Das Porträt: Beatrix Jantzen Sie ist angekommen

Jeder kennt sie, jeder duzt sie: Beatrix Jantzen ist die gute Seele im Nachbarschaftshaus Marßel. Sie leitet das Café und ist für die In-Jobber zuständig. Mit ihrer Arbeit ist sie rundherum glücklich.
26.09.2018, 20:15
Lesedauer: 5 Min
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Von Sylvia Wörmke

Marßel. Es war ein Satz, der ihr Leben entscheidend veränderte. „Du machst das. Du kannst gut sabbeln.“ Er stammt von der früheren und inzwischen verstorbenen Marßeler Quartiersmanagerin Ulla Diedrich. Gerichtet war er an Beatrix Jantzen. Sie sollte das Café im neuen Nachbarschaftshaus in Marßel, das im Juni 1997 eröffnet wurde, leiten und aufbauen. Dieses Haus, der Treffpunkt im Ortsteil für die Marßeler, beziehungsweise ihre Arbeit und der Kontakt zu vielen Menschen bedeuten ihr heute so viel, dass sie sagt: „Ein Leben ohne das Nachbarschaftshaus kann ich mir nicht mehr vorstellen.“

Seit 21 Jahren verbringt sie viel Zeit im Nachbarschaftshaus. Sie gehört zu den Menschen der ersten Stunde, die dieses Haus, das von der Wohnungsgesellschaft Gewoba für den Ortsteil gebaut wurde und von dem Verein Nachbarschaftshaus Marßel betrieben wird, bis zum heutigen Tag als Treffpunkt entwickelt haben. „Es ist mein Baby“, beschreibt sie ihr Gefühl. Das Gefühl dazu ist ähnlich „wie bei meinen Kindern“. Das Wichtigste in ihrem Leben sind ihre Familie, sie ist inzwischen auch schon zweifache Oma, ihre Freunde und eben das Nachbarschaftshaus. Trixi, so wird sie von allen genannt, ist angekommen. „Diese Arbeit ist genau das Richtige für mich“, sagt sie. „Ich habe echt Glück gehabt.“

Diese Arbeit hat viele Facetten. Sie kocht täglich, denn im Nachbarschaftshaus werden nach den Anfängen mit Kaffee und Keksen täglich Frühstück und ein warmer Mittagstisch angeboten. Dabei ist sie von Beruf keine Köchin, sondern hat eine Ausbildung als Friseurin gemacht. Sie ist Anleiterin für die sogenannten In-Jobber im Haus. Darum ruht gerade ihr Arbeitsvertrag mit dem Verein Nachbarschaftshaus. Sie hat eine Anstellung beim Beschäftigungsträger Bras und zusätzlich einen Mini-Job beim Verein.

Beatrix Jantzen ist für Abrechnungen und manchmal auch die Buchführung zuständig, Ansprechpartnerin für Gruppen, die im Haus Räume mieten, macht Ausfahrten mit den Senioren, die das Haus besuchen, organisiert Veranstaltungen wie Bingo und die Stadtteilfeste. Sie gehört auch zu dem Team, das die Aufsuchende Altenarbeit im Ortsteil aufbaut. „Ich mache alles“, fasst die 54-Jährige vereinfachend zusammen. Wenn jemand vergessen hat, das Licht im Nachbarschaftshaus auszuschalten oder Fenster zu schließen, wird sie von den Nachbarn angerufen und sie flitzt hin. Wenn die Alarmanlage losgeht, werden die Vorstandsmitglieder des Vereins und natürlich Beatrix Jantzen benachrichtigt.

In all ihre Aufgaben hat sich die in Amsterdam geborene lebenslustige Frau – „nein, ich spreche nicht holländisch, meine Eltern waren nur zwei Wochen da, weil mein Vater Binnenschiffer war“ – gibt sie gleich Antwort auf eine unausgesprochene Frage, systematisch hineingearbeitet. Sie nahm an Seminaren teil, erlernte kaufmännische Grundlagen, den Umgang mit der EDV, erlernte Kalkulationen und machte nebenbei auch noch ihren Führerschein. Nach einer gescheiterten Ehe und einer gescheiterten Beziehung als Alleinerziehende von einem damals kleinen Sohn und einer kleinen Tochter.

Dabei standen ihre Kinder immer im Vordergrund. Die Lösung, dass eine Freundin und Nachbarin damals als Tagesmutter einsprang und sie durch die Nähe ihrer Wohnung zum Nachbarschaftshaus immer schnell erreichbar war, erleichterten ihr den Weg in eine neue berufliche Zukunft. Nur darum ging sie auf das Angebot ein. Bis 1997 war es nicht einfach für sie. Ihre Biografie war holprig. Erst seitdem steht sie finanziell auf eigenen Füßen. Die Bremerin, die in ihrer Kindheit in allen Bremer Stadtteilen gewohnt hat, weil ihre Eltern ständig umgezogen sind, war mit knapp 17 Jahren von zu Hause ausgezogen. Sie lebte zu dem Zeitpunkt mit vier Geschwistern beim Vater. Sie zog mit ihrem späteren Mann nach Marßel und machte, „auf Drängen“ ihres Vaters eine Friseurlehre. Eine feste Stelle bekam sie nicht. Gearbeitet hat sie aber immer, wie sie erzählt. Es gab Jobs, eine ABM-Stelle im Gartenbau, und auch 1988, nach der Geburt ihres Sohnes, war sie stundenweise immer nebenbei tätig.

Die Ehe scheiterte, die zweite Partnerschaft auch, aus der ihre Tochter stammt. Nun stand Beatrix Jantzen allein da. Die Väter zahlten nicht. Sie war auf Sozialhilfe angewiesen. Es gab aber in Marßel nun Freundinnen, die an ihrer Seite standen und über die Kontakte zu anderen Kita-Müttern lernte sie die Quartiersmanagerin Ulla Diedrich kennen.

„Zwei Jahre lang habe ich mit anderen Müttern die Spielplatzbetreuung hinter dem Einkaufszentrum gemacht“, erzählt sie von damals. Beatrix Jantzen nahm dann auch an einer Bildungsfahrt teil, die vom Quartiersmanagement organisiert worden war. Anwohner sollten sich Gedanken machen, wie das neue von der Gewoba geplante Nachbarschaftshaus als Treffpunkt gestaltet werden könnte. Der bereits bestimmte Leiter des neuen Cafés sprang aber ab, und so kam es zu dem Satz von Ulla Diedrich, der das Leben von Beatrix Jantzen in ganz neue Bahnen führte.

Heute kann sie jede Menge Anekdoten davon erzählen, wie es war, als sie mit dem Kochen und Backen begonnen hat. Sie kocht täglich, mit Unterstützung, den Mittagstisch für die Marßeler im Nachbarschaftshaus. Heute kocht sie auch mal locker Grünkohl für 60 Personen bei einer Veranstaltung. „Die Katastrophen sind vorbei“, sagt sie und erzählt humorvoll von ihrem ersten Versuch, einen Kuchen zu backen. Ein Bekannter habe damals gemeint, dass von einem Kuchen keine Rede sein könne. Das Teil habe eher nach Karamellbonbons geschmeckt, aber so gut, dass sie dafür von ihm gelobt wurde.

Beatrix Jantzen ist in Marßel bekannt und beliebt und wird von ganz vielen Marßelern geduzt. Sie sagt stets direkt, was sie meint. „Bei mir weiß man immer, woran man ist“, sagt sie über sich. Sie sagt geradeheraus, was ihr nicht passt. Meistens aber lacht sie, ist gut gelaunt, unterhält die Gäste und kümmert sich darum, dass alles läuft. Der Vereinsvorstand lasse ihr freie Hand.

Die Gäste des Stadtteilcafés schätzen die familiäre Atmosphäre sehr. Sie selbst liebt den Kontakt zu den Menschen um sich herum. „Das ist genau das Richtige für mich.“ Manche Anwohner, hauptsächlich ältere Menschen, kommen fast jeden Tag. Dann wird geschnackt. Was sie dann an Aufgaben nicht schafft, erledigt sie eben zu Hause.

Ist die Café-Chefin nicht im Nachbarschaftshaus anzutreffen, tanzt sie in der Line-Dance-Gruppe bei der SG-Marßel, erledigt ihre Aufgaben als stellvertretende Abteilungsleiterin Turnen oder hilft Tochter und Schwiegersohn bei der Renovierung des neuen Hauses. „Das ist viel Arbeit“, sagt sie. Zudem ist sie ja auch noch Oma. Sie hat zwei Enkel, zwei Jahre und vier Monate alt, und empfindet es als sehr bewegend, Oma zu sein. „Das ist ein besonderes Gefühl“, sagt sie. „Nun geht es noch mal von vorne los, aber es ist ganz anders als bei den eigenen Kindern.“

Beatrix Jantzen ist „sehr zufrieden“ mit ihrem Leben. Und wenn sie irgendwann in Rente gehen muss, dann arbeitet sie eben ehrenamtlich im Nachbarschaftshaus weiter. Das ist ihr Plan.

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