Domsheide bleibt ein Sorgenkind

Weniger Lärm in der Glocke

Schallschutzgläser im Kleinen Saal der Glocke dämmen den Geräuschpegel der Straßenbahnen zwar etwas. Doch die Domsheide bleibt auch weiterhin ein Sorgenkind.
22.08.2019, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Weniger Lärm in der Glocke
Von Elena Matera
Weniger Lärm in der Glocke

Seit Kurzem gibt es im Kleinen Saal in der Glocke neue Schallschutzfenster. Sie sollen den Geräuschpegel der Straßenbahnen senken.

Christina Kuhaupt

Barbara Grobien blickt aus dem Fenster. Vor ihr liegt die Domsheide: Baustellen, Busse, Menschen, die von einer Haltestelle zur anderen eilen. „Kein schöner Ausblick“, sagt sie. Die Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft Bremen steht im Kleinen Saal in der Glocke. Eine Straßenbahn nähert sich. Im Saal mit den dunklen Holzvertäfelungen hört man ein leises Grollen, der Holzboden vibriert. Grobien lächelt. Sie ist zufrieden. „Das ist kein Vergleich zu vorher“, sagt sie, „sehr viel leiser.“

Der Geräuschpegel und die Erschütterungen im Kleinen Saal sind seit Jahren ein Problem. Auch bei Konzerten und den Veranstaltungen sind sie deutlich zu hören. „Besucher, die noch nie zuvor in diesem Raum waren, sind immer erst etwas irritiert“, sagt Grobien. Aber den meisten gelinge es, die Geräusche einfach auszublenden. „Sie konzentrieren sich auf die Musik.“ Verursacher des hohen Geräuschpegels sind die Straßenbahnen, die vor der Glocke entlangbrettern.

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Die Domsheide ist der zweitgrößte Verkehrsknotenpunkt in Bremen. Täglich steigen laut Behörde für Stadtentwicklung und Mobilität 13.000 Fahrgäste zwischen den sieben Bus- und Straßenbahnlinien um. Im Minutentakt halten die Bahnen – Rumpeln inklusive. Nicht nur in der Glocke sind die Erschütterungen ein Problem. Auch in den umliegenden Gebäuden sind sie deutlich zu spüren, etwa im Landgericht. Doch in der Glocke gibt es einen Schritt Richtung Besserung. In die Kastenfenster im Kleinen Saal wurden vor Kurzem zusätzliche Scheiben eingebaut, schwere Schallschutzgläser.

„Ein Quadratmeter wiegt 50 Kilogramm. Die Masse sorgt erst für den Schallschutz“, sagt Hermann Eibach, der neben Grobien steht. Er ist Mitglied der Philharmonischen Gesellschaft und Dombauherr. Eibach kam auf die Idee mit der Fensterdämmung. Denn der Schall käme einerseits über das Erdreich, andererseits aber auch über die Luft durch die Fenster. Schallschutzscheiben, 600 Liter Baustoff in den Rahmen, betonierte Fensterbänke – alles Maßnahmen, um den Schall zu dämmen. Grobien ist Eibach dankbar für die Fensterdämmung. „Ich hatte schon fast aufgegeben“, sagt sie. Am Sonnabend startet das 30. Musikfest in Bremen. Auch im Kleinen Saal in der Glocke wird es verschiedene Konzerte geben.

„Auch Menschen absorbieren Schall“

„Das Fest ist ein toller Einstieg in die Saison“, sagt Grobien. „Wir können das erste Mal die neue Akustik im Raum beurteilen mit den neuen Gläsern.“ Zwei Mitarbeiter stellen bereits die gepolsterten Stühle im Kleinen Saal für die bevorstehenden Veranstaltungen auf, gut 400 Menschen finden dort Platz. „Wenn der Saal voll ist, wird es noch etwas leiser“, sagt Grobien. „Auch Menschen absorbieren Schall.“ Die gedämmten Scheiben seien ein erster richtiger Schritt gewesen. Doch noch immer ist es zu spüren: das Grollen, die Vibrationen, der Schall, der durch die Erde in den Saal gelangt. Grobien weiß: Es gibt noch viel zu tun. Die Hauptursache ist und bleibt die Straßenbahn.

Laut BSAG soll die Gleisanlage an der Domsheide im Jahr 2020 erneuert werden. Grobien wünscht sich vor allem eines: eine zusätzliche Schalldämmung unter den Gleisen extra für die Glocke-Bedürfnisse. Doch das koste. Und die Philharmonische Gesellschaft könne die Kosten nicht alleine tragen. „Wir hoffen, dass es sich die neue Regierung zu eigen macht, die Schienen zu bauen“, sagt Grobien. „Dieses Konzerthaus ist ein Juwel in der Welt. Es darf nicht so stiefmütterlich behandelt werden.“ Noch ist unklar, wie der Umbau der Domsheide genau aussehen wird.

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Zwischenzeitlich wurden bis zu 14 Planungsvarianten entwickelt, zwei sind laut Informationen der Behörde für Stadtentwicklung und Mobilität in die engere Wahl gekommen. Diese werden nun weiter konkretisiert. „Es wäre eine Katastrophe, wenn alle Haltestellen auf diese Seite verlegt werden“, sagt Grobien und zeigt auf die Straßenbahnhaltestelle vor dem Landgericht und der Post. „Die Domsheide bietet keinen schönen Anblick.

Wir brauchen eine Vision für diesen Platz“, sagt Grobien. Es solle ein Ort zum Wohlfühlen sein, wo man gerne verweilt. Doch zurzeit sei die Domsheide vor allem eines: ein Umsteigeplatz, an dem man so schnell wie möglich vorbeigehen möchte. Grobien schüttelt den Kopf. Sobald Konzertbesucher die Glocke verlassen, würden sie sich erst auf die kleine Verkehrsinsel retten. „Dann stolpern sie weiter über die Gleise“, sagt Grobien und zeigt vom Fenster aus auf die Straße. „Man will hier nur weg. Als Besucher spürt man die Unruhe, die der Platz verströmt. Das muss sich ändern. Es schadet auch die Präsentation der Glocke.“

Am besten fährt keine Straßenbahn mehr vorbei

Thomas Albert, der Musikfest-Intendant, betritt den Kleinen Saal. Er begrüßt Grobien und Eibach, betrachtet die neuen Schallschutzscheiben. „Toll“, sagt er. Albert freut sich schon auf die Konzerte. „Sonnabend wird ein Testfall sein. Ich bin gespannt“, sagt er. Der Intendant stimmt Grobien und Eibach zu: Die Domsheide muss umgebaut werden. Am besten sei es, wenn gar keine Straßenbahnen mehr vorbeifahren würden.

Das Rathaus, der Dom, die Glocke, das Konzerthaus, das Schnoorviertel – all das mache die Innenstadt aus. „Und dieses Zentrum wird von Schienen zerschnitten“, sagt Albert. Das dürfe nicht sein. Die Lebensqualität im Stadtkern könne verbessert werden. „Bremen kann noch so viel mehr aus sich herausholen.“

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Der Intendant stellt sich den Platz vor der Glocke ganz ohne Verkehr vor: keine Autos, keine Bahnen, keine Busse, keine eilenden Menschen. „Ich sehe einen großen Platz, der zum Verweilen einlädt – einen Treffpunkt, einen Ort, an dem man sich gerne aufhält: mit Bäumen, Bänken, einem Pavillon.“ Bremen sollte in der Vergangenheit bereits zu einer Musikstadt werden. „Wir sind musikalisch ganz weit vorne“, sagt Grobien. Die Glocke habe ein großes Potenzial. Musiker und Besucher würden stets von der tollen Akustik schwärmen. Grobien blickt aus dem Fenster: „Wäre da nur nicht diese Straßenbahn.“

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