Menschen mit Behinderung Raus aus der Werkstatt

In Bremen soll die Zahl der Menschen steigen, die trotz ihres Handicaps einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt finden. Die Werkstatt Bremen wird ihre Arbeit auf diesem Feld verstärken.
22.07.2019, 20:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Raus aus der Werkstatt
Von Carolin Henkenberens

Der Werkstatt Bremen stehen in den kommenden Jahren einige Veränderungen bevor. Die öffentliche Einrichtung, die den Martinshof und den Inklusionsbetrieb Integra betreibt, wird in Zukunft mehr noch als bisher dafür sorgen müssen, Menschen mit Behinderung in ein Arbeitsverhältnis fernab der Werkstätten zu vermitteln.

Denn eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben sehen nicht nur die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz (BTHG) vor, sondern auch der Koalitionsvertrag von Rot-Grün-Rot in Bremen. Darin heißt es: „Inklusion darf nicht mit dem Schulabschluss enden. Sie soll auch beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt umgesetzt werden.“

Während in Bremens Schulen das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen Normalität geworden ist, hakt es auf dem Arbeitsmarkt. In den Werkstätten im Land Bremen – zwei in Bremerhaven, eine in Bremen – waren Ende Oktober vergangenen Jahres laut dem Landesbehindertenbeauftragten 2846 Menschen mit Behinderung beschäftigt. Davon schafften den dauerhaften Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr nur elf Menschen (0,39 Prozent). Im Jahr 2017 waren es ähnlich wenige: sieben Personen.

An den Arbeitsmarkt heranführen

Der Weg zur Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist weit. Einen weiteren Schritt in diese Richtung hat die Werkstatt Bremen Anfang des Jahres gemacht. Seitdem gibt es das Projekt Kwer-Wege, berichtet Ahlrich Weiberg, Geschäftsführer von Werkstatt Bremen. Kwer-Wege vermittelt Menschen mit Beeinträchtigungen an Unternehmen, die dort arbeiten und von Werkstatt-Mitarbeitern an ihrem Arbeitsplatz betreut werden. An den ersten Arbeitsmarkt heranführen, nennt sich das. Die Beschäftigten sind offiziell noch bei der Werkstatt angestellt und können jederzeit zurück an ihre alte Arbeitsstelle in der Werkstatt wechseln. Denn nicht alle Werkstatt-Mitarbeiter seien fit genug für die Arbeit in einem Unternehmen. Aber im Idealfall, so die Theorie, schaffen sie irgendwann den Sprung in eine reguläre Anstellung.

Unternehmen kooperationsbereit

„Wir gehen davon aus, dass das der Geschäftszweig ist, der am stärksten wachsen wird“, sagt Weiberg. Knapp 50 Teilnehmer gebe es derzeit. Zuvor gab es zwar auch schon Menschen, die nicht in den Werkstätten, sondern direkt in Firmen gearbeitet haben, die Zahl sei mit 20 aber deutlich geringer gewesen. Weiberg hofft, dass es in den kommenden drei bis vier Jahren etwa 150 Menschen sein werden. An kooperationsbereiten Unternehmen mangele es nicht. „Wir haben gut 70 Firmen, die zusätzlich angefragt haben“, erzählt der Geschäftsführer. Manchmal passten die Firmen aber nicht zu den Vorstellungen der Bewerber, manchmal stimmen die Bedingungen in den Unternehmen nicht.

Der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück sieht das Projekt Kwer-Wege „positiv, weil das ein Schritt raus aus der Werkstatt“ sei. Er sagt, die Werkstatt Bremen muss sich künftig mehr als bisher schon neuen Formen der Beschäftigung öffnen. Steinbrück findet es gut, dass im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist, dass eine Beratungsstelle in der Werkstatt Bremen eingerichtet wird, die dort beschäftigte Menschen mit Behinderung dazu berät, welche Arbeitsmöglichkeiten es außerhalb der Werkstatt gibt.

Lesen Sie auch

Ahlrich Weiberg hingegen findet: „Die vom Bundesteilhabegesetz geforderte Unabhängigkeit der Anlaufstelle ist mit der Anbindung an die Werkstatt Bremen nicht gegeben.“ Steinbrück sieht ein, dass die Werkstatt mit der Beratung in einen Interessenkonflikt gerät, da gerade die guten Mitarbeiter einfacher in den regulären Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Aber Werkstatt Bremen habe den gesetzlichen Auftrag, den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt zu fördern. „Möglicherweise braucht Werkstatt Bremen für diese neue Beratung aber auch einen Kooperationspartner“, sagt Steinbrück.

Ein weiteres Instrument, das in Bremen stärker zum Einsatz kommen soll, ist das „Budget für Arbeit“. Dieses ermöglicht es, dass Menschen, die in einer Werkstatt beschäftigt sind, einen Lohnkostenzuschuss erhalten, wenn sie eine reguläre Arbeitsstelle finden. Bislang nutzen jedoch nur wenige das Instrument. Laut Sozialbehörde waren es in den vergangenen Jahren konstant zwölf bis 13. Die Behörde geht davon aus, dass sich die Zahl erhöhen wird, auch aufgrund der von Rot-Grün-Rot geplanten Unterstützung für behinderte Menschen.

Im öffentlichen Dienst und in Inklusionsbetrieben sollen 50 Arbeitsplätze auf der Grundlage des Budgets für Arbeit entstehen. Letztlich aber, findet Weiberg, müssten für die Inklusion gesellschaftliches Umdenken und radikale Forderungen her. In einer idealen Welt seien Werkstätten überflüssig.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+