Stark bedrohtes Ökosystem Bremerin gründet „Verein für Mangrovenschutz“

Mangrovenwälder zählen zu den wichtigsten und zugleich besonders bedrohten Ökosystemen der Welt. Die Bremer Umweltwissenschaftlerin Marijana Toben setzt sich mit ihrem Verein für den Schutz der Bäume ein.
14.04.2020, 05:39
Lesedauer: 4 Min
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Bremerin gründet „Verein für Mangrovenschutz“
Von Elena Matera

Sie wachsen in salzigem Wasser, sind Hitze und Überschwemmungen ausgesetzt – Mangroven wachsen unter extremen Bedingungen, die für gewöhnliche Bäume tödlich wären. Ihr Merkmal: die vielen dünnen Wurzeln, die halb aus dem Wasser ragen. Ganz so, als würden die Bäume auf Stelzen stehen.

Mangrovenwälder zählen zu den wichtigsten Ökosystemen der Welt – und sie sind besonders gefährdet. Seit den 1980er-Jahren wurde laut der Umweltschutzorganisation WWF mehr als ein Drittel der globalen Mangrovenbestände in den Tropen abgeholzt. Die Bäume und Sträucher werden für Bau- und Brennholz gerodet und müssen der Aquakultur, der Landwirtschaft und dem Bau von Hotelanlagen weichen.

Für die Bremerin Marijana Toben steht fest: Die Mangroven müssen dringend geschützt werden. Die Umweltwissenschaftlerin hat im vergangenen Jahr den „Verein für Mangrovenschutz“ in Bremen gegründet. Die Mission der 32-Jährigen: Sie will den Bäumen sozusagen eine Stimme geben – von Bremen aus. Dafür möchte sie über die Bedeutung von Mangroven aufklären.

Von der Hausarbeit zum Projekt

Bereits während ihres Bachelorstudiums ist Toben auf die Mangrove gekommen. Die Wissenschaftlerin sollte eine Hausarbeit über ein bedrohtes Ökosystem schreiben und hat sich für die Mangrovenwälder entschieden. „Nach der Arbeit war ich so fasziniert, dass ich mir dachte, ich muss das unbedingt mit eigenen Augen sehen“, sagt sie. Fünf Monate arbeitete Toben bei einem Projekt in Australien mit. In ihrer Masterarbeit schrieb sie über die Abholzung von Mangrovenwäldern in Indonesien und machte dafür auch sechs Monate Feldarbeit in der Segara Anakan Lagune auf der indonesischen Insel Java.

„Wenn man sich einfach nur ins seichte Wasser setzt, passiert ganz viel“, sagt Toben. Man höre Vögel, Affen und hier und dort ein Knacken. Kleine Krebse kämen aus ihren Löchern. „Es ist ein faszinierender Ort, der unbedingt geschützt werden muss.“ Der Verlust der Mangrovenwälder rund um den Äquator habe dramatische Folgen für Mensch und Natur. Die Wälder zwischen Meer und Land seien Lebensraum und Kinderstube für zahlreiche Fischarten, Krebse und Garnelen. Viele Menschen an den Küsten von Indonesien leben nach Angaben der Bremer Wissenschaftlerin vom Fischfang in den Mangroven, aber auch von den Muscheln und Krabben, die sie bei Ebbe aufsammeln können. Wenn die Bäume zerstört werden, verlieren die Küstenbewohner ihre Ernährungs- und Einkommensgrundlage, sagt Toben. Außerdem: „Die Fische sind oft die einzige Proteinquelle für die Bevölkerung vor Ort.“

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Mangroven säubern laut der Umweltwissenschaftlerin das Wasser und schützen damit benachbarte Ökosysteme wie Korallenriffe. Sie verbessern außerdem die Wasserqualität und tragen damit zum Erhalt gesunder Ozeane bei. Wichtig ist auch ihre Funktion als Küstenschutz. Laut WWF kann ein Mangrovengürtel von 100 Metern Breite die Wellenhöhe um zwei Drittel verringern. Auch für das Klima sind Mangroven essentiell. Der Grund: Sie können bis zu fünfmal mehr Kohlenstoffdioxid aufnehmen als andere Bäume. „Damit tragen sie zur Minderung des Klimawandels bei“, sagt Toben. Sie könnte noch viele weitere Vorteile der Mangroven aufzählen. „Mangroven sind wahre Alleskönner“, sagt sie.

Umso wichtiger sei es, die Wälder in den Tropen zu schützen. In den UN-Nachhaltigkeitszielen und im IPCC-Bericht des Weltklimarats wird bereits die Wichtigkeit der Mangroven hervorgehoben. Dennoch schreite die Abholzung der Bäume immer weiter voran, sagt die Wissenschaftlerin.

Bundesweite Wanderausstellung geplant

Mit ihrem Verein möchte Toben aufklären, Umweltbildung betreiben. Bisher sind es zwölf Mitglieder. „Das ist noch recht klein“, sagt die Bremerin. Der Verein hat bereits eine erste Crowdfunding-Aktion in die Wege geleitet, die Ende März erfolgreich endete. Mit dem Geld möchten die Mangrovenschützer eine bundesweite Wanderausstellung anbieten. Auf großen Bannern wird mit Infografiken, Fotos und Texten in einfacher Sprache über die Bedeutung der Mangroven aufgeklärt. Die Ausstellung kann kostenlos gemietet werden. „Die Menschen können sich ein Bild von einem Ökosystem machen, das eine große Vielfalt und Schönheit ausstrahlt“, sagt Toben.

Die Aufklärung sei ein erster Schritt für den Schutz der Mangroven. „Letztendlich kann jeder etwas für die Wälder tun, auch von Bremen aus“, betont die Umweltwissenschaftlerin. Man könne etwa darauf achten, weitestgehend auf Garnelen und Shrimps zu verzichten. Laut WWF wird über ein Drittel der Mangrovenrodungen der Garnelenzucht zugeschrieben.

Auch für Palmölplantagen werden Mangrovenwälder gerodet. „Generell sollte man ein kritischer Kunde sein“, rät Toben. Wie können die Wälder sonst noch geschützt werden? „Ich glaube, die Profitgier der großen multinationalen Unternehmen muss beendet werden. Es ist wichtig, dass lokale Nichtregierungsorganisationen mit der Bevölkerung arbeiten“, sagt Toben. Es müsse eine nachhaltige Bewirtschaftung geben. „Die Menschen vor Ort leben von den Mangroven. Daher halte ich nichts von Schutzprogrammen, die die Bevölkerung ausschließen.“

Der Bremer Forscherin ist vor allem eines wichtig: Die Menschen sollen die Mangrovenwälder wertschätzen, ihre Existenz, ihre Bedeutung für die Bevölkerung, den Ozean, das Klima, die Biodiversität. Nicht nur in den Tropen, auch in Deutschland und weltweit müsse das Ökosystem Wald auf die Agenda gesetzt werden. „Wälder sind immens wichtig. Alte Baumbestände müssen erhalten bleiben“, fordert Toben. „Das gilt für jeden Wald auf der Welt.“

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