Alleinerziehend

Weiblich, ledig, jung und Mutter

Vor besonderen Herausforderungen stehen sehr junge Mütter. Viele von ihnen trennen sich vom Kindsvater. Manche brauchen Hilfe vom Jugendamt, zum Beispiel durch einen Platz im Mutter-Kind-Heim.
19.07.2018, 12:00
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Weiblich, ledig, jung und Mutter
Von Silke Hellwig

Die Lage ist idyllisch, die Einrichtung ist in einer ruhigen Wohngegend angesiedelt. Das Entree im Haus ist hell und freundlich, das räumliche Herz in der Wohngemeinschaft verspielt und bunt eingerichtet. "Hamme Lou" nennen sich die Einrichtungen für junge Mütter und ihre Kinder der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bremerhaven.

Der Ausdruck hat laut AWO-Geschäftsführer Manfred Jabs etwas mit dem Kinderspiel Fangen zu tun. Der vereinbarte Platz, an dem man nicht erwischt werden dürfe, nenne sich Hamme Lou. Die Mutter-Kind-Wohngemeinschaft in Bremerhaven-Wulsdorf ist eine von zwei Bremerhavener AWO-Einrichtungen für junge Alleinerziehende, in Cuxhaven gibt es eine weitere.

Bunte Wimpelketten hängen vor den großen Fenstern des Gemeinschaftsraums, die auf eine kleine Terrasse und weiter in eine Gemeinschaftsgrünanlage zeigen. Ein großer Tisch dominiert das Zimmer, nebenan ist der gemeinsame Wickelraum. Das Esszimmer geht in eine Küche über, daneben führt ein Flur zu den Bereichen der Mütter und Kinder.

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Auf einer Seite des Tischs schließt sich ein mehreckiger Raum mit Wänden aus Glas an, der an ein Schwesternzimmer erinnert. Das ist das Büro der Mitarbeiterinnen. Es ist rund um die Uhr besetzt. Der sichere Ort in Wulsdorf bietet Platz für Schwangere und alleinerziehende Mütter im Alter ab 15 mit einem Kind unter sechs Jahren. Fünf Plätze stehen zur Verfügung.

Am Nachmittag ist es ruhig in der Einrichtung, ab 14.15 beginnt die Freizeit. Zwei junge Frauen sitzen am großen Esstisch, die eine ist 19 und Mutter eines viereinhalb Monate alten Säuglings, die andere ist 17. Ihr Kind, 13 Monate alt, ist unternehmungslustig und furchtlos, es hält sie ordentlich auf Trab.

Die Schwangerschaft habe sie noch mit dem Kindesvater durchlebt, berichtet die 17-Jährige, dann kam die Trennung. Jetzt bewohnt sie mit ihrem Kind zwei Räume in der AWO-WG. Es sehe noch ein bisschen karg aus, sagt die junge Mutter mit dem Kind auf dem Arm, "ich bin noch nicht dazu gekommen, Bilder aufzuhängen."

Beistand beim Erwachsenwerden und Muttersein

Die Wohngemeinschaft ist eine Übergangsstation auf dem Weg zum selbstständigen Leben und eigenen Haushalt. Die "Hamme Lou"-Mitarbeiterinnen helfen bei der Versorgung des Kinds, unterstützen die Frauen bei ihren weiteren Plänen, leisten Beistand beim Erwachsenwerden und Muttersein. Aber sie nehmen den Müttern nicht die Arbeit und Verantwortung ab.

Sie tragen nicht, sie stützen. Der Alltag wird geprobt: Viele junge Mütter müssten mit wenig Geld auskommen, "auch das wird hier bei uns vorbereitet", sagt Lena Kühme, die als Sozialarbeiterin in der Mutter-Kind-Wohngemeinschaft arbeitet. "Wir gehen gemeinsam einkaufen, wir planen zusammen, was wofür nötig ist. Wir schauen, wie man mit möglichst wenig Geld möglichst lange auskommt."

Die 17-Jährige hatte sich ihre Mutterschaft anders vorgestellt: "Als ich schwanger war, war ich davon überzeugt, dass ich alles alleine packen würde. Aber mein Kind war ein Schreikind. Das war sehr anstrengend, ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Ich bin froh, dass es diese Einrichtung gibt." Sie fühle sich mit ihrer Tochter in der Wohngemeinschaft gut aufgehoben, ergänzt ihre 19-jährige Mitbewohnerin.

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Woran sie sich manchmal reibe, seien die vielen Regeln, die sie einzuhalten habe. "Aber man lernt, sich damit zu arrangieren." Sie will bald mit dem Vater des Kinds zusammenziehen, nach der Elternzeit hofft sie auf eine Ausbildung in der Gastronomie – kein leichter Weg für eine Mutter, das sei ihr klar. "Minderjährige alleinerziehende Mütter haben noch viele eigene Entwicklungsschritte zu gehen", so Lena Kühme.

"Wir müssen darauf achten, dass die Mutter auch zu ihrem Recht kommt, dass sie sich entwickeln und gleichzeitig die Mutterrolle erlernen und ausfüllen kann." Der Bedarf an Unterstützung sei sehr unterschiedlich, erzählen Lena Kühme und ihre Kollegin, Sozialassistentin Nadine Larisch. Grundsätzlich gehe es darum, gemeinsam eine Perspektive zu entwickeln.

Die jüngsten der Mütter sind noch schulpflichtig, andere holen mit Unterstützung der Einrichtung ihren Schulabschluss nach oder kümmern sich um eine Ausbildung. "Känguru" heißt das Projekt an der Werkstatt-Schule Bremerhaven. Dort besuchen die sogenannten Kängurus, wie 15- bis 18-jährige Mütter und Schwangere genannt werden, die Hauptschule.

Nach dem Auszug nicht sich selbst überlassen

Ihr Nachwuchs wird nebenan von Tagesmüttern betreut. Die 17-Jährige war bis vor Kurzem ein Känguru. Etwa ein halbes Jahr will sie noch in der Wohngemeinschaft bleiben, dann hofft sie auf eine eigene Wohnung. Die Mütter, die sich bewusst für ihr Kind entschieden hätten, zeigten in der Regel "viel Engagement", sagt die Sozialarbeiterin. Der Weg sei schwer, "aber viele junge Mütter sind unglaublich stark. Das beeindruckt mich immer wieder."

Die Frauen und Kinder werden nach dem Auszug nicht sich selbst überlassen, die Betreuung setzt sich fort. "Hamme Lou"-Mitarbeiterinnen besuchen die kleinen Familien zu Hause. "Wir geben noch etwas Anleitung und Unterstützung bei Behördengängen oder bei der Suche nach einem Kita-Platz". Die ambulante Betreuung könne, anfangs oder in schwierigen Phasen, täglich sein, aber auch mehrmals oder einmal wöchentlich.

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In der Stadt Bremen gibt es ganz ähnliche Einrichtungen. Laut Sozialressort stehen 40 Plätze zur Verfügung. Die Kosten pro Platz und Tag lägen bei rund 70 bis 160 Euro pro Mutter und der Hälfte pro Kind. Eine Investition, die sich lohne, sagt Lena Kühme: "Es ist besser, hier eine gute Betreuung zu ermöglichen und für einen guten Start ins weitere Leben zu sorgen, sonst ist die Nachsorge sehr viel aufwendiger und teurer."

Eine Berufsausbildung hat die 17-Jährige noch nicht beginnen können. Ihr sei klar, dass es ganz alleine nicht einfach werde, "aber das kriegen wir schon hin", sagt sie. Bald wolle sie sich um einen Ausbildungs- und einen Krippenplatz kümmern, sie will in der Altenpflege tätig werden.

Die Mutter-Kind-Wohngemeinschaft hilft nicht nur persönlich auf dem Weg in ein eigenes Leben zu zweit. Die Mütter könnten auch von der guten Vernetzung der AWO profitieren, sagt Manfred Jabs. Es könne gut sein, dass die 17-Jährige bald die AWO-Altenpflegeschule besuchen kann. Ein Praktikum sei mit Gewissheit drin.

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