Ausstellung zur Geschichte der Strandlust Schöne Grüße aus Vegesack

Was trugen die Vegesacker, als sie sich um 1910 an der Weser verlustierten? Wer es wissen wissen will, sollte die Sonderausstellung zur Geschichte der Strandlust im Schönebecker Schloss nicht verpassen.
09.04.2021, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Schöne Grüße aus Vegesack
Von Patricia Brandt

„Feucht-fröhliche Grüße aus Vegesack“ steht auf einer Scherz-Postkarte von 1905. Zu sehen sind Männer in einem Fass, die sich zuprosten. Die Karte stammt aus einer Zeit, in der es noch keinen Massentourismus gab und die Bremer per Schiff und Bahn in den Norden reisten, um sich zu vergnügen und zu erholen. Die Motivkarte gehört zu den Exponaten einer geplanten Sonderausstellung zur Geschichte der Vegesacker Strandlust. Die bereitet derzeit der Heimat- und Museumsverein Schönebeck vor. Die NORDDEUTSCHE stellt hier eine kleine Auswahl von Ansichten aus den Anfangsjahren des inzwischen geschlossenen Traditionsbetriebs vor, der untrennbar mit dem Stadtteil verknüpft ist.

Rund 60 Karten mit Strandlustmotiven hat Klaus Gawelczyk, zweiter Vorsitzender des Heimat- und Museumsvereins für Vegesack und Umgebung, aus dem Archiv des Heimatmuseums zusammengetragen. Dazu kommen weitere 250 Karten und alte Fotos als digitale Dateien aus dem Bestand des Nordbremers Ingbert Lindemann. „Das Archivmaterial ist also sehr umfangreich. Die physisch vorhandenen Postkarten im Archiv werden wir tatsächlich auch ausstellen, insofern der Zustand der Karte dies zulässt“, so Gawelczyk.

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Aktuell hoffen die ehrenamtlichen Mitarbeiter, das Museum am 1. Mai mit der Sonderausstellung nach dem Lockdown öffnen zu können. Wie Klaus Gawelczyk betont, sind die Postkarten nur ein kleiner Teil der Ausstellung. Dazu kommen Gästebücher, Geschirr und viele weitere Exponate. Bekanntlich hatte der Heimat- und Museumsverein Vegesack 3000 Euro vom örtlichen Beirat erhalten, um Dokumente der Strandlust zu archivieren.

Nicht alle Bilder sind in gutem Zustand. „Es sind halt Zeitdokumente“, so Klaus Gawelczyk. Die ältesten Bilder stammen von 1900. Eröffnet wurde die Strandlust zwei Jahre zuvor: „Die feierliche Eröffnung mit geladenen Gästen fand am 16. Juli 1898 statt. Am 24. Juli 1898 wurde die Strandlust für das Publikum geöffnet.“ Erbaut wurde das Ausflugslokal mit 2000 Sitzplätzen auf dem Gelände der ehemaligen Sager Werft, die 1869 in Konkurs ging. Das Gelände habe zunächst brach gelegen und sei im Zuge der Weservertiefung durch Baggergut auf eine damals sturmflutsichere Höhe gebracht worden, erläutert der stellvertretende Vereinschef. „Nachdem einige andere Nutzungsversuche gescheitert waren, beschloss die Sparkasse Vegesack 1897, hier das Ausflugslokal ‚Strandlust‘ zu bauen."

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Klaus Gawelczyk sagt, dass die Geschichte der Strandlust die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Vegesacks widerspiegelt. „Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Funktion des Vegesacker Hafens als Umschlagplatz für Bremer Waren überflüssig„, so Gawelczyck. Der Grund: Nach der Weservertiefung konnten die Schiffe direkt nach Bremen durchfahren. “Vegesack musste sich neu orientieren. Dies gelang mit der Gründung des Bremer Vulkan und der Vegesacker Fischereigesellschaft, beides im Jahr 1895.“

Mit dem Bau der Strandlust 1897/98 habe sich der Ruf Vegesacks als Ausflugs- und Erholungsort im Bremer Norden verfestigt, so das Vorstandsmitglied. Gawelczyk: „Die Schiffs- und Eisenbahnverbindungen von Bremen nach Vegesack wurden ausgiebig genutzt. Eine Broschüre ,Bremer Schweiz' mit 50 Seiten Beschreibungen von Ausflugszielen im Bremer Norden ergänzte das Programm.“

Fernreisen und Massentourismus gab es zu der Zeit nicht. „Und wer es sich leisten konnte, vergnügte sich am Wochenende von Bremen aus mit einem Ausflug in die ,Bremer Schweiz' per Dampfer oder Eisenbahn“, so Gawelczyck. Die Ansichtskarten der Strandlust seien dabei beliebt gewesen. Mit ihnen wollten die Ausflügler die Daheimgebliebenen an dem schönen Ambiente teilhaben lassen.

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„Die Kleidung der Personen auf den Ansichtskarten illustrieren den Kleiderstil der Zeit. Man darf nicht vergessen, bis 1918 herrschte noch der Kaiser in Deutschland. Entsprechend war man in der Gesellschaft auf Stand und Erscheinung bedacht. Auch am Strand war man voll bekleidet“, erzählt der zweite Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins.

Immer mehr entwickelte sich das große Haus am Wasser zu einem Veranstaltungsort. Bälle, Parteitage, Firmenjubiläen, Modenschauen, Schiffstaufen, Vereinstreffen und Hochzeiten lockten in die Strandlust. Zwar war diese zunächst nur ein Ausflugs- und Veranstaltungslokal. Doch nach dem Umbau 1963 wurde die Strandlust auch als Hotel genutzt. „Ab jetzt wurden auch Übernachtungsgäste von Rang und Namen hier begrüßt", so Gawelczyck. Er berichtet von einem thailändischen Königspaar, aber auch von Gästen mit dem Fürstentitel Aga Khan, die ihre bei Lürssen gebaute Jacht hätten inspizieren wollen. Mehr verraten will er vor der Eröffnung der Ausstellung noch nicht.

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