, Yannik Omlor (WRL 100) und Valentin Rapp (WRL 133), haben sich qualifiziert. Über eine Wild Card gelangten zudem die Bremer Heiko Schwarzer (WRL 442) und Felix Göbel (WRL 513) ins Turnier. Mit dabei sind einige der Weltklasse-Squashspieler wie der Spanier Bernat Jaume (WRL 53) und die Ägypter Mazen Gamal (WRL 55) und Aly Abou Eleinen (WRL 61). Das Finale wird am Freitag ausgetragen. Unmittelbar danach beginnt das Halbfinale der Bundesliga-Endrunde zwischen Paderborn und Saar-Pfalz. Für die Veranstaltungen können Tickets erworben werden.

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