Standpunkt zum Radverkehr in Bremen

Bester unter Schlechten

Bremen wurde unlängst als fahrradfreundlichste Großstadt in Deutschland gewürdigt. Im Vergleich mag das stimmen, tatsächlich liegt vieles im Argen, meint Jürgen Hinrichs.
12.04.2021, 20:27
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Bester unter Schlechten
Von Jürgen Hinrichs
Bester unter Schlechten

Bremen plant den Bau von drei Fahrradbrücken. So könnte die Brücke über die Kleine Weser aussehen.

Baubehörde Bremen

Bremen mal auf Platz eins, vor allen anderen. Das ist doch was, da kann man sich freuen, so selten wie dieser Spitzenrang an die Weser vergeben wird. „Prädikat: Besonders fahrradfreundlich“, titelte diese Zeitung, als sie über die Auszeichnung berichtete, und es stimmt, im Vergleich zwischen deutschen Großstädten schneidet Bremen am besten ab. Hannover nur knapp geschlagen, Köln, Essen und Nürnberg dafür umso deutlicher, Leipzig im Mittelfeld, Berlin und Hamburg auch. So hat es der ADFC nach einer groß angelegten Befragung von Radfahrern in den einzelnen Kommunen festgestellt. Bremen ist für das Ergebnis gewürdigt worden, ein Stelldichein von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). Der Bayer und die Bremerin lächelten sich Zuversicht zu, dass es vorwärtsgeht mit dem Radverkehr. Doch ist das so?

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Kurze Antwort: Nein, ist es nicht. Dass Bremen mit einer 3 minus im Zwei-Jahres-Zeugnis des ADFC erneut Klassenprimus geworden ist, spricht Bände. Die Deutschen steigen gerne aufs Rad, zumal während Corona, ihnen wird es aber nicht einfach gemacht, sicher, komfortabel und falls nötig auch schnell unterwegs zu sein. Holprige und zu schmale Radwege, zugeparkte oder gar keine, das ist ein Zustand, der schon oft beschrieben wurde. Bremen, dessen Fahrradanteil am Gesamtverkehr seit Jahren stagniert, ist in der Hinsicht eben nur ein bisschen besser als die anderen, das ist alles.

Klar, wer knapp auf ein befriedigend kommt, ist zwar kein Musterschüler, doch alles verkehrt gemacht haben kann er auch nicht. Das Fahrradmodell-Quartier in der Bremer Neustadt ist einzigartig in Deutschland und wurde mit Preisen bedacht. Es gibt Fahrradstraßen, die recht gut funktionieren, und Wege, auf denen es ohne große Hindernisse ein Vergnügen ist, dem Ziel entgegenzurollen.

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Viel häufiger handelt es sich bei den Wegen aber um regelrechte Buckelpisten, die nicht nur unangenehm zu befahren sind, sondern auch eine Gefahr bedeuten. Das ist an vielen Stellen in der Stadt so und in jedem einzelnen Fall ein Armutszeugnis für einen Senat, der sich die Förderung des Radverkehrs auf die Fahne geschrieben hat. Besonders schlimm muss es den Klagen der Menschen zufolge in Bremen-Nord sein. Sie bekommen einen dicken Hals, wenn neue und schöne Fahrradprojekte ausgerufen werden, statt zunächst das Nötigste anzupacken.

Dabei sollte man das eine tun und das andere nicht lassen. Am besten beides miteinander verbinden. Seit bald zehn Jahren werden für die Fahrradfahrer sogenannte Premiumrouten angekündigt. Auf neun hatte sich die Regierung festgelegt, das Netz sollte die gesamte Stadt überspannen. Gute Idee, und weiterhin wird diskutiert und geplant. Das Ergebnis indes ist nach so langer Zeit einfach nur kläglich. Gerade mal eine der Routen ist einigermaßen zustande gekommen, und das auch nur deshalb, weil sie einfach zu organisieren war. Wenn als Begründung für dieses Scheitern der Hinweis kommt, dass um jedes Teilstück mit den jeweiligen Ortspolitikern gerungen werden muss, zeigt der Senat seine Ohnmacht. Dann stimmt etwas nicht im Land Bremen.

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Noch ein Beispiel gefällig? Eines, das gerne genommen wird, um die Kluft zwischen plakativen Vorhaben und realer Misere zu beschreiben. Es sind die drei geplanten Fahrradbrücken. Wieder eine gute Idee, keine Frage, und man sollte die Brücken nicht als Luxus betrachten, sondern als Notwendigkeit. Noch einmal, auch hier: Das eine tun und das andere nicht lassen. Doch was ist passiert, seitdem der Senat vor vier Jahren das Projekt bekannt gemacht hat? Nicht viel. Zuletzt hieß es, der Bau der ersten Brücke werde sich noch einmal verzögern, Fertigstellung nicht vor 2025.

Dann sind da ja noch die sogenannten Protected Bike Lanes, abgetrennte Radwege auf der Straße. In anderen Städten gibt es sie längst. In Bremen nicht, erst jetzt wird darüber nachgedacht.

Fies, zugegeben, aber geht der Spruch in Bremen vielleicht so? Das eine nicht tun und das andere auch lassen.

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