Bedenken zu Umbau-Plänen

Warnung vor schnellen Lösungen an der Domsheide

Grundsätzlich begrüßt auch Bremens Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück die Umbau-Pläne für die Domsheide. Meldet zugleich aber Bedenken an.
21.09.2018, 21:35
Lesedauer: 3 Min
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Warnung vor schnellen Lösungen an der Domsheide
Von Ralf Michel
Warnung vor schnellen Lösungen an der Domsheide

Der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück (l.) und Hochschul-Professor Carsten-Wilm Müller halten den Umbau der Domsheide für dringend erforderlich.

Christina Kuhaupt

Domsheide, früher Nachmittag, kurz nach 14 Uhr: Die Straßenbahnlinie 4 Richtung Arsten kommt um die Ecke geruckelt, von der Wilhelm-Kaisen-Brücke nähert sich in Gegenrichtung die Linie 6. Fußgänger hasten von beiden Seiten noch schnell vor den Bahnen über die Schienen, dazwischen kurven Radfahrer in gewagtem Tempo. Als die 4 stoppt, ergießt sich ein Schwall Fahrgäste auf den Bahnsteig, was gar nicht so einfach ist, denn dort steht schon eine Gruppe Männer mit Koffern, die auf die 6 Richtung Flughafen wartet. Und auf die Fahrbahn ausweichen geht auch nicht, weil dort gerade die Buslinie 24 nach Rablinghausen im Schritttempo versucht, irgendwie weiterzukommen.

Mitten in diesem Gewusel steht Joachim Steinbrück, der Landesbehindertenbeauftragte Bremens. Steinbrück ist blind, was für ein gewaltiges Geräusch-Stakkato muss in diesem Moment auf ihn einprasseln. „Die Domsheide ist für mich eine Lotterie“, sagt Steinbrück. Sie gesund zu überqueren, dürfte in diesem Bild wohl für „Gewinn“ stehen. Über die „Niete“ möchte man lieber nicht nachdenken.

Muss man aber, und das sagt nicht nur der Landesbehindertenbeauftragte. Neben ihm zwischen Straßenbahn und Bus steht Carsten-Wilm Müller, Professor für Verkehrswesen an der Hochschule Bremen. Das Urteil des Verkehrsexperten zur Domsheide fällt drastisch aus. „Die schlimmste Ecke in Bremen überhaupt.“ Um hier so viele Funktionen für unterschiedlichste Verkehrsteilnehmer unterzubringen, sei nicht genügend Platz. „Das funktioniert einfach nicht, dafür ist es hier viel zu eng.“

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Das hat auch Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) entdeckt („Das Ganze ist ein Chaos“), der, wie berichtet, den Umbau der Domsheide kürzlich zur Chefsache ernannt hat. Sieling will eine Radikalkur für den Verkehrsknotenpunkt und möchte dafür gerne die 2020 ohnehin anstehende umfassende Sanierung der Gleisanlagen durch die Bremer Straßenbahn AG nutzen.

Umbau unprofitabel für Menschen mit Behinderung

Steinbrück und Müller würden dies natürlich ausdrücklich begrüßen, fürchten aber, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen dabei allenfalls am Rande eine Rolle spielen. Wäre schließlich nicht das erste Mal, erinnert Steinbrück an den letzten Umbau der Domsheide, der schon Jahrzehnte zurückliegt. Unlogische Bordsteinabsenkungen, für Rollstuhlfahrer wenig geeignetes Pflaster, zu enge Bahnsteige, Blindenstreifen, die an manchen Stellen im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Wand laufen... „Damals ist viel schiefgegangen. Und danach wurde dann immer nur noch dran rumgefrickelt.“

Die Grundidee, den Knotenpunkt radikal umzubauen, finde er deshalb richtig, betont der Landesbehindertenbeauftragte. „Dann sollte man aber auch das Thema Barrierefreiheit von Anfang an mit einplanen. Nicht dass es hinterher wieder heißt: Daran haben wir nicht gedacht.“ Barrierefreiheit müsste ganz vorne stehen, alles andere darum herum geplant werden, sagt Carsten-Wilm Müller. Er ist in dieser Hinsicht aber eher skeptisch. „Das ist bei vielen Gestaltern einfach noch nicht in den Köpfen.“

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Nach möglichen Ansatzpunkten für einen behindertengerechten Umbau muss zumindest nicht lange gesucht werden. Im vergangenen Semester haben Bauingenieurs-Studenten der Hochschule die Domsheide und den Schnoor auf Barrierefreiheit hin untersucht und Lösungsvorschläge für entdeckte Mängel erarbeitet. Das beginnt bei vergleichsweise einfach zu realisierenden Maßnahmen wie etwa einem zusammenhängenden Blindenleitsystem oder begeh- beziehungsweise berollbaren Oberflächen. Und führt über die Verlegung von Haltestellen und geänderte Radien für die Straßenbahn bis hin zu aufwendigen, über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren angedachte Projekte wie die Verlegung des Schienenverkehrs unter die Erde.

Radfahrer und Wegebeziehungen müssen in die Planung einbezogen werden

Zwei Details haben die Studenten besonders deutlich herausgearbeitet: Zum einen müssen die Radfahrer über andere, nach Möglichkeit eigene Routen aus dem Knotenpunkt herausgenommen werden. Zum anderen müsse über den Platz hinaus gedacht werden, indem Wegebeziehungen wie etwa in den Schnoor oder zur Glocke von Beginn an mit in die Planung einbezogen werden.

Gute Überwege und gut durchdachte Wegebeziehungen stehen auch für Joachim Steinbrück ganz oben auf der Liste für die Planung zur Umgestaltung der Domsheide. Klingt wie selbstverständlich, doch dass es das nicht ist, zeige das schlechte Beispiel des Bereiches vor dem Hauptbahnhof. „Auch da ist es oft viel zu eng.“

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Generell plädiert Steinbrück für eine gründliche Planung und meldet in diesem Zusammenhang Bedenken zum von Bürgermeister Sieling eingeschlagenen Tempo an. Er glaube nicht daran, dass eine große Lösung für die Domsheide schon 2020 im Zuge der Gleissanierung der BSAG über die Bühne gehen könne. Schon mit Blick auf die vorgeschriebenen Bürgerbeteiligungsverfahren sei dies „eigentlich unrealistisch“, sagt der Landesbehindertenbeauftragte. Vielleicht könne die BSAG ihre Pläne ja noch etwas verschieben. „Mir wäre 2022 lieber, dafür aber mit einer hohen Akzeptanz.“

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