Interview mit Kurt Zech „Eine autofreie City wäre der Todesstoß“

„Wir müssen die Pläne völlig neu überdenken“: Der Bremer Unternehmer Kurt Zech spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über die Bremer Innenstadt und die Folgen der Corona-Krise.
09.04.2020, 07:56
Lesedauer: 6 Min
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„Eine autofreie City wäre der Todesstoß“
Von Jürgen Hinrichs

Herr Zech, wie sehr ist Ihre Firmengruppe von der Corona-Krise betroffen?

Kurt Zech: Sehr unterschiedlich. Am stärksten natürlich unsere Atlantic-Hotels, dort sind die Folgen gewaltig. Bis auf zwei Häuser, das Grand Hotel am Bredenplatz in der Bremer Innenstadt und das Atlantic in Vegesack, sind alle geschlossen. Für die Beschäftigten gilt Kurzarbeit. Wir haben aber immerhin das Glück, dass die Immobilien unser Eigentum sind und günstig finanziert wurden. Diese Zinslasten können wir tragen.

Anderen geht es in der Tat deutlich schlechter.

Grundsätzlich stehen die Hotellerie, der Tourismus, das Gastgewerbe und der Einzelhandel vor einer Vollkatastrophe. Ich hoffe, dass die Kreditanstalt für den Wiederaufbau schnell reagiert. Österreich zum Beispiel hat der gesamten Hotellerie und den Gastronomen sehr früh zugesagt, 75 Prozent des Schadens zu übernehmen. Mit dieser Sicherheit können sich die Betreiber bei den Banken Überbrückungskredite beschaffen.

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Wie steht es sonst bei Ihren Unternehmen? Sie haben ja ein ganzes Konglomerat.

Die Bausparte leidet auch. Da sind wir bei minus zehn bis 15 Prozent, mit zunehmender Tendenz. Es passiert jetzt öfter, dass Aufträge storniert oder Zahlungen erst später geleistet werden. Sie müssen sich aber keine Sorgen machen, wir stehen das durch. Außer bei den Hotels haben wir bisher nirgendwo Kurzarbeit eingeführt. Das Geschäft geht also weiter. Ziel ist, im Verhältnis zur Konkurrenz am Ende stärker dazustehen als vor der Krise.

Ist es aus Ihrer Sicht ohne Alternative, die Wirtschaft wegen Corona dermaßen herunterzufahren?

Das kann ich nicht beurteilen, dafür fehlt mir die Expertise. Ich vermute aber mal, dass das der richtige Schritt ist, wenn die Fachleute sich in dieser Breite dafür aussprechen. Wir werden um eine Durchseuchung der Bevölkerung nicht herumkommen. Das heißt, die Risikogruppen zu schützen und den jüngeren Menschen irgendwann wieder mehr Freiheit zu erlauben. Wenn uns das gelingt, haben wir eine Chance. Bisher hat Deutschland das im Vergleich zu fast allen anderen Ländern relativ gut gemacht. Ich möchte jetzt nicht in Italien, Frankreich oder Spanien leben – oder in New York.

Sie investieren in Bremen gerade viel in der Überseestadt, der dickste Brocken wird aber wohl Ihr Innenstadt-Projekt sein, die City-Galerie.

Was übrigens nicht unser Begriff ist und es nie war. Er kam vor 15 Jahren auf und hat sich dann festgesetzt. Damals reichten die Pläne vom Brill bis zur Sögestraße, es sollte eine lange, überdachte Passage werden. Aber das ist längst in der Schublade, das will niemand mehr, auch die Stadt nicht, sie denkt an einzelne Quartiere, die offen und durchlässig sind.

Wie auch immer das Kind später heißen wird – fest steht, dass Sie mit drei Immobilien planen. Mit dem Parkhaus Mitte, das sie von der Stadt gekauft haben und abreißen wollen. Mit dem Karstadtgebäude, das Ihnen gehört. Und mit dem Haus von Kaufhof. Die mittlerweile vereinten beiden Warenhäuser haben sich unter den Schutzschirm der Regierung gerettet, sie gehen wahrscheinlich in die Insolvenz. Was bedeutet das für Ihre Pläne?

Ich war geschockt, als ich vor einer Woche davon hörte. Das ist der Game-Changer und stellt alle Überlegungen, die wir bisher angestellt haben, wieder infrage. Es sind ja weitere große Unternehmen im Einzelhandel, denen es vorher schon nicht gut ging und die jetzt ebenfalls unter den Schirm gehen könnten. Sie werden sich in diesem Prozess jeden Standort genau anschauen und nicht wenige davon schließen, um sich auf die starken zu konzentrieren.

Sie haben früh gesagt, dass es in der Bremer Innenstadt mittelfristig nur noch ein Warenhaus geben wird.

Das glaube ich, ja. Und in der aktuellen Situation noch einmal mehr. Ich kann mir vorstellen, dass Kaufhof und Karstadt Sport im Karstadt-Gebäude untergebracht werden. Dadurch werden zwei Mieten gespart, sicher auch viel Personal, und es ist einfacher, den Standort zu führen. Aber warten wir mal ab, der Eigentümer hat im Schutzschirmverfahren drei Monate Zeit, sich für einen Weg zu entscheiden. Währenddessen muss mit den Gewerkschaften und Betriebsräten gesprochen werden, auch mit den Lieferanten. Ich habe das Gefühl, dass sich eine neue Gruppe herausbildet, die Karstadt heißt und nicht mehr 170 Standorte hat, sondern vielleicht nur noch 100.

René Benko, der Eigentümer, hat Ihnen geschrieben, dass er erst einmal keine Miete mehr zahlt und sogar etwas zurückhaben will. Kein freundlicher Akt unter Geschäftsfreunden.

Da befindet er sich aber in bester Gesellschaft. Nehmen Sie Adidas, auch wenn die ihre Entscheidung wegen des öffentlichen Drucks wieder zurückgenommen haben. Uns allein liegen rund 120 Schreiben von Mietern vor, die entweder um Stundung bitten, weniger zahlen wollen oder gar nicht mehr. Darunter sind viele große und bedeutende Unternehmen. Über manche habe ich mich gewundert. Bei Karstadt gehen wir davon, dass es zwischen uns mit modifizierten Verträgen und Umbauten im Gebäude eine einvernehmliche Lösung geben wird.

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Eine Lösung müssen Sie auch mit dem Eigentümer der Kaufhof-Immobilie finden. Der hat wahrscheinlich bald keinen Mieter mehr. Das stärkt Ihre Verhandlungsposition.

Das ist so, keine Frage. Auch wenn es die andere Seite nicht ganz so sehen dürfte. Mal sehen, vielleicht macht sie bei der Entwicklung ja mit.

Sie sprachen gerade vom Game-Changer. Wie verändert sich das Spiel für die Bremer City?

Wir müssen die Pläne, glaube ich, völlig neu überdenken. Inhaltlich, indem wir uns klarmachen, dass die Zeit der großen Verkaufsflächen vorbei ist. Sie finden heute kein Ladenkonzept mehr, das mit mehr als 2000 Quadratmetern funktioniert. Da ist der Markt komplett zusammengebrochen, nicht erst seit Corona. Es gibt einen Gewinner dieser Entwicklung, und der heißt Amazon. Räumlich sollten wir den Bogen in der Innenstadt weiter spannen. Und wir müssen Attraktionen schaffen, gerade auch architektonisch. Nur quadratisch zu bauen und mit maximal fünf Stockwerken, reicht nicht aus, womit ich nicht sagen will, dass es zwingend Hochhäuser sein müssen.

Doch wer geht in diese Gebäude hinein? Was ist die Idee, das Konzept, wenn die bisherigen Nutzungen wegen des Onlinehandels nicht mehr funktionieren?

Die Antwort kann Ihnen heute niemand geben. Wir tauschen uns ja ständig mit den Marktteilnehmern und Fachleuten aus – keiner weiß, was die Zukunft bringt, in Zeiten der Krise schon gar nicht. Alles was ich Ihnen heute sage, kann morgen schon Makulatur sein. Reden wir über Wochen, über Monate? Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Firmen bereits verschwunden sind, und ich fürchte, das ist erst der Anfang.

Verharren und abwarten, was kommt?

Wir müssen nach Corona eine Bestandsaufnahme machen. Auch für die Bremer Innenstadt. Es wäre verfrüht, jetzt an neuen Konzepten zu feilen, dafür ist zu viel in Bewegung. Einige Parameter stehen für mich allerdings fest: Wir müssen gemischte Quartiere entwickeln – Wohnen für Junge und Alte, Gewerbe, Handel, Gesundheitsdienste, Kultur, universitäre Nutzungen. Urbanes Leben hat mit Kleinteiligkeit und Vielfalt zu tun. Nehmen Sie das Ostertor, für mich in Bremen das beste Beispiel. Um so etwas mit Neubauten hinzubekommen, dürfen es keine Retorten sein, nichts Austauschbares.

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Wie wollen Sie das alles finanzieren und dann auch noch eine Rendite erwirtschaften?

Bremen muss sich die Karten legen, der Stadt fehlt bisher eine Vision. Sie muss sich bewusst machen, dass es auch öffentliches Geld kostet, so eine Innenstadt zu bauen. Auf jeden Euro, den die Wirtschaft investiert, sollte die Kommune einen Euro oben drauf legen. So wie das beim Umbau der Innenstadt in München geschehen ist. Es braucht diesen Mut zu ungewöhnlichen Entscheidungen. Eine könnte die beiden städtischen Wohnungsgesellschaften betreffen. Es wäre zum Beispiel möglich, dass die Brebau ihre Wohnungen an die Gewoba verkauft, um sich danach ausschließlich um städtebauliche Projekte auch in der Innenstadt zu kümmern. Die Gewoba könnte das finanziell sicherlich stemmen, wäre womöglich froh über den Zuwachs, und die Stadt hätte durch den Verkauf der Wohnungen Geld in der Hand.

Zum Beispiel für eine autofreie City.

Das wäre der Todesstoß. So sagen es mir alle Händler. Sie sind auf die Kunden aus dem Umland angewiesen.

Als Rahmen für die Innenstadtentwicklung gibt es seit Kurzem den Entwurf eines Bebauungsplans. Sind Sie zufrieden damit?

Sagen wir mal so: Ich halte den Entwurf für stark verbesserungsbedürftig. Er schränkt ein, was ich eben als Notwendigkeit skizziert habe – aufregende Architektur, wie uns das in Bremen mit dem Universum gelungen ist oder in Bremerhaven mit dem Hochhaus Sail City. Auch gegen diese Projekte gab es anfangs großen Widerstand, heute freut sich jeder darüber.

Das Interview führte Jürgen Hinrichs.

Info

Zur Person

Kurt Zech (63)

ist gebürtiger Bremer. Er hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und übernahm 1978 zusammen mit einem Partner von seinem Vater den Baubetrieb. Aus der kleinen Firma ist in 40 Jahren ein multinationales Unternehmen mit mehr als 10 000 Beschäftigten geworden.

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