Lieferung in den Kofferraum Neue Verkaufsmodelle von Schwachhauser Einzelhändlern

Mit kreativen Geschäftsideen begegnen Einzelhändler in Schwachhausen der Corona-Krise. Sie entwickeln neue Verkaufsmodelle und Formen der kontaktlosen Übergabe.
09.04.2020, 09:10
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Maren Brandstätter

Hefe, Mehl und Toilettenpapier sind nicht die einzigen Artikel, die in Zeiten der Corona-Pandemie als chronisch vergriffen gelten. Im Schwachhauser Spielwarenladen Articolo ist ein Klassiker des heimischen Zeitvertreibs mittlerweile zur Mangelware geworden. „1000-Teile-Puzzle sind ausverkauft“, erzählt Inhaber Jürgen Klecha-Wellmann. „Da ist nichts zu machen – mein Großhändler hat auch keine mehr.“ Der Spielwarenhändler aus der Wachmannstraße weiß ganz genau, was bei seiner Kundschaft aktuell angesagt ist und was nicht. Schließlich nimmt er sämtliche Einkaufswünsche seit der Ladenschließung Mitte März telefonisch entgegen. Er musste sich ein neues Verkaufsmodell überlegen, um den Laden in Zeiten von Corona über Wasser zu halten – ebenso wie viele andere Einzelhändler im Stadtteil.

Seit Articolo geschlossen ist, liefert Klecha-Wellmann seine Waren aus. Kreuz und quer durch Schwachhausen führt ihn seine tägliche Tour, aber auch weiter. „Ich fahre bis nach Seehausen und Arsten raus“, sagt er. Seine Filiale in Borgfeld bediene Oberneuland mit, und seine Mitarbeiterin in der Neustadt liefere vor Ort Spielsachen aus – zu Fuß. „Das liegt vor allem daran, dass man in der Neustadt zu Fuß oft viel schneller ist als mit dem Auto“, sagt Klecha-Wellmann. Außerdem sei die Mitarbeiterin sportbegeistert.

Die ersten Bestellungen gehen bei dem Spielzeughändler häufig schon morgens um acht ein, die letzten manchmal um halb elf. Die Kunden melden sich per Telefon oder Whatsapp und teilen ihre Wünsche mit. Klecha-Wellmann und sein Team packen die Waren in Tüten und liefern ab 16 Uhr alles bis vor die Haustür. Bezahlt werde aus Sicherheitsgründen per Überweisung. Eigens einen Online-Shop einzurichten, sei für ihn keine Option gewesen, sagt er. Der Aufwand dafür sei zu groß.

Wenngleich Klecha-Wellmanns neues Geschäftsmodell gut angelaufen ist, bringt es dennoch nicht ansatzweise die gewohnten Einnahmen. „Ich habe jetzt deutlich mehr Arbeit als sonst, mache aber nur etwa ein Drittel Umsatz“, sagt er. Für seine zwölf Mitarbeiter habe er Kurzarbeit angemeldet, außerdem habe er vor zwei Wochen Soforthilfe beantragt – auf das Geld warte er immer noch. Lange lasse sich das Geschäft so nicht mehr aufrechterhalten. „Man schöpft aus Reserven, die man nicht hat“, sagt Klecha-Wellmann.

Lesen Sie auch

Buchhandlung liefert auf Rechnung aus

Der Arbeitsalltag von Buchhändlerin Marion Hüneke-Ohnesorge und ihrem Team hat sich seit Mitte März ebenfalls ziemlich verändert. Auch ihre Vormittage werden seither vor allem vom Telefon bestimmt. Wer bei Thorban an der Wachmannstraße Bücher kaufen will, kann sie entweder rund um die Uhr online oder von 10 bis 13 Uhr telefonisch bestellen. „Die meisten Titel kann unser Großhändler nach wie vor bis zum nächsten Tag liefern“, sagt Hüneke-Ohnesorge.

Sind alle Bestellungen gepackt, werden sie nach Straßenzügen unter den Kolleginnen verteilt und dann am Nachmittag an die Kunden ausgeliefert. Jeder Bestellung liegt neben einer Rechnung oft auch ein Zettel bei, auf dem der genaue Übergabeort vermerkt ist. Sei ein Kunde nicht zu Hause, stehe auf dem Zettel beispielsweise der Name des Nachbarn, an dessen Tür die Lieferung abzustellen sei. „Das ist mitunter ganz spannend“, erzählt Hüneke-Ohnesorge. Erst kürzlich sei auf einem der Zettel ein Carport als Abstellort notiert gewesen. „Dort stand ein Auto mit unverschlossenem Kofferraum, in den ich dann die Bücher legen sollte.“ Spannend finde sie an der neuen Verkaufsform außerdem, dass sie kleine Nebenstraßen in Schwachhausen kennenlerne, in denen sie noch nie zuvor gewesen sei. Außerhalb der Stadtteilgrenze liefere ihr Team bewusst nicht aus. „Das würde unsere Kapazitäten übersteigen“, sagt sie. Außerdem seien die anderen Stadtteile das Revier der dort ansässigen Buchläden.

Lesen Sie auch

Von einem Großteil ihrer Kundschaft erfährt Hüneke-Ohnesorge aktuell viel Unterstützung, erzählt sie. Sogar Neukunden seien in jüngster Zeit dazugekommen. „Das sind überwiegend Studenten, die ihren Stadtteil unterstützen wollen und ihre Fachliteratur lieber bei uns als im Internet bestellen“, sagt sie. Dennoch sei die Situation auf lange Sicht schwer durchzuhalten. Sie habe daher Kurzarbeit angemeldet und Soforthilfe beantragt. „Aber bis auf eine Eingangsbestätigung habe ich bislang noch nichts bekommen“, sagt sie.

Manufaktur am Emmaplatz auf Sparflamme

Wenn bei Barbara Mildner das Dienst-Handy klingelt, lässt sie oft alles stehen und liegen und schwingt sich auf ihr Fahrrad. In der Regel seien es Kunden, die vor ihrem Laden stehen und Kreidefarbe kaufen wollen, erzählt sie. Eigentlich sei ihre Manufaktur am Emmaplatz, die auf Vintage-Möbel spezialisiert ist, zwar erst nachmittags besetzt. Da sich das aber noch nicht überall herumgesprochen habe, mache sie auch Ausnahmen. „Im Moment zählt jeder Topf Farbe, den wir verkaufen“, betont Mildner. Gemeinsam mit Mitinhaberin Bettina Luers betreibt sie die Manufaktur zurzeit auf Sparflamme. Wer Farbe brauche, könne bei ihr vorab eine Farbtafel per Handy oder über die sozialen Netzwerke anfordern. Die Farbe werde dann kontaktlos vor dem Laden ausgegeben, erzählt sie. Bezahlt werde per Überweisung. Ansonsten liege die Hauptarbeit der beiden Inhaberinnen derzeit im Abarbeiten von Kundenaufträgen. „Die nehmen wir auch weiterhin telefonisch oder per E-Mail an“, erzählt sie.

Aufgearbeitete Möbel kann man in der Manufaktur am Emmaplatz nicht nur kaufen - wer es sich zutraut, kann sie auch selber machen. Eines der eigentlichen Kerngeschäfte von Mildner und Luers sind Workshops, in denen sie ihr Wissen über das Upcycling, also das Auf- und Wiederverwerten von alten Möbeln weitergeben. Etwa sechs Workshops pro Monat geben sie für gewöhnlich, die zurzeit bedingt durch die Pandemie allerdings ausfallen. „Ein weiteres Standbein, das weggebrochen ist, sind Kindergeburtstage, bei denen wir vor allem an den Wochenenden kreative Aktionen anbieten“, erzählt Mildner.

Soforthilfe haben die Manufaktur-Inhaberinnen zwar beantragt, warten aber ebenso wie Spielwarenhändler Jürgen Klecha-Wellmann und Buchhändlerin Marion Hüneke-Ohnesorge noch auf die Auszahlung. „Im Moment arbeiten wir gerade noch kostendeckend“, sagt Mildner. „Aber wir verdienen nichts.“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+