Quartiersmanagerin Corola Schulz im Interview „Wir stehen noch am Anfang“

Das Blumenthaler Zentrum ist jetzt quasi ein halbes Fördergebiet im Programm Wohnen in Nachbarschaften. Im Interview sagt Quartiersmanagerin Carola Schulz, was das bedeutet – finanziell und für ihre Arbeit.
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„Wir stehen noch am Anfang“
Von Christian Weth

Frau Schulz, manche sagen, dass es für das Blumenthaler Zentrum gerade gut läuft, weil dort viele Bauprojekte geplant sind. Und was sagen Sie?

Carola Schulz: Auch ich finde es gut, dass in Zentrumsnähe mehrere Neubauprojekte geplant sind. Ich hoffe sehr, dass der Bildungscampus auf dem Woll-Kämmerei-Gelände und der neue Geschäftskomplex am Bahnhof den Stadtteil und den alten Ortskern weiter voranbringen werden.

Und von welchem Projekt erhoffen Sie sich mehr Impulse fürs Zentrum?

Ich gehe davon aus, dass der Bau der Berufsschulen schon wegen seiner Dimensionen das Quartier mehr und nachhaltiger prägen wird als der Geschäftskomplex am Bahnhof. Immer vorausgesetzt natürlich: Die Pläne werden auch so umgesetzt werden, dass es eine Verbindung zwischen Zentrum und Bildungscampus gibt. Wichtig ist aber auch, dass es künftig Einkaufsmöglichkeiten am Bahnhof gibt. Das macht die Ankunft für Pendler gleich viel attraktiver – und damit letztlich auch den Stadtteil.

Wo steht das Blumenthaler Zentrum aus Ihrer Sicht inzwischen?

Ich würde sagen, dass seine Entwicklung noch am Anfang steht.

Wie das, wenn Sie doch seit mittlerweile sieben Jahren das Quartier managen?

Weil es immer eine gewisse Zeit braucht, um Strukturen aufzubauen und Verbindungen zu den Menschen herzustellen. Das geht allen Projekten so, bei denen es um die Entwicklung von Gebieten geht, die gefördert werden müssen. Es wurde in dieser Zeit viel Netzwerkarbeit geleistet und Vertrauen aufgebaut. Zudem sind auch neue Angebote wie der Quartierstreff und der Kulturtreff Nunatak entstanden, die jetzt langsam beginnen, ihre Wirkung zu entfalten.

Und wann, glauben Sie, wird es im Blumenthaler Zentrum um mehr gehen als um einen Anfang?

Man kann davon ausgehen, dass es noch zehn bis 15 Jahre brauchen wird, bis sich Projekte verselbstständigt haben, sodass man sie mitunter nicht mehr mit Fördermitteln anschieben muss. Die Zeitspanne ist ein Wert, der auch in anderen Quartieren erreicht wird, die wie das Blumenthaler Zentrum vom Senat unterstützt werden.

Einerseits geht es voran mit Blumenthal, wenn man die Bauvorhaben sieht, andererseits wird vom Senat ein erhöhter Förderbedarf für den Stadtteil ausgemacht. Wie passt das für Sie zusammen?

Das eine hat mit dem anderen nur indirekt etwas zu tun. Bauvorhaben können zwar helfen, ein Quartier voranzubringen, doch sie sagen nichts darüber aus, wie die Menschen in einem Viertel leben. Es ist festgestellt worden, dass nicht nur mehr Frauen, Männer und Kinder im Stadtteil wohnen als bisher, sondern dass diese Frauen, Männer und Kinder mehr Unterstützung brauchen. Indikatoren dafür sind zum Beispiel die Quote der Abiturabschlüsse, aber auch die der Schulabbrecher. Die eine ist in Blumenthal niedriger als in anderen Teilen der Stadt, die andere höher. Geringere Einkommen, die auf Armutslagen hinweisen, sind ebenfalls ein wichtiger Faktor bei der Betrachtung.

Das Blumenthaler Zentrum ist seit September deshalb quasi ein halbes Fördergebiet im Programm Wohnen in Nachbarschaften. Was heißt das finanziell unterm Strich?

Das heißt, dass seitdem nicht mehr 20 000, sondern mittlerweile 75 000 Euro pro Jahr für Projekte im Quartier bereitstehen.

Und was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Dass ich noch mehr als bisher mit Anträgen von Vereinen und Einrichtungen zu tun habe, die Mittel abrufen wollen. Und noch mehr als bisher Vorhaben planen muss.

Würden Sie sagen, dass die Stelle der Quartiersmanagerin an Bedeutung gewonnen hat, seitdem Sie mehr Geld verwalten?

Das kann man in der Tat so sagen. Das höhere Budget weckt bei den einen oder anderen Einrichtungen natürlich Hoffnungen auf mehr finanzielle Unterstützung.

Und? Können die erfüllt werden?

Nicht zwangsläufig. Jedes Vorhaben wird genau überprüft.

Ist mit dem höheren Etat automatisch die Zahl der Anträge gestiegen?

Es gibt in diesem Fall keinen Automatismus. Das hängt damit zusammen, dass es schon immer mehr Ideen für Projekte gibt als Menschen, die diese Projekte auch umsetzen können. Auch das ist meine Aufgabe: Ich muss schauen, wer noch personelle Kapazitäten hat, wo noch eine Stelle geschaffen werden kann.

Mehr Geld fürs Zentrum ist eine Sache, es so zu investieren, dass möglichst viele Menschen profitieren, eine andere. Wie wird eine Auswahl der Projekte getroffen, die das Quartier voranbringen sollen?

Das geschieht einerseits in Abstimmung mit den Vereinen und Verbänden, die sich fürs Quartier einsetzen, und andererseits mit den Menschen, die im Quartier leben. Es gibt einen Quartiersrat, der entscheidet, welches Projekt mit wie viel Geld gefördert wird.

Was ist förderfähig, was nicht?

Das Entwicklungskonzept für ein Gebiet und das Programm Wohnen in Nachbarschaften geben vor, welche Vorhaben unterstützt werden können und welche nicht. Die Projekte werden von mir überprüft, ob sie die Vorgaben erfüllen. Sie müssen beispielsweise nicht mit irgendwelchen Menschen zu tun haben, sondern mit Menschen aus dem Quartier.

Und was ist mit den Projekten, die zwar gefördert wurden, aber am Ende doch abgesagt werden müssen – zum Beispiel wegen Corona?

Dann schauen wir, ob der Zeitraum, in dem das Projekt angeboten wird, verlängert werden kann. Manchmal geht das, manchmal nicht.

Wie viele Vorhaben sind zuletzt wegen Corona ausgefallen?

Das betraf leider das temporäre Spielangebot in der George-Albrecht-Straße und zwei Sprachkurse, die jeweils in Blumenthaler Kitas stattfinden sollten. Außerdem mussten zwei Projekte an der Grundschule Wigmodistraße pausieren: der Hausaufgaben-Club und das Hoodtraining. Außerdem haben wir kein Sommerfest auf dem Schillerplatz veranstaltet. Der Sprachlehrgang im Quartierstreff pausierte auch, läuft aber inzwischen wieder, allerdings mit einer stark verkleinerten Gruppe.

Und was ist mit dem Geld, das für sie bewilligt wurde?

Wenn der Zeitraum für ein Projekt verlängert werden kann und es tatsächlich stattfindet, geht das Geld wie geplant an den Antragsteller. Wenn nicht, geht der Betrag zurück an die Stadt. Momentan sind wir dabei zu überprüfen, ob die Summen, die in diesem Jahr bewilligt wurden, aber wegen Corona nicht abgerufen werden können, auf das nächste Jahr übertragen werden können.

Welche Projekte in den vergangenen Jahren haben das Blumenthaler Zentrum am meisten vorangebracht?

Ich würde sagen, dass das Spielangebot in der George-Albrecht-Straße bisher einen enorm nachhaltigen Effekt auf die Kinder und Eltern hatte. Die regelmäßigen Besuche der Sozialarbeiter haben sich etabliert. Genauso wie die unterschiedlichen Feste und Veranstaltungen im öffentlichen Raum, die wir in den vergangenen Jahren wiederholt organisiert haben. Dabei sind bestehende Kontakte intensiviert und neue entstanden.

Und welche Vorhaben sind gescheitert?

Ganz am Anfang meiner Zeit als Quartiersmanagerin wollten wir einen festen Treff für Mütter mit ihrem Baby schaffen. Doch der hat nicht funktioniert. Es kamen so wenige Frauen mit ihren Kleinkindern, dass wir das Projekt gleich wieder eingestellt haben.

Wie stehen die Chancen, dass das Blumenthaler Zentrum vom halben zum ganzen Fördergebiet und statt 75 000 dann 150 000 Euro bekommt?

Das mag zunächst komisch klingen, aber ich hoffe, dass sie im Lauf der Zeit immer schlechter stehen werden, sodass es nicht dazu kommt. Mehr Förderung bedeutet schließlich, dass ein Quartier auch mehr Hilfe benötigt. Ich möchte das Gegenteil erreichen.

Das Interview führte Christian Weth.

Info

Zur Person

Carola Schulz (44)

ist seit sieben Jahren als Quartiersmanagerin für die Entwicklung des Blumenthaler Zentrums zuständig. Sie hat Sozialarbeit und bildende Kunst studiert. Schulz wohnt in einer WG in der Neustadt.

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