E-Scooter im Bremer Norden Eine Frage des Parkens

Blumenthal ist der einzige Nordbremer Stadtteil, in dem noch keine E-Scooter einer Verleihfirma fahren. Demnächst ist das Star-up Tier im Ausschuss. Und steht eine Entscheidung bevor – ein Stimmungsbild vorab.
23.09.2022, 18:00
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Eine Frage des Parkens
Von Christian Weth

Der Großteil des Bremer Nordens ist längst E-Roller-Zone, jetzt könnte auch der letzte weiße Fleck auf der Karte der Scooterverleiher dazukommen: Blumenthal. Bisher haben die Beiratsfraktionen gebremst. Sie wollen sich erst festlegen, wenn klar ist, wie das Angebot des Berliner Start-ups Tier in Vegesack und Burglesum läuft. Nun steht die Entscheidung bevor. Nächste Woche präsentieren Vertreter des Unternehmens die geforderte Bilanz. Wie die Blumenthaler Verwaltung die Sache sieht und was Fraktionsvertreter im Vorfeld sagen – ein Stimmungsbild.

Ortsamt: Eine Sitzung, ein Thema – so hat es Oliver Fröhlich für das nächste Treffen der Verkehrsausschuss-Mitglieder geplant. Der Ortsamtschef geht davon aus, dass viele von ihnen viele Fragen haben werden, wenn Tier seine Ergebnisse vorstellt. Fröhlich weiß, dass der Verleiher das noch in Burglesum macht und in Vegesack schon getan hat. Deshalb weiß er auch, dass die Berliner gerne ihr Angebot auf Blumenthal erweitern würden und ihnen zufolge die Zahl der Nutzer im Norden größer und die der Probleme mit ihnen kleiner ist als in der Innenstadt. Nur weiß er nicht, ob das Unternehmen dabei berücksichtigt hat, dass es in der City mehrere Anbieter gibt und im Norden bisher nur einen. Er rechnet damit, dass der Beirat im November über die Scooter beraten wird.

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SPD: Marcus Pfeiff findet, dass die Rollerfahrten nicht an der Grenze zwischen Vegesack und Blumenthal enden dürfen. Und dass sie ein gutes Angebot sein können, um auf kurzen Strecken schnell von A nach B zu kommen. Wenn denn dabei die Sicherheit von anderen nicht gefährdet wird, weil die Scooter auf Geh- und Radwegen liegen und Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen behindern. Darum will er Tier nicht nur die Zustimmung dafür geben, das Angebot auszuweiten, sondern auch in die Pflicht nehmen, es möglichst so zu gestalten, dass am Ende die Probleme nicht größer werden als der Nutzen. Tier zu verbieten, nach Blumenthal zu kommen, kann der Beirat seines Wissens nach nicht. Aber, sagt Pfeiff, er kann ihm sagen, wofür der Verleiher zu sorgen hat, wenn er kommt.

Bürger in Wut: Für Sven Schellenberg sind die Roller eine reine Modeerscheinung. Und mit jeder Mode, meint er, muss man nicht mitgehen. Schellenberg lehnt die Scooter sowohl aus verkehrstechnischen als auch Umweltschutz-Gründen ab. Nach seinen Worten kann der Anbieter von noch so wenigen Problemen mit falsch abgestellten Rollern berichten – sein Eindruck ist ein anderer. Dass es nämlich in Bremen und anderen Städten mehr Scooter gibt, die auf Geh- und Radwegen liegen, als stehen. Und dass viele von ihnen trotz Sperrzone dort landen, wo niemand sie haben will: in Flüssen und Seen.

FDP: Christine Siewers sagt, zwiegespalten zu sein. Einerseits glaubt sie, dass die E-Roller eine gute Sache sein können, um das Angebot von Bus und Bahn zu ergänzen und vielleicht sogar die Bahnhöfe mit den Haltestellen zu verbinden. Andererseits sieht sie immer wieder Scooter, die quer auf Wegen liegen und Fahrradfahrern wie Fußgängern das Vorankommen erschweren. Sie setzt darauf, dass Tier inzwischen sein Konzept erweitert hat, um Strecken sicherer zu machen und Nutzer genauer zu kontrollieren. Müsste sie sich heute für oder gegen ein Verleihangebot in Blumenthal entscheiden, würde sie sich enthalten.

CDU: Hans-Gerd Thormeier sagt von sich, einen Wandel durchgemacht zu haben: vom leidenschaftlichen Kritiker zum optimistischen Befürworter. Anfangs, meint er, vor allem die Nachteile gesehen zu haben – meistens Unfallgefahren durch rücksichtslose Fahrer oder liegen gelassene Roller. Inzwischen überwiegen für ihn jedoch die Vorteile. Zum Beispiel, dass die Scooter den öffentlichen Personennahverkehr nachhaltig attraktiver machen können, wenn es für sie auch gesonderte Abstellzonen an Bahnhöfen und Bushaltestellen gibt. Thormeier findet, dass die Beiratsfraktionen dem Anbieter deshalb nicht nur vorgeben sollten, welche Bereiche in Blumenthal für die Roller ausgeklammert werden müssen, sondern auch, wo sie unbedingt zu stehen haben.

Grüne: Oliver Seegelcken ist für die Elektroroller – aber auch dafür, immer wieder zu schauen, wie das Angebot läuft und wo es möglicherweise Probleme gibt. Er spricht von lenkenden Maßnahmen, zu denen Tier verpflichtet werden muss, um Schwierigkeiten, die sich häufen, zügig abzustellen. Und davon, dass der Anbieter auch spezielle Parkzonen einzurichten hat, die ihm das Stadtteilparlament vorgibt. Etwa an Straßen und Plätzen, wo neue Carsharing-Stationen eingerichtet wurden oder noch werden. Seegelcken geht davon, dass die Scooter das Teilen von Autos genauso fördern können wie das Umsteigen auf Bus und Bahn.

Die Partei: Für Niels Petersen sind die Leihroller vor allem eines: ein großer Spaß. Dass sie tatsächlich häufig als Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr genutzt werden, kann er sich kaum vorstellen. Dabei gibt es für Petersen einiges zu den Bus- und Bahnangeboten zu sagen – etwa, dass sie seiner Meinung nach schlecht aufeinander abgestimmt sind. So schlecht, dass ihm zufolge auch die Scooter in den meisten Fällen nicht helfen können, einen Anschlusszug oder -bus noch zu erreichen. Trotzdem will er für sie stimmen. Und das nicht nur wegen des Fahrvergnügens. Sondern auch, weil er die Sache anders sieht als die Kritiker: vor allem weniger problematisch.

Info

Der Verkehrsausschuss des Blumenthaler Beirats kommt am Montag, 26. September, zusammen. Die Mitglieder tagen ab 18.30 Uhr. Ihre Sitzung ist eine Präsenzsitzung. Sie treffen sich im Rekumer Hof, Rekumer Straße 116.

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