Ziel: Familien früher erreichen Kita-Einstiegshaus in Gröpelingen geplant

Ein Haus, in dem Kinder und Eltern kennenlernen können, wie Kita funktioniert – das soll in Gröpelingen entstehen. Die Gründerinnen des neuen Angebots wollen Familien in dem Stadtteil früher erreichen.
22.02.2021, 20:49
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Kita-Einstiegshaus in Gröpelingen geplant
Von Sara Sundermann

Hürden auf dem Weg in die Krippen und Kindergärten abbauen: Das ist das Ziel eines neuartigen Kita-Einstiegshauses, das ab Mai oder Juni im Schiffbauerweg nahe der Waterfront den Betrieb aufnehmen soll. Das Kita-Einstiegshaus ist ein Format, das speziell mit Blick auf die Probleme im Stadtteil entwickelt wurde. In Gröpelingen entsteht den Gründerinnen zufolge das erste Haus dieser Art in Deutschland.

Hauptinitiatorin des Projekts ist Barbara Köberlein, Geschäftsführerin des Trägers Quirl, der im Bremer Westen fünf Kitas betreibt. Sie schildert die Probleme vor Ort, für die man mit dem Einstiegshaus eine neue Antwort finden will. „Viele Eltern bei uns im Stadtteil brauchen nicht unbedingt eine Betreuung, sind aber sehr interessiert an einem Bildungsprogramm, das sie mit ihrem Kind wahrnehmen können“, sagt Köberlein. Doch vielen Familien sei das Kita-System nicht vertraut. „Und für viele Kinder bedeutet Kita dann erstmal, dass sie mit fremden Kindern in einer fremden Sprache mit teils unbekannten Spielmaterialien spielen sollen.“

Hier könnte das neue Angebot ansetzen. Zusammen ein Lied singen, gemeinsam erleben, was ein Morgenkreis ist: Das sollen Kinder und Eltern im Einstiegshaus schon vor dem Kita-Start kennen lernen. Geplant seien im Haus unter anderem ein Elterncafé, offene Eltern-Kind-Gruppen und Beratung bei der Kita-Platz-Suche, sagt die künftige Leiterin des Hauses, Barbara Ermlich. Das Haus richte sich insbesondere an Kinder, die keinen Kita-Platz bekommen haben, die zu Hause kein Deutsch sprechen und die beispielsweise mit dreieinhalb Jahren in die Kita kommen und nicht wie teils in anderen Stadtteilen schon mit anderthalb.

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Während in Kitas in anderen Vierteln die Eingewöhnungsphase nach ein paar Wochen beendet ist, ziehe sie sich in Gröpelingen oft über ein halbes Jahr oder länger, sagt Köberlein. Bis alle Kinder soweit integriert seien, dass man mit der eigentlichen Bildungsarbeit anfangen könne, vergingen oft Monate. Man wolle mit dem vorgeschalteten Angebot des Einstiegshauses auch die teils überforderten Kitas entlasten, sagt sie. Viele Familien könnten zudem staatliche Hilfen bekommen, von der Frühförderung in der Kita bis zur Familienhilfe, die zu Hause unterstützt. Doch wenn der Förderbedarf eines Kindes erst in der Kita erkannt werde, dauere es oft lange, bis die Hilfen ankämen.

"Wir müssen früher anfangen mit der Förderung, aber das schaffen wir nur zusammen mit den Eltern, dafür muss man Vertrauen aufbauen und überzeugen", sagt auch Andrea Sbach, die als Fachberaterin ein Kita-Einstiegsprogramm des Bundes in Bremen koordiniert. An die Erfahrungen mit diesem Programm will man für das Einstiegshaus anknüpfen. Denn die Angebote aus dem Bundesprogramm waren teils so begehrt, dass die Plätze nicht ausreichten, zum Beispiel das Angebot "Bildung aus der Kiste", sagt Sbach: Dabei kommen einmal pro Woche Eltern mit ihren Kindern und jedes Kind kann sich aus einer großen Kiste etwas nehmen. Mal sind Bälle darin, es geht um Bewegung. Ein andermal sind Instrumente darin, und alle dürfen sie ausprobieren. "Wir haben ein Angebot entwickelt, das auch ohne Sprache verständlich ist."

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Das sei wichtig, denn in einer Gröpelinger Kita-Gruppe mit 20 Kindern gebe es derzeit meist nur ein bis zwei Kinder, die mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen, sagt Sbach. In einer Einrichtung kommen Kinder mit zehn Sprachen und mehr zusammen. Zusätzlich hätten einige beim Kita-Start noch keine Erfahrung damit, sich mit anderen Kindern länger in einem Raum aufzuhalten, auch Spielmaterialien wie Knete seien vielen von zu Hause nicht bekannt. „Die meisten Kinder hier haben zu Hause kein Kinderzimmer mit Spielzeug, sondern eine Wohnung, in der in allen Räumen viele Menschen zusammen leben.“

Das Konzept für das Kita-Einstiegshaus erhielt zuletzt bereits viel Zuspruch von Bildungspolitikern aller Fraktionen. Unterstützt und ermöglicht worden sei das Projekt von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), die sich von Anfang an dafür eingesetzt habe, sagt Köberlein. „Der Zugang zu Bildung ist das A und O, wir wollen Zugangshürden abbauen“, sagt die Senatorin. Man wolle für Kinder und Familien einen „Kaltstart ins Bildungssystem“ vermeiden.

Das Projekt soll zunächst für vier Jahre mit 480.000 Euro pro Jahr vom Bildungsressort finanziert werden. Ein Team von acht bis zehn Personen will 100 Kinder und ihre Familien erreichen. Weitere Kita-Einstiegshäuser sind Bogedan zufolge zunächst nicht geplant. Man wolle aber das Konzept der Einstiegshilfe in weitere benachteiligte Stadtteile tragen, so die Senatorin: Ähnliche Angebote könne man mit Akteuren vor Ort, beispielsweise mit dem Bürgerhaus Hemelingen, umsetzen. Das Konzept könne auch über Sozialpädagogen, die zuletzt in Kitas in ärmeren Gebieten eingestellt wurden, in weitere Einrichtungen transportiert werden.

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Zur Sache

Die Situation in Gröpelingen

Gröpelingen ist Bremens bevölkerungsreichster Stadtteil. „37.500 Menschen leben hier auf engstem Raum, darunter viele Kinder“, heißt es in dem Papier der Bildungsbehörde, in dem der Plan für das Kita-Einstiegshaus begründet wird. Zuletzt machten 16,5 Prozent der Gröpelinger Schülerinnen und Schüler Abitur, das ist die niedrigste Abiturquote in der Stadt Bremen. Etwa 67 Prozent der Kinder in Gröpelingen hatten ein Jahr vor ihrer Einschulung einen festgestellten Sprachförderbedarf. Einer der Gründe dafür liege in der Zuwanderung, heißt es in dem Papier. Jeder dritte Einwohner in Gröpelingen hat einen ausländischen Pass. Im Stadtteil haben 78 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren einen Migrationshintergrund. Viele Kinder sind in Deutschland geboren, sprechen zu Hause aber oft ihre Muttersprache. Hinzu kommt eine große Zahl von Kindern, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Einige Kinder haben traumatische Fluchterfahrungen gemacht. Diese Rahmenbedingungen wirkten sich auf die Kitas aus, heißt es in der Vorlage: Eine reguläre Bildungsarbeit sei in den Krippen und Kindergärten teils nur eingeschränkt möglich.

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