Denkort in Farge Bunker Valentin: Führung als Handy-App

Seit der Eröffnung des Denkorts Bunker Valentin in Rekum vor fünf Jahren haben 135.000 Gäste die Gedenkstätte besucht. Was die Mitarbeiter für die Zukunft planen.
05.11.2020, 06:00
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Bunker Valentin: Führung als Handy-App
Von Patricia Brandt

Fünf Jahre nach seiner Eröffnung reißt das Interesse am Denkort Bunker Valentin in Rekum nicht ab. Selbst im Corona-Jahr hoffen die Mitarbeiter erneut auf rund 30.000 Besucher zu kommen. „Als wir nach dem ersten Lockdown Ende Mai geöffnet haben, hatten wir 150 Menschen vor Ort“, berichtet Marcus Meyer. Er leitet den Denkort zusammen mit Christel Trouvé. Eine Herausforderung werde künftig sein, die Gedenkstätte auch digital erlebbar zu machen.

Als der Bunker am 8. November 2015 als europäischer Erinnerungsort eröffnet wurde, kamen mehr als 400 Gäste aus dem In- und Ausland, um das Informationszentrum mit seiner Ausstellung und das neu gestaltete Außengelände zu besichtigen. Seit diesem Eröffnungstag hat das Bildungsressort 135.000 Besucherinnen und Besucher in dem Bauwerk verzeichnet, das zuvor in Teilen von der Bundesmarine als Materialdepot genutzt worden war.

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Mit einem solchen Interesse haben die Mitarbeiter nicht gerechnet. „Hätte uns jemand am Anfang gesagt, dass 30.000 Menschen pro Jahr kommen, hätten wir die Zahl für utopisch gehalten“, sagt der wissenschaftliche Denkort-Leiter Marcus Meyer. Inzwischen aber geht der Historiker davon aus, dass die Besucherzahl künftig eher steigen wird: „Die Leute kommen, obwohl wir kein technisches Museum sind, obwohl es nicht um Betonbauten und U-Boot-Bauten, sondern um die Geschichte der Zwangsarbeiter geht. Vielleicht kommen sie aber auch gerade deshalb.“

Mehr als 1100 Zwangsarbeiter aus ganz Europa starben während der Bauarbeiten am Bunker Valentin an Unterernährung, Krankheit und willkürlichen Tötungen. Mit einer Grundfläche von mehr als 35 000 Quadratmetern gilt der Bunker, in dem die deutsche Kriegsmarine U-Boote anfertigen lassen wollte, heute als größter frei stehender Bunker in Deutschland.

Der vom Beirat Blumenthal geforderte Schiffsanleger werde den abgelegenen Ort allein von der Erreichbarkeit her weiter aufwerten, meint Marcus Meyer. Interesse an der Gedenkstätte bestehe vor allem bei deutschen Touristen und Schulklassen.

Wachsendes Interesse an Führungen

Fünf Jahre nach der Eröffnung befindet sich der Denkort wegen der Corona-Pandemie im Ausnahmezustand: „Wir sind leider geschlossen“, bedauert Marcus Meyer. Es sei eine schwierige Situation. Gleichwohl zeigen sich Marcus Meyer und Christel Trouvé nach den Erfahrungen mit dem ersten Lockdown zuversichtlich. Christel Trouvé formuliert es so: „Der Ort lebt.“

Mehr als nur ein Rundgang: Worum es den Gästen bei ihrem Besuch gehe, sei der Austausch, meinen die Historiker. Bundesweit hätten Gedenkstätten die Erfahrung gemacht, dass das Interesse an Führungen und Seminaren steigt. Nach den Zahlen der Bremer Bildungsbehörde gab es in den vergangenen Jahren exakt 1408 Führungen auf dem Gelände des U-Boot-Bunkers, davon waren mehr als 60 fremdsprachig. Zudem wurden 347 Projekttage und 58 Bildungsurlaube in Kooperation mit regionalen Bildungsträgern angeboten.

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Die Landeszentrale für politische Bildung als Träger der Einrichtung habe auf die verstärkte Nachfrage reagiert, berichtet Christel Trouvé. Das Team des Denkorts soll ab Januar um einen weiteren pädagogischen Mitarbeiter verstärkt und die Zahl der Stellen auf 4,5 aufgestockt werden.

Angesichts der Pandemie werde es eine der nächsten Aufgaben sein, neue digitale Angebote zu entwickeln. „Bundesweit ist das für Gedenkstätten eine große Herausforderung und eine große Chance“, so Christel Trouvé. „Es gibt aber keine allgemeingültigen Antworten.“

Nicht bis zur Gänze ins Digitale verlegbar

Bereits heute besteht für Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, einen Medien-Guide zu entleihen, der eine Hörführung enthält. Seit 2018 wurde die Führung für Erwachsene um ein Modul für Kinder erweitert. Für 2021 ist nun geplant, das gesamte Angebot auch als App für Smartphones zur Verfügung zu stellen. Wie digital kann es noch werden? „Dies ist ein historischer Ort und der ist nicht bis zur Gänze ins Digitale verlegbar“, sagt Denkort-Leiter Marcus Meyer. Die zehnminütige Filmprojektion „No more war.biz“, die an einer Wand im Denkort in Dauerschleife Nationalsozialismus, Krieg und Waffenhandel thematisierte, ist wegweisend.

Immer mehr wird der Bunker auch für Kultur- und Kunstveranstaltungen genutzt, in den ersten fünf Jahren nach Eröffnung insgesamt 14 Mal. „Von Anfang an war es unser Konzept, Kunst als Zugang einzubinden“, sagt Christel Trouvé. Die Historikerin plant bereits mit Künstlern bis ins Jahr 2022 hinein. „Wir haben viele spannende Anfragen für Musik, Theater, Installationen.“ Darunter auch von Künstlern aus der Schweiz und Frankreich.

Die Arbeit im Denkort werde auch im Bremer Norden wertgeschätzt, sagt Marcus Meyer. Das habe kürzlich die Resonanz auf eine Spendenaktion des Vereins „Erinnern für die Zukunft“ gezeigt. Ebenso habe der Denkort Bunker Valentin nach rechten Schmierereien an einer Mauer vor einigen Jahren viel Rückhalt aus der Bevölkerung erfahren.

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