Rollstuhltänzerin mit Multiple Sklerose

Neue Leidenschaft, große Ziele

Diagnose Multiple Sklerose: Mit ihrer Leidenschaft, dem Tanzen, hatte Nicole Klausing schon abgeschlossen. Eine Begegnung wird zum Wendepunkt. Klausing erfährt vom Rollstuhltanz.
04.08.2018, 06:00
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Neue Leidenschaft, große Ziele
Von Marlo Mintel
Neue Leidenschaft, große Ziele

Das Duo Nicole und Peer Klausing beherrscht Tanzstile wie Rumba oder Cha Cha Cha. „Anfangs hatten wir in den Armen Muskelkater“, berichtet die 42-Jährige.

Frank Thomas Koch

Ein Lächeln huscht über Nicole Klausings blasses Gesicht. Sie schaut zu ihrem Ehemann Peer, der im Eingangsbereich des Tanzzentrums Gold und Silber Bremen in Walle neben ihr an einem Tisch sitzt. „Ich möchte das nicht wieder aufgeben. Danach habe ich mich einfach jahrelang gesehnt.“ Die 42-Jährige spricht über einen Sport, den sie und ihr Mann seit zwei Jahren gemeinsam betreiben. In wenigen Minuten geht es für das Paar eineinhalb Stunden auf das Schwingparkett, das wöchentliche Training steht an. Sie tanzen im Duo. Ihr Sport heißt Rollstuhltanz.

Nicole Klausing lebt in Bassum. Dort ist sie geboren und aufgewachsen. Mit 15 Jahren wagt sie sich zum ersten Mal auf das Parkett. „Die Grundkurse gehörten auf dem Land einfach dazu“, sagt die Rechtsanwaltsfachangestellte. Sie hat Spaß und tritt später einer Lateinformation bei. Tanzen sei immer ein Ausgleich und Freude gewesen. „Dort habe ich auch meinen ersten Mann kennengelernt.“

Marlo Mintel  Volo Projekt - Thema Behindertensport - Rollstuhltänzerin Nicole und Peer Klausing

Will im Rollstuhltanz viel erreichen: Nicole Klausing.

Foto: Frank Thomas Koch

Das Lächeln ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Mit brüchiger Stimme fängt die zierliche Frau mit schulterlangem, dünnem Haar von ihrer Krankheit zu berichten. „2000 ging es langsam los. Ganz schlimm wurde es aber nach der Geburt meiner Tochter zwei Jahre später.“ In dieser Zeit fühlte sie sich nur noch erschöpft, verspürt starke Rückenschmerzen. Noch ahnten die Ärzte nichts von ihrer Krankheit. „Es wurde abgetan mit Überforderung. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis ich die Diagnose hatte.“

Eine Diagnose, die Klausing in Depressionen stürzte: Multiple Sklerose. Es ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst. Die Krankheit kostete ihre erste Ehe. „Wir kamen einfach nicht mehr miteinander klar“, blickt Klausing zurück. Ihr fällt es schwer, mit der Krankheit klarzukommen. „Ich musste mich erst mal daran gewöhnen, dass manche Sachen nicht mehr gingen.“

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Spazieren gehen, lange Strecken mit dem Fahrrad fahren, all das ist seitdem nicht mehr möglich. Klausing fällt es sichtlich schwer, in die Vergangenheit zurückzublicken. Ihre Stimme wird leiser, sie baut längere Pausen ein, ihr Mund fängt leicht an zu zittern. „Wie andere Mütter mit ihren Kindern auf dem Spielplatz rumtoben, das geht auch nicht.“ Sie kämpft mit den Tränen. „Alles, was andere, gesunde Eltern mit ihren Kindern machen, da musste ich im Grunde genommen zugucken.“

Anders als ihr jetziger Ehemann Peer ist Nicole Klausing nicht dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen. Doch für längere Ausflüge und den Sport greift sie auf das Hilfsmittel zurück.

Eigentlich hatte Klausing mit ihrer Leidenschaft, dem Tanzen, bereits abgeschlossen. Das ändert sich 2015. Sie lernt in der Reha eine ehemalige Rollstuhltänzerin kennen. Die 42-Jährige erfährt, dass es in Bremen einen Verein für Rollstuhltanz gibt. Sie nimmt mit ihrem Ehemann an einem Probetraining teil. Peer Klausing schmunzelt. „Der Trainer forderte uns auf, einen langsamen Walzer zu tanzen. Wir wussten gar nicht, wie das geht. Woher auch?“

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Das Probetraining hinterlässt beim Ehepaar Spuren. Es hat ihnen Spaß gemacht. Die Klausings treten dem Verein ein Jahr später bei. Zum Kern der Waller Rohlstuhltanzgruppe gehören acht Tänzerinnen und Tänzer. Nicole und Peer Klausing sind das einzige Duo. Es überwiegen Paare, von denen ein Partner im Rollstuhl sitzt und der andere Fußgänger ist. Das nennt man Kombi. Die Gruppe trifft sich mittwochs im Tanzzentrum Gold und Silber Bremen zum Training.

Die Klausings sind bereit. Rumba soll es sein – zu einer gefühlvollen Ballade von US-Sängerin Kelly Clarkson. Nicole Klausing lächelt wieder. Sie dreht die Rollstuhlräder zum Rhythmus, bewegt ihr Gefährt nach links und rechts. Die Oberkörper- und Armbewegungen sind mit ihrem Partner abgestimmt, sie harmonieren. Ihr Trainer Stefan Felten schaut ihnen begeistert zu. „Die haben einen Wahnsinnsfortschritt hingelegt“, murmelt er.

Was Felten freut: Seine Schützlinge wollen sich weiter verbessern. Am Wochenende vor dem Training haben Nicole und Peer Klausing in Hannover ihr erstes Turnier bestritten. Das Resultat: Platz drei. Ein Ergebnis, mit denen beide sehr gut leben können. „Es hat ein Paar gewonnen, das seit mehr als 20 Jahren tanzt“, sagt Nicole Klausing. Nicole Klausing verfolgt ehrgeizige Pläne. „Mir ist Rollstuhltanz extrem wichtig, weil ich hier etwas erreichen kann. Ich habe zwar die Einschränkung, dass ich einen Rollstuhl benötige, trotzdem kann ich sehr erfolgreich werden.“

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