Birte Brüggemann im Interview Werders Frauenfußball-Chefin über ihr Leben in einer Männer-Domäne

Birte Brüggemann ist Frauenfußball-Chefin bei Werder Bremen. Im Interview spricht sie über ihre Funktion und ihr Engagement in einem männerdominierten Sport.
27.12.2019, 22:02
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Werders Frauenfußball-Chefin über ihr Leben in einer Männer-Domäne
Von Mathias Sonnenberg

Frau Brüggemann, nach der Frauen-WM im Sommer haben Sie in einem Gast-Kommentar im WESER-KURIER gefordert, dass der DFB sich zum Frauen-Fußball bekennen müsse. Tut er das sechs Monate später?

Birte Brüggemann: Ja, er bekennt sich.

Das meinen Sie ernsthaft?

Es ist auf DFB-Ebene wirklich viel passiert. Wir haben mit Fritz Keller jetzt einen Präsidenten, der den Frauen-Fußball sehr unterstützt und seinen Worten Taten folgen lässt. Er ist sehr kommunikativ, interessiert und war bereits beim Länderspiel in England vor Ort. Es wird über Liga-Sponsoring in der 2. Liga nachgedacht, die zweite Liga soll finanziell besser unterstützt werden. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.

Aber sichtbar ist das nicht.

Im nächsten Jahr feiert der Frauen-Fußball sein 50-jähriges Jubiläum, da wird es viele Veranstaltungen geben. Im Mädchen- und Frauen-Fußball tut sich was, der DFB war mit einer Delegation in England, um zu schauen, was dort besser läuft als bei uns. Immerhin überträgt Eurosport jetzt jeden Freitag ein Bundesligaspiel live. Also, es geht natürlich immer mehr, aber es geht voran. Allerdings haben wir nach wie vor Probleme zum Beispiel mit dem Zuschauerschnitt und dem Leistungsgefälle in den Ligen.

Lesen Sie auch

In England boomt der Frauen-Fußball und hat die Bundesliga abgehängt.

Spanien und England haben über das Liga-­Sponsoring überragende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommen.

Warum klappt das in Deutschland nicht?

Es ist eine Frage von Relationen, in England und Spanien fließen ja auch bei den Männern viel mehr Gelder als bei uns. Ich finde das alles toll, aber man muss auch mal abwarten, wie sich das entwickelt. Auch die USA waren vor Jahren das Vorzeige-Land für Frauen-­Fußball, heute aber wechseln Spielerinnen primär zu Studienzwecken aus Deutschland in die Liga.

Sie waren im Frühjahr so enttäuscht, dass Sie den DFB-Ausschuss verlassen haben.

Ja, weil bestimmte Strukturen immer wieder in der gleichen Schleife bearbeitet wurden. Da wollten wir ein Zeichen setzen, auch Ralf Kellermann vom VfL Wolfsburg und Maria Reisinger aus Meppen. Unser Rücktritt hat viel ausgelöst. Mit der Konsequenz, dass ein Liga-Ausschuss gegründet wurde.

Dem Sie wieder angehören?

Genau, weil wir jetzt größere Entscheidungsmöglichkeiten haben und nicht alles in den Händen des DFB liegt. Wir haben ein Beet bereitet, das jetzt bepflanzt werden kann, auch vom DFB-Präsidenten Fritz Keller. Er hat viel Präsenz und wird nicht müde, den Frauen-Fußball auch in seinen Wortbeiträgen immer wieder zu erwähnen. Uns Frauen gibt‘s eben, das war bei seinen Vorgängern nicht immer so deutlich.

Sie machen den Job bei Werder jetzt seit über zwölf Jahren. Wie oft kommen Sie da an Ihre Frustrationsgrenze?

Die Frage ist schwer, weil sie mit Emotionalität verbunden ist. Ich bin die Frau an der Spitze der Abteilung, das ist also eine Kämpferrolle. Ist nicht immer angenehm, weil sie Kraft kostet und eher negative als positive Dinge anspricht. Man muss den Daumen permanent in die Wunde legen, sonst entwickelt man nichts weiter. Das ist eine Rolle, die mir immer wieder schwer fällt, weil man so motzend und negativ rüber kommt. Ich habe die Antennen immer ausgefahren, auch hier bei uns.

Lesen Sie auch

Wie meinen Sie das?

Wir haben ja auch qualifizierte Fußball-Trainer und Trainerinnen, die die gleiche Sportart betreiben, nur mit einer weiblichen. Da ist in Sachen Anerkennung noch viel Luft nach oben, auch bundesweit. Wenn Sie sich mal die Social-Media-Aktivitäten im Netz zum Frauen-Fußball anschauen, da gibt es überall noch diese diskriminierenden Sprüche. So nach dem Motto: Frauen-Fußball ist doch eine andere Sportart! Das gibt es in keiner anderen Sportart, weder beim Tennis, Handball oder Biathlon. Da gibt es diese Frauen-Männer-­Vergleiche gar nicht. Ich bezweifele mittlerweile, dass ich noch erlebe, dass sich das gravierend ändert.

Was muss sich ändern?

Alexander Kluge ist unser Trainer für die Frauen in der zweiten Liga. Er ist Sportwissenschaftler und A-Lizenz-Inhaber, er hat die gleiche Ausbildung wie viele Trainer im männlichen Bereich. Er ist ja nicht schlechter, nur weil er Frauen trainiert. Unterschwellig aber spürt man das ab und an. Und das fühlt sich dann schon ungerecht an. Aber Frauen-Fußball ist eben erst seit 50 Jahren erlaubt. Viele Menschen in meinem Umfeld haben in ihrer Kindheit überhaupt nichts mit Mädchen- oder Frauenfußball zu tun gehabt.

Ein langwieriger Prozess.

Aber ich nehme einen Kultur-Wandel wahr. Das tut uns gut. Mein Leitspruch hier in puncto Synergien oder Einbeziehen ist immer: Ihr tut euch nicht weh, aber uns total gut.‘ Unsere Mädels zum Beispiel sind jetzt die ­Models auf den Werder-Werbebannern, das war ein Prozess, hat aber nur positive Auswirkungen.

Sind Sie nicht frustriert, wenn Sie hier die ganze Woche tun und machen und den Frauen-Fußball pushen und dann kommen Sie zum Spiel gegen Saarbrücken auf Platz 11 und da sitzen gerade mal 183 Zuschauer?

Nee, wenn mich das frustrieren würde, könnte ich den Job niemals machen. Wir sind eine tolle Einheit, haben eine tolle Mannschaft. Und natürlich gibt es viele andere positive Aspekte bei uns. Die Zuschauerproblematik würde mich frustrieren, wenn in anderen Stadien 1000 Zuschauer säßen und nur bei uns 183. Dann würde ich schlucken. Aber das ist eine grundsätzliche Problematik im Frauen-­Fußball. Aber die Zuschauer, die zu uns kommen, sind echte Herzen-Fans.

Sie wirken da sehr aufgeräumt.

Am Ende ist es immer ein Spagat. Wir sind abhängig vom Erfolg der Männer, der gibt uns bessere Ressourcen. Deshalb ist die aktuelle Situation auch nicht gut für uns, im Januar werden wir das Budget für den Frauen-Fußball kalkulieren. Der Profi-Fußball ist unser Ernährer, das muss man wissen, wenn man bei Werder im Frauen-Fußball arbeitet.

Lesen Sie auch

In der zweiten Liga führen Sie die Tabelle mit weitem Abstand an und werden mit ziemlicher Sicherheit wieder in die Bundesliga aufsteigen. Fordern Sie im Januar jetzt mehr Geld, damit Werder sich in der Bundesliga auf Dauer etablieren kann?

Natürlich erhöht gerade im Frauen-Fußball Geld die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Es sind ja immer die gleichen drei, vier Vereine, die in der Bundesliga um den Klassenerhalt kämpfen. Wenn wir da in der nächsten Saison bestehen wollen, brauchen wir Unterschiedsspielerinnen. Und die bekommen wir nicht, wenn der Aufstieg erst im Mai feststeht. Je früher wir planen können, desto besser stehen die Chancen auf gute Neuzugänge, die unseren Kader verbessern. Ein Selbstgänger ist das aber auch nicht.

Wann haben Sie die erste Profi-Spielerin in Ihrer Mannschaft, die sich ganz auf den Fußball konzentrieren kann, ohne Studium, Ausbildung oder Job nebenbei?

Frauen haben wenig Chancen, während ihrer Karriere finanzielle Rücklagen zu bilden. Das ist illusorisch, deshalb reden wir bei Frauen immer über eine duale Karriere. Auch bei einigen Spielerinnen, die beim Deutschen Meister VfL Wolfsburg spielen. Ich würde mich freuen, wenn wir mal eine deutsche A-Nationalspielerin hätten. Aber wir müssen uns anders aufstellen, wir schauen nach Talenten, bei denen wir Geduld brauchen. Oder müssen Spielerinnen wie Luisa Wensing finden, die eine gestandene Bundesligaspielerin war und nach einer Verletzung wieder Fuß fassen wollte bei uns. Das ist ein Glücksfall.

Haben Sie eigentlich Sorge, dass die Geschäftsführung eines Tages sagt: Sorry, Birte, aber den Frauen-Fußball können wir uns in dieser Form nicht mehr leisten.

Ich hatte die Sorge tatsächlich schon mal. Aber wir sind jetzt Teil der Marke Werder Bremen geworden. Deshalb glaube ich nicht, dass man wie einst beim HSV mal eben die Erst- und Zweitliga-Mannschaft abmeldet. Nein, unter der jetzigen Geschäftsführung kann ich mir das nicht vorstellen. Aber was in zehn oder zwanzig Jahren ist, das weiß ich nicht.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Lesen Sie auch

Info

Zur Person

Birte Brüggemann (48) ist seit 2007 Abteilungsleiterin bei Werder ­Bremen im Frauenfußball. Sie ist ausgebildete Trainerin, sitzt in Gremien des DFB und ­beteiligt sich aktiv an der Entwicklung des Frauenfußballs.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+