Sorge um Großveranstaltungen Corona-Krise trifft Grün-Gold-Club finanziell schwer

Die Stimmung im Verein des Formationsweltmeisters ist besser als die Lage. Denn bei allem Zusammenhalt der Mitglieder: Der Klub ist auf Einnahmen aus seinem für Juni geplanten Dance-Sport-Festival angewiesen.
02.04.2020, 21:06
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Corona-Krise trifft Grün-Gold-Club finanziell schwer
Von Jörg Niemeyer

Die Not macht erfinderisch – auch bei den Mitgliedern des Grün-Gold-Clubs (GGC). „Es ist schon toll zu sehen, wer da aus unserem Verein auf einmal als Gitarren- oder Klavierspieler auftaucht“, sagt der Klubvorsitzende Jens Steinmann und lacht. Schön, dass es auch in schweren Zeiten aufmunternde Momente gibt. Bremens berühmtester und weltweit bekannter Tanzklub wollte von seinen Mitgliedern wissen, welche Talente außer Tanzen in ihnen schlummern. Jens Steinmann zeigte sich von der Resonanz überwältigt. „Eine unserer Tänzerinnen hat sogar Schutzmasken genäht.“

Auch der vereinsinterne Aufruf des Grün-Gold-Clubs zeigt: Letztlich dreht sich derzeit alles um die Corona-Krise. Die Sportler haben Zeit für andere Hobbys, die sie zu Hause ausüben können. Woanders geht es in diesen Tagen ja auch nicht. Jens Steinmann kann der augenblicklichen Lage auch Positives abgewinnen. „Manche Werte verschieben sich in die richtige Richtung“, sagt er.

Und denkt dabei zum Beispiel an die Hilfsbereitschaft in seinem Verein und an die Solidarität unter den Mitgliedern und Trainern. Steinmann gehört zur WhatsApp-Gruppe der beiden Top-Lateinformationen des Klubs und ist begeistert, wie die Aktiven ihren Zusammenhalt via Smartphone pflegen. „Sie pushen sich, sie unterstützen sich und sie bauen sich auch gegenseitig auf, wenn es nötig ist“, sagt der Vorsitzende.

Viel mehr ist aktuell nicht möglich. Immerhin organisiert der GGC ein Online-Training. Das ist aus Sicht des Vereins aus zwei Gründen wichtig: Zum einen hält er auf diesem Weg den Kontakt zu seinen Mitgliedern, zum anderen können die Trainer wenigstens ein bisschen Geld verdienen. Der GGC hat keine fest angestellten Mitarbeiter, dafür aber gleich sieben Honorartrainer.

Und denen ist in Zeiten von Tanzsaal- und Hallenschließungen das Einkommen fast komplett weggebrochen. Das Produzieren von Videos erfüllt damit gleich zwei gute Zwecke: Es sichert den Einen ein kleines Honorar und liefert den Anderen eine Trainingsanleitung frei Haus. „Natürlich ersetzt das kein Formationstraining mit acht Paaren“, sagt Jens Steinmann, „aber zumindest Fitness und Technik können so trainiert werden.“

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Beim GGC warten etwa 450 Mitglieder sehnsüchtig auf die Rückkehr in den normalen (Tanz-)Alltag. Normalerweise herrscht in der Wandschneiderstraße in zwei Sälen, in der Alfred-Nobel-Straße in drei Sälen und in diversen Sporthallen ständig Hochbetrieb. Der Verein des zehnfachen Weltmeisters der Lateinformationen unterhält allein sechs Formationen und 70 Einzelpaare im Standard- und Lateintanzen. „Wir können jetzt nur hoffen, dass uns die Mitglieder die Treue halten“, sagt Jens Steinmann.

Die finanzielle Lage des GGC würde sich noch verschlechtern, wenn sein für das erste Juni-Wochenende geplante Dance-Sport-Festival mit 100 internationalen Turnieren und mehr als 1000 Teilnehmern wegen der Corona-Krise ausfallen sollte. „Ein Gewinn aus dieser Veranstaltung ist eingeplant, der wird für den Klubetat auch gebraucht“, sagt der 60-Jährige. Er hat die Hoffnung, dass die Turniere ebenso stattfinden können wie zeitgleich das Dancing-Superstars-Festival des GGC-Trainers Roberto Albanese, zwar noch nicht aufgegeben, doch seine Skepsis ist größer als die Zuversicht.

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Für die Durchführung der zweiten Großveranstaltung, mit der der Grün-Gold-Club Geld in seine Kasse bekommen möchte, sieht Steinmann deutlich größere Chancen. Am 12. Dezember soll in Bremen die WM der Lateinformationen laufen, die Hälfte der Eintrittskarten sei schon verkauft. Die Lust auf Tanzsport ist in der Stadt also spürbar, nun muss nur noch das Coronavirus so schnell wie möglich zurückgedrängt werden. „Die nächste Frage ist dann allerdings, ob die Sponsoren noch wollen, können und dürfen“, sagt Jens Steinmann.

Schließlich sei derzeit nicht absehbar, welche Auswirkungen die Krise überhaupt habe. Die Krise löst auf jeden Fall in finanzieller Hinsicht die größten Sorgen des GGC aus. Bleiben ihm die Mitglieder im Verein erhalten? Können die Veranstaltungen stattfinden? Steinmann hat angesichts der erdrückend mächtigen Player im weltweiten Kampf ums Geld, Fußball und Formel 1, aber noch eine weitere Sorge: dass kleine Sportarten nach Ende der Krise stiefmütterlich behandelt werden.

„Der Sport kann sich diesmal nicht allein helfen“, sagt Jens Steinmann. Er ist überzeugt, dass sich gesellschaftlich etwas verändert haben wird, wenn die Krise vorüber ist. Nur im Verein, sagt er, solle sich nichts ändern – zumindest nicht in der Hinsicht, dass Mitglieder oder Ehrenamtliche gegangen sind. So weit es in diesen Wochen eben möglich ist, laufen die Planungen für die kommende Saison trotzdem.

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Weil die für den 23. Mai in Wien angesetzte Europameisterschaft inzwischen auf den 10. Oktober verschoben worden ist, hat die derzeitige unfreiwillige Trainingspause des GGC zumindest kurzfristig keine negativen Folgen. Doch auch wenn der Meisterschaftsbetrieb im Tanzen bis zum Herbst jetzt ruht: Wegen Corona kann der Grün-Gold-Club die Planungen für den Sportbetrieb unterhalb der Bundesliga-Formationen nicht konkret angehen. „Wir werden wohl erst im September oder Oktober endgültig wissen, wie viele Teams wir für die Saison melden können“, sagt Jens Steinmann.

Wenigstens von einem Problem bleiben die Grün-Gold-Formationen in diesem schwierigen Jahr verschont: Sie müssen keine neue Choreografie einstudieren. Zwar anders als 2020, war der Grün-Gold-Club auch 2019 in plötzliche Not geraten, weil er mit der neuen Choreografie „This is me“ des A-Teams um den sportlichen Erfolg fürchtete. Trainer Roberto Albanese studierte mit seinen Tänzern kurzfristig und erfolgreich die Choreografie „Music is the key“ ein. Grün-Gold feierte im November erst die deutsche Meisterschaft und vier Wochen später auch den WM-Titel.

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