Ein Bremer bei der Tour de France

Lennard Kämna: „Ich will auch mal auf Sieg fahren“

Der Start der Tour de France rückt näher: Wie sich Lennard Kämna in Form bringt und warum ein Umzug aus Bremen wohl unvermeidbar sein wird.
20.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Lennard Kämna: „Ich will auch mal auf Sieg fahren“
Von Mathias Sonnenberg
Lennard Kämna: „Ich will auch mal auf Sieg fahren“

Immer schnell unterwegs: Lennard Kämna im Dress von Bora Hansgrohe.

Clara Margais /dpa
Herr Kämna, im Juni sind Sie zu Bremens Sportler des Jahres gewählt worden. Ist das ein Push gewesen für Sie in diesem Jahr, das von einer langen Wettkampf-Unterbrechung geprägt ist?

Lennard Kämna: Seit Mai läuft alles in eine sehr gute Richtung, was das Training angeht. Wir waren drei Wochen im Höhentrainingslager, das Wetter war zwar ziemlich schlecht, aber für mich lief es gut. Und über die Wahl habe ich mich wirklich extrem gefreut.

Woran merken Sie, dass es gut für Sie läuft?

Ich bin im April einen Test gefahren, den ich jetzt wiederholt habe, da konnte ich gut sehen, wie ich mich verbessert habe. Das ist zum Glück ja alles messbar. Mein Trainer bekommt auch meine Trainingsleistungen immer auf sein Laptop, er kann mich also individuell steuern und schauen, wie mein Körper reagiert.

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Merken Sie an Ihrem Körper, ob es gut oder weniger gut läuft?

Ja, ich spüre das schon, aber das Gefühl kann auch schon mal täuschen, deshalb sind messbare Werte schon besser. Wenn ich drei, vier Wochen lang extrem trainiere, merke ich aber deutlich, wie ich mich verbessere.

Hat sich durch Corona was im Trainingslager verändert?

Ja, schon einiges. Wir wurden in drei Fahrer-Gruppen aufgeteilt, das ist neu. Morgens stehen drei verschiedene Tests an, die Herzfrequenz, die Sauerstoffsättigung im Blut und ein Entzündungswert werden gemessen, zusätzlich die Körpertemperatur. Damit ist schnell geklärt, ob jemand einen Infekt hat. Und wir haben alle Einzelzimmer, das ist auch neu.

Das kann ja ganz angenehm sein.

Ich finde ein Doppelzimmer eigentlich besser, da ist man schon ein wenig abgelenkt. Aber ein Tag geht immer schnell rum, die Einheiten sind zwischen vier und sechseinhalb Stunden lang. Morgens um 10 Uhr geht es los, alle eineinhalb Stunden gibt es eine kurze Pause. Bei sechseinhalb Stunden Fahrtzeit ist man immer siebeneinhalb Stunden oder länger unterwegs. Nach einem langen Training kann das Mittagessen auch schon mal um 17.30 Uhr verspätet beginnen. Danach Massage, später dann Abendessen, das geht wirklich Schlag auf Schlag.

Sie haben auch lange in Hagen bei Ihrer Freundin trainiert, ab und an auch in Ihrer Heimat in Bremen. Gibt es den Plan, für optimale Trainingsbedingungen ins Ausland zu ziehen? Ihr Team-Kollege Emanuel Buchmann etwa lebt in Bregenz.

Bregenz wäre wohl schon besser, das habe ich auch in der Corona-Pause gemerkt. Dort leben mehrere Team-Kollegen, ich bin hier viel alleine gefahren, das ist dann schon zäh.

Sie hängen ja an Ihrer Heimat Bremen und Fischerhude. Aber wäre es trotzdem eine Option, noch mal ins Ausland zu ziehen?

Das ist, wenn ich ehrlich bin, wohl ein unvermeidbarer Schritt. Wenn man absolutes Top-Level und dann auch die Konstanz erreichen möchte, dann ist das richtige Umfeld mit Team-Kollegen schon sehr wichtig. Weil die dich auch mal an schlechteren Tagen pushen, um dich ganz nach vorne zu bringen.

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Aber entschieden ist das noch nicht?

Ich habe noch keinen konkreten Plan, wohin es gehen könnte. Mir war wichtig, dass ich mich wohlfühle und auf ein gutes Level zu kommen. Das habe ich geschafft. Wenn ich jetzt merke, dass ich nicht weiterkomme, dann ist es an der Zeit, sich zu verändern. Es wäre ja auch nicht für die Ewigkeit.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich bin seit Anfang Juli bei meiner Freundin in Hagen und trainiere allein. Aber der Fokus ist jetzt schon voll auf die Tour de France gerichtet. Vorher gibt es noch die Vuelta Burgos und das Critérium du Dauphiné, das sind zwei perfekt aufeinander abgestimmte Vorbereitungsrennen, bei denen ich schon in einer sehr guten Form sein möchte. Aber die Krönung wird dann die Tour sein.

Und Sie sind dabei.

Wenn ich nicht noch krank werde, bin ich dabei. Aber an so etwas will ich gar nicht denken. Unter normalen Umständen sollte ich dabei sein, da mache ich mir eigentlich keine Sorgen.

Und dann werden auch Zuschauer an der Strecke stehen?

Ich denke schon, aber natürlich nicht in so großen Mengen wie in normalen Jahren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die komplette Tour ohne Zuschauer stattfindet. Es sollte ja möglich sein, dass die Zuschauer mit Abstand dabei sein können. Und etwas Zeit haben wir ja auch, hoffentlich verbessert sich die Situation weiterhin kontinuierlich.

Sie haben immer gesagt, dass Sie bei der Tour in erster Linie Ihrem Team-Kollegen Emanuel Buchmann nach vorne verhelfen wollen. Hat sich an dieser Zielsetzung was verändert?

Nein, das ist noch immer so und wird sich nicht verändern. Dafür bin ich ja geholt worden, das ist klar kommuniziert. Vielleicht bekomme ich an einigen Tagen meine Freiheiten, bei einer Ausreißergruppe dabei zu sein, aber zu 95 Prozent sehe ich mich in der Helferrolle.

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Aber das wird ja nicht für die Ewigkeit bleiben.

Irgendwann will ich natürlich auch mal auf Sieg fahren. Aber in einem Team derjenige zu sein, der bei der Tour auf Sieg fahren darf, ist noch mal eine andere Nummer. Das kann man auch mal bei anderen Fahrten probieren und sich langsam rantasten.

Ist das Ihr Ziel, also eines Tages bei der Tour de France anzutreten, um auf Sieg fahren zu können?

Ich tue mich schwer, das jetzt als Ziel zu benennen. Es ist ja schon ein Riesending, wenn man bei der Tour mal eine Etappe gewinnt oder bei Bergetappen unter die Top Ten fährt. Gesamtsieger zu werden, da steckt so viel dahinter, da muss man so unfassbar gut sein und dem Radsport alles unterordnen, aber wirklich alles. Und über Jahre richtig, richtig hart trainieren, um da mal hinzukommen. Da habe ich noch was vor mir. Das muss man ja auch körperlich verkraften.

Sie haben letztes Jahr aber erlebt, wie schnell die Dinge sich positiv entwickeln können.

Auf jeden Fall, das war gut. Ich hatte aber bei Sunweb, meinem Team damals, auch die Möglichkeit, mich mal einen Tag ein bisschen zu erholen und Energie zu sparen. Da war ich in der dritten Woche noch topfit. Das ist anders, als wenn du schon in den ersten zwei Wochen voll auf Krawall fahren musst.

Wird das jetzt so sein?

Das wird schon in diese Richtung gehen, dass ich drei Wochen lang jeden Tag voll da sein muss. Da bin ich schon gespannt, wie sich das dann in der dritten Woche anfühlt.

Haben Sie da Respekt?

Es geht, ich weiß, dass ich gut regenerieren kann. Außerdem haben wir ein gutes Team, gutes Physios. Ich bin guter Hoffnung, dass ich gut durch die drei Wochen komme. Ich freue mich riesig, die Tour de France ist ja ein Highlight.

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Bleibt es Ihr Ziel, dieses Jahr eine Etappe zu gewinnen?

Das kann ich nicht sagen, dafür weiß ich zu wenig über meinen Spielraum im Team. Aber keine Frage, irgendwann will ich das schon mal.

Ist der Druck größer geworden durch das gute letzte Jahr?

Eigentlich nicht, gefühlt habe ich sogar weniger Druck. Ich mache mir selbst den Druck, dass ich mich auf dem hohen Niveau des Vorjahres beweisen will. Aber das empfinde ich nicht als anstrengend, ich habe ein großes Vertrauen in mich und meinen Trainer, dass wir es so gut hinkriegen wie 2019.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Lennard Kämna (23) ist in Wedel geboren, aufgewachsen in Fischerhude und lebt jetzt in Bremen. 2019 startete er erstmals bei der Tour de France und wurde 40. im Gesamtklassement. Seit diesem Jahr fährt er für das Team Bora Hansgrohe.

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