Abschied vom Mütterzentrum Sozialarbeit braucht Handwerkszeug

Christa Brämsmann hat in Tenever das Mütterzentrum aufgebaut - jetzt geht sie in den Ruhestand
29.03.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Silja Weißer
Nach ihrer Ausbildung als Erzieherin, einem Studium der Sozialpädagogik und praktischen Erfahrungen in ihrer Geburtsstadt Celle und in Berlin absolvierten sie ein Praktikum im Haus der Familie. Familienleben und Elternrolle gehören hier zu den Schwerpunkten. Wieso wurde 1989 zusätzlich das Mütterzentrum gegründet?

Christa Brämsmann: Die Themen sind in der Tat ähnlich: Erziehung von Kindern, Ehe und Partnerschaft. Die Anregung für ein Mütterzentrum kam von den Frauen selbst. Der Wunsch von den Müttern aus Tenever wurde stärker, bezahlte Arbeit für sich selbst zu finden, und so wurde das Mütterzentrum mit Unterstützung des Hauses der Familie gegründet. Seit 1986 gibt es das erste Mütterzentrum in der Vahr. Wir kooperieren, um gemeinsam das Mütterzentrum Blockdieck zu unterstützen. Mittlerweile haben sich in Bremen weitere Zentren unter dem Dachverband Bundesverband der Mütterzentren in Deutschland gegründet. Grundgedanke war der Selbsthilfe-Charakter, also sich untereinander besser zu organisieren und Hilfestellung, insbesondere für alleinerziehende Frauen zu geben.

Wieso lässt sich das nicht familienintern regeln?

Wir sind ein bunter Stadtteil mit vielen verschiedenen Kulturen und Familienansichten. Damals herrschte noch das klassische Modell, dass der Mann arbeitet und die Frau sich um die Familie kümmert. Das isoliert die Frauen und Mütter auf Dauer. Wir wollten sie mehr in die Gesellschaft integrieren und sie sollten ihren Platz erobern. Heute sind Frauen und Männer bei uns unter Genderaspekten gleichwertig beschäftigt. Unser Konzept wird von vier Säulen getragen: Beratung, Beschäftigung, Bildung, Kinderbetreuung und Ehrenamt.

Für Kinder gibt es bereits Krippen und Tagesstätten. Dennoch ist das Thema Kinderbetreuung sehr beherrschend.

Im Alltag gibt es Lücken in der Betreuung. Was macht eine Frau, wenn sie um 8 Uhr in der Innenstadt am Arbeitsplatz sein muss, das Kind aber erst ab 8 Uhr betreut wird? Wir bieten genau diese Betreuungszeiten für drei Kindergruppen für unter Dreijährige mit je zehn Kindern und für eine 20-köpfige Gruppe für ältere Kinder U3 von drei bis sechs Jahren und begleitende Kinderbetreuung während der Kurse an.

In ihrer Zeit als Projektleiterin des Mütterzentrums ab 1993 und ab 2000 als Geschäftsführerin des Gesamtprojekts haben sie großen Zuspruch erfahren. Sie hatten anfangs eine Mitarbeiterin in der Leitung an ihrer Seite, später waren Sie ein Leitungsteam zu dritt und etwa 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Mit der Zeit sind zusätzliche 100 Kräfte über geförderte Beschäftigungsmaßnahmen und ehrenamtlich Tätige dazu gekommen. Wieso brauchen sie so viel Unterstützung?

Die Idee ist es, in Tenever eine Infrastruktur aufzubauen, also nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, sondern das Networking möglichst vieler Frauen und auch Männer untereinander zu fördern. Seit 1994 bieten wir nicht nur Kinderbetreuung und Nähkurse an, sondern haben Beschäftigungsbetriebe aufgebaut: vom Projekt zum sozialen Unternehmen. Wir betreiben drei Nachbarschaftscafés und einen Second-hand-Laden, ein Bildungszentrum, das Internetcafé E@stside, Kinderbetreuung, das Bistro Leuchtturm. Außerdem betreuen wir einen Veranstaltungssaal für die Wohnungsbaugesellschaft Gewoba. Die Beratungs-, Beschäftigungs- und Bildungsmaßnahmen sollen als Sprungbrett für den Arbeitsmarkt genutzt werden. Wir haben hier eine Kooperation mit Friedehorst, Aktiv für Osterholz und dem Management Weserpark. Aber auch Menschen, die sich beruflich einbringen wollen und keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, sind herzlich willkommen, sich mit ihrem hohen Engagement für das Mütterzentrum und den Stadtteil Osterholz-Tenever einzusetzen.

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All diese Projekte kosten Geld. Welche Quellen zapfen Sie dafür an?

Anträge ausfüllen, abwarten, nachhaken. Das ist leider zurzeit eine meiner Hauptbeschäftigungen. Die Mütterzentren finanzieren sich unter anderem aus dem Haushalt, Förderungsmittel für Beschäftigte aus arbeitsmarktpolitischen Programmen, Globalmittel vom Beirat, Mitgliedsbeiträgen, öffentlichen Zuwendungen und Spenden. Wir partizipieren von einem großartigen Netzwerk und können somit Bildungsurlaube in Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk/Garten der Menschenrechte sowie andere Kurse für Familien anbieten. Das Geld muss jedes Jahr aufs Neue akquiriert werden. Das erfordert viel Ausdauer und Kraft und wäre ohne mein fantastisches Team nicht zu schaffen. Ich bin 2013 mit unserem Team nach Berlin gefahren und wir haben uns von verschiedenen Parteien zu Diskussionsrunden einladen lassen, damit man uns mitkriegt. Mittlerweile haben wir ein sehr gutes Netz aufgebaut. Um rechtzeitig informiert zu sein, um Fördermittelanträge zu stellen.

Dauerhaft Sichtbarkeit zu schaffen ist anstrengend…

…aber nicht nur wegen der Finanzierung notwendig. Vor rund zehn Jahren haben sich die Frauen vom Mütterzentrum organisiert, um eine Demonstration gegen Rechts auf die Beine zu stellen. Wir sind mit Transparenten mit der Aufschrift „Kein Platz für die Nazis“ durch die Neuwieder Straße gegangen. Das entspricht meiner Philosophie: Ziele aufzeigen, Fragen stellen, selbst handeln und nicht aufgeben: Der Weg ist das Ziel.

Sie sind Ansprechpartnerin für viele Frauen und koordinieren zig Projekte gleichzeitig. Wie strukturieren Sie ihre Arbeit und woher nehmen Sie ihre Energie?

Sozialarbeit braucht Handwerkszeug. Das habe ich vor allem im Studium gelernt. Ein Stück weit bin ich bei meiner Arbeit auch Therapeutin. Es ist wichtig, die nötige Nähe zu den Menschen zu schaffen und zu behalten. Doch dabei darf man den professionellen Blick auf die Dinge nicht verlieren. Projekte, die realisiert werden, motivieren mich für weitere Projekte. Das Zwischenmenschliche gibt mir weiteren Auftrieb. Einmal hat sich eine Mitarbeiterin bei mir mit den Worten verabschiedet: „Du bist die beste Chefin der Welt.“ Das tut gut.

Wie haben sich die Corona-Zeiten auf ihre Arbeit ausgewirkt?

Die Hygienemaßnahmen umzusetzen war zunächst ein Kraftakt. Wir haben nicht auf Masken gewartet, sondern selbst Stoffmasken genäht und an die Menschen, Ärzte, Apotheken, Friseure im Stadtteil verteilt. Über Spenden und Beiratsmittel konnten wir 700 Mund-Nasen-Schutze bestellen und an unsere Mitarbeiter und Teilnehmer verteilen, ebenso wie Infozettel zur Aufklärung über Corona in verschiedenen Sprachen. Dazu mussten Spuckschutzwände für Präsenzberatungen her, statt Café-Betrieb gab es Außer-Haus-Verkauf und Bildungspakete wurden verteilt. Wir haben in Kooperation mit der Frauen AG Lebensmittelpakete für Familien verteilt. Und da im Lockdown keine Kinderbetreuung stattfinden konnte, Bastel- und Lernpakete zusammengestellt und persönlich vorbeigebracht, um nachzufragen, wie es den Familien geht. Im harten Lockdown mussten wir verschiedene Betriebe schließen. Die In-Job-Beschäftigungsmaßnahmen mussten eingestellt werden und wir konnten Gott sei Dank Finanzhilfen beantragen.

Welcher Art?

Weiterhin gibt es zurzeit auch Coronahilfen beim Bamf, um sich digital aufzustellen. Wir werden noch einen Antrag beim Bremer Fonds stellen, um Coronahilfen zu beantragen, denn wir mussten mehr Geld für digitale Medien ausgeben und brauchen jetzt noch Qualifizierungen, um Video-Konferenzen durchführen zu können.

Aus Altersgründen räumen Sie ihren Platz als Geschäftsführerin. Bleiben Sie in Kontakt mit dem Mütterzentrum?

Auf jeden Fall. Ich habe einige Projekte angestoßen, bei deren Umsetzung ich ehrenamtlich dabei sein möchte. Zusammen mit dem Kinderbauernhof Tenever und den Umweltbetrieben möchten wir vor dem Mütterzentrum und dem Kinderbauernhof Apfelbäume pflanzen. Ich wünsche mir Patenschaften, eine Herbst-Aktion, bei der wir Apfelsaft machen und Treffen mit Kindern, die etwas zum Thema malen.

Was werden Sie im Ruhestand nur für sich tun?

Ich bin seit 25 Jahren beim Maskentheater „Die Schalotten“. Da stehen Proben an, weil wir am 10. Juli im Garten der Menschenrechte im Rhododendronpark Szenen spielen möchten. Und wer weiß, vielleicht gründe ich ja mal wieder ein Kindertheater, wie damals das Theater „Wolkenbruch“? Wandern, Reisen, Freunde und Familie stehen ebenfalls auf dem Plan.

Das Gespräch führte Silja Weißer

Info

Zur Person

Seit 31 Jahren leitet Christa Brämsmann das Mütterzentrum in Tenever. Zum 1. Mai geht die 66-Jährige in den Ruhestand, in dem von Ruhe jedoch keine Rede sein wird. Die diplomierte Sozialpädagogin blickt nicht nur auf diverse Projekte zurück, 2013 wurde sie zur Bremer Frau des Jahres gekürt. Für die Zukunft schmiedet sie bereits weitere Pläne.

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