Tanklager Farge Latente Gefahr für das Grundwasser

An mehreren Grundwassermessstellen im Randbereich der Schadstofffahne, die vom Tanklager Farge ausgeht, sind in jüngster Zeit erhöhte Werte von polyaromatischen Kohlenwasserstoffen festgestellt worden.
07.04.2019, 18:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Hildebrandt

Das Tanklager Farge ist derzeit wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Zum einen, weil laut Mitteilung des Bremer Senats die zusammenhängende Waldfläche erhalten werden soll und damit einer gewerblichen Nutzung des Areals ein Riegel vorgeschoben wurde. Zum anderen, weil an mehreren Grundwassermessstellen in der jüngsten Zeit erhöhte Werte von polyaromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) festgestellt wurden. Zahlreiche PAK gelten als krebserregend.

Auf eine Anfrage der NORDDEUTSCHEN bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) teilt diese mit, dass an insgesamt 19 Grundwassermessstellen im Randbereich der Schadstofffahne in den vergangenen beiden Jahren PAK-Gehalte etwas oberhalb der Nachweisgrenze festgestellt wurden. Die Bima weist darauf hin, dass es sich dabei nicht um gesetzliche Grenzwerte handele, sondern um eine Grenze, ab der mit den üblichen technischen Labormethoden Parameter bestimmt werden können.

Probenaufbereitung soll dokumentiert werden

Bei den anderen Schadstoffgruppen MTBE und BTEX-Aromaten wie zum Beispiel Benzol seien keine erhöhten Werte festgestellt worden. Die erhöhten PAK-Gehalte seien bei den vorherigen Proben nicht nachgewiesen worden. Die Bima führt sie auf eine womöglich fehlerhafte Aufbereitung der Wasserproben zurück: PAKs seien im Grundwasser relativ schlecht löslich und meist an Schwebstoffe gebunden. Bei den Untersuchungen von Wasserproben auf PAK sei es deshalb vorgeschrieben, diese durch Zentrifugation und Filtration von Schwebstoffen zu befreien, um wirklich die gelösten Gehalte im Wasser und nicht in den Schwebstoffen zu bestimmen. „Erfahrungsgemäß kann die Aufbereitung der Wasserproben fehlerhaft sein“, heißt es in dem Schreiben der Bima.

Sie will deshalb im Rahmen der halbjährlich durchgeführten Grundwasseruntersuchungen künftig eine vertiefende Prüfung veranlassen. Dabei soll die Probenaufbereitung dokumentiert werden. Die Bima geht davon aus, dass sich derzeit keine gravierende Änderung der Gefährdungssituation für den Brunnen 16 des Wasserwerks Blumenthal ableiten lässt, wie es die Bürgerinitiative Tanklager Farge befürchtet hatte.

Lesen Sie auch

„Die Situation ist schwierig, ich kann verstehen, dass die Leute vor Ort nervös sind“, sagt Rainald Brede von der Bima, „die latente Gefahr ist da, doch nicht so drastisch, wie die Bürgerinitiative es beschreibt. Doch wir wollen die Schäden so schnell wie möglich loswerden.“ Derzeit werde der „Kernschadensbereich“ in Angriff genommen, doch das dauere ungewöhnlich lange. „Die Bima hat sechs Ingenieurbüros angeschrieben, um die Sanierung am Verladebahnhof 1 voranzutreiben, doch nur ein Büro hat überhaupt geantwortet – es dauert alles extrem lange“, sagt Brede. Als Grund nennt er vor allem die derzeit extreme Auslastung von Ingenieurbüros aufgrund der guten Konjunkturlage. In Kürze werde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem Ingenieurbüros Vorschläge einreichen können.

Das Gelände des Tanklagers Farge gehört immer noch der Bundeswehr, „doch dort hat sich derzeit das Sicherheitskonzept stark verändert“, sagt Brede, „mit der Folge, dass dieser Fall extrem lange dauert“. Die technische Stilllegung sei noch nicht abgeschlossen. Erst wenn dies geschehen sei, gehe das Gebiet an den Bund über. Die Bundeswehr hat die Verpflichtung zum Rückbau, doch damit sei noch nicht begonnen worden. „Wir gehen deshalb vorzeitig in die Sicherung, bei der Bundeswehr dauert es einfach zu lange“, so Brede.

"Von einer Entwarnung kann keine Rede sein"

Die Bremer Umweltbehörde ist von den jüngsten Aktivitäten der Bürgerinitiative Tanklager Farge irritiert: „Sie verkündet, dass sich die Fahne weiter ausbreite. Davon kann angesichts der neuesten Messwerte aber überhaupt nicht die Rede sein“, sagt Pressesprecher Jens Tittmann: „In dem neuesten Bericht vom Juli 2018 zur Situation am Tanklager Farge sind PAK-Werte von 0,03 Mikrogramm pro Liter gemessen worden, bei einer Nachweisgrenze von 0,01 Mikrogramm pro Liter. Die Geringfügigkeitsschwelle liegt jedoch erst bei 200 Mikrogramm pro Liter – die Werte liegen also um das 6600-fache unter diesem Wert“, sagt Tittmann.

Lesen Sie auch

„Die Bürgerinitiative hätte sich lieber vorher bei der Umweltbehörde erkundigen sollen, bevor sie beim Beirat des Ortsamtes aktiv wird. Ihre Aussage, die Schadstofffahne breite sich aus, führt nur zur Verunsicherung bei der Bevölkerung", so der Sprecher der Umweltbehörde. Die gemessenen Werte für die PAK könnten überall in der Umgebung von Menschen auftreten und seien nicht spezifisch für die Tanklagerfahne, so Tittmann. „Wir von der Umweltbehörde sind es doch, die genau hingucken. Das Misstrauen der Bürgerinitiative uns gegenüber ist völlig unbegründet“, sagt der Pressesprecher des Umweltressorts.

Die Bürgerinitiative zeigt sich über diese Aussagen empört: „Die Werte, die vom Pressesprecher der Umweltbehörde genannt werden, stammen aus den Randbereichen der Schadstofffahne“, sagt Olaf Rehnisch, stellvertretender Vorsitzender der Bürgerinitiative Tanklager Farge. „Im Kernbereich sind die Werte wesentlich höher. Von einer Entwarnung kann also keine Rede sein.“

Das Tanklager und die Schadstoffbelastung

Entstehung und Nutzung:

Zwischen 1938 und 1943 entstehen insgesamt 78 Treibstofftanks. Das Tanklager Farge ist dasgrößte künstlich angelegte unterirdische Tanklager der Welt. Von hier aus sollten Treibstoffe an die Front geliefert werden. Das Tanklager Farge nimmt eine Fläche von etwa 450 Fußballfeldern ein. Für dieBelieferung mit Benzin, Diesel und Kerosin entstehen zwei Verladebahnhöfe, eine Hafenanlage mit zwei Schiffsanlegern für Tankschiffe, drei Pumpstationen, eine Pipeline nach Oldenburg und mehr als 125 Kilometer unterirdische Leitungen. Nach 1945 nutzen die US-Amerikaner dasTanklager Farge. 1960 wird es von der Bundeswehr übernommen und bis 2013 betrieben, danach stillgelegt.

Kontamination:

In den Treibstoffen sind leicht flüchtige aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX) wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol sowie polyaromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten, aber auch MTBE, ein Zusatzstoff in Ottokraftstoffen. Viele dieser Substanzen gelten als gesundheitsgefährdend oder sogar krebserregend. Am Verladebahnhof 2 sind knapp 200 Tonnen Benzin in den Boden gelangt, von denen sich bisher 100 bis 1000 Kilogramm im Grundwasser gelöst haben. Wahrscheinlich hat man im Zweiten Weltkrieg bei Fliegeralarm ganze Kesselwagenladungen ins Gelände abgelassen, um Explosionen zu verhindern. Durch versickerndes Regenwasser gelangen immer mehr Schadstoffe ins Grundwasser, das derzeit über Brunnen aus dem Boden geholt wird.

Boden- und Grundwasserverhältnisse:

Der Boden des Tanklagers Farge besteht aus feinen und mittelkörnigen Sanden, in dieschluffig-tonige Lagen eingelagert sind. DasGrundwasser im Gebiet gleicht einem unterirdischen Fluss, der sehr langsam auf undurchlässigen Schichten fließt. Je nach Geländehöhe befindet es sich in einem Flurabstand von fünf bis 15 Metern unter der Erde. Fast das gesamte Tanklagergelände liegt innerhalb der Trinkwasserschutzzone II des südöstlich gelegenen Wasserwerks Blumenthal, dasjährlich etwa sechs Millionen Kubikmeter Trinkwasser entnimmt.

Chronologie der Schadstoffbelastung

2006: Die Bremer Umweltbehörde stellt eine erhebliche Belastung von Boden undGrundwasser (Verladebahnhof 2) fest.

2009: Die Bremer Umweltbehörde schickt an die Bewohner mehrerer Straßen eine Warnung, das Grundwasser nicht zu benutzen.

Sommer 2010: Am Verladebahnhof 2 wird das Grundwasser durch zehn Sperrbrunnen gesichert, seit Herbst 2016 auch am Verladebahnhof 1, seit März 2018 auch an der Südspitze des Bunkergeländes. Bis Ende 2017 wurden 64 Tonnen Schadstoffe entfernt. Die Sanierung soll noch bis 2034 dauern.

1. Januar 2016: Die Bima verpflichtet sich, die Kontaminationsbearbeitung zu übernehmen, das heißt, noch vor Übergang in deren Eigentum. Es werden 119 Verdachtsflächen auf kontaminierten Böden untersucht.

Dezember 2017: Die Bima beauftragt dieFirma Züblin mit einem Feldversuch zur Sanierung der Böden. Die BTEX sollen durch Bakterien abgebaut werden, indem Sauerstoff zugeführt wird. Es stellt sich heraus, dass die Zahl der Brunnen, die zur Messung und zum Schöpfen des Grundwassers dienen, für diesen Feldversuch nicht ausreicht.

Januar 2019: Der Bremer Senat zur künftigen Nutzung (SPD-Anfrage): Der Wald soll an den Bundesforst übergeben werden, ein Gewerbegebiet ist nicht vorgesehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+