Gespräche mit Eigentümern

Ringen um die Zukunft des Hotels Strandlust in Vegesack

Bremens Bürgermeisterin Maike Schaefer wünscht sich dort, wo bisher die Strandlust Gäste bewirtete, wieder einen Ort für Festivitäten und einen Biergarten. Und das sagen die Eigentümer der Immobilie...
28.12.2020, 07:00
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Ringen um die Zukunft des Hotels Strandlust in Vegesack
Von Patricia Brandt

Ein Elfjähriger und seine Oma aus dem Oberallgäu haben sich jetzt mit einem Brief an Lürssen gewandt – mit der Bitte, die insolvente Strandlust zu retten. „Es hat uns wie ein Schlag getroffen, dass die Strandlust schließt. Solange ich denken kann, haben wir unseren Urlaub in der Strandlust verbracht“, schreibt der Schüler aus Bayern. Unterdessen haben in Bremen nach Informationen unserer Zeitung auf höchster Verwaltungsebene erste Gespräche mit den Strandlust-Eigentümern stattgefunden.

Wie berichtet, hat das Traditionshotel an der Weserpromenade ab September den Betrieb eingestellt. Der bisherige Betreiber Philipp Thiekötter und Insolvenzverwalter Christian Kaufmann erklärten, dass es keine wirtschaftliche Perspektive mehr für das Haus gebe. Aufgrund der Corona-Krise sei das Geschäft mit Familienfeiern und Großveranstaltungen weggebrochen. 55 Angestellte verloren ihren Arbeitsplatz.

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Inzwischen hat Pächter Philipp Thiekötter die Immobilie an den Verpächter AB Inbev zurückgegeben. Dieser wiederum hat die Immobilie an die Eigentümer zurückgegeben. „Nach meinen Informationen ist die Übergabe jedoch formal noch nicht ganz abgeschlossen“, berichtet Insolvenzverwalter Christian Kaufmann.

Klagen gegen die Kündigung

Einige der Mitarbeiter der Strandlust können sich offenbar bis heute nicht vorstellen, dass das große Haus am Weserufer seine Türen endgültig geschlossen hat. Insolvenzverwalter Christian Kaufmann: „Eine knappe Handvoll Mitarbeiter hat Kündigungsschutzklage eingereicht, jeweils mit der Argumentation, dass Sie nicht glauben, dass es in der Strandlust nicht weitergehe. Das ist natürlich – leider – unzutreffend.“ Der Rechtsanwalt hatte den 55 Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt, da der Geschäftsbetrieb endgültig eingestellt wurde. Das Inventar hat er zwischenzeitlich vor allem an Privatpersonen verkauft.

Die Pleite löste nicht nur in Vegesack Bestürzung und Betroffenheit aus. „Seit dem wir unsere Oma kennen, hat sie uns von ihren tollen Bällen, von der Aufführung großer Künstler im Freundeskreis in der Strandlust erzählt“, schreibt Valery Kohler an die Eigentümer der Lürssen-Werft. Die Familie hat ihre Ferien oft in der Strandlust verbracht. „Die Ankunft war zu jeder Tageszeit herzlich. Die Zimmer waren sehr geschmackvoll und man hat sich direkt Zuhause gefühlt. Morgens gab es immer frische Kekse aufs Zimmer. Draußen zu frühstücken war schon der Höhepunkt.“ Es sei toll gewesen, die dicken Pötte auf der Weser zu betrachten.

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Der junge Skirennläufer vom Skiclub Oberstdorf berichtet von Tagesausflügen an die Nordsee und Schifffahrten nach Helgoland. „Die Krabbenbrötchen und die Finkenwerder Scholle gab es so lecker nur in der Strandlust. Und das alles ist nun vorbei. Doch seien Sie mal ehrlich: Ein Hotel wie die Strandlust fehlt Vegesack, Bremen-Nord und uns allen.„ Valery bittet das Unternehmen in seinem Brief, in das Geschehen einzugreifen: “Bitte sorgen Sie dafür, dass wieder so ein Hotel eröffnet wird, und nicht irgendwelche Wohnungen.“

Warum sich der Junge ausgerechnet an die Eigentümer der Werft wandte, erklärt dessen Vater Kai Uwe D. Kohler: „Mein Sohn Valery ist der Ansicht, dass Herr Lürßen ein direktes Interesse an der Entwicklung seiner unmittelbaren Umgebung hat, und da auch über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt.“ Bei Lürssen ist man gerührt über das Engagement des Jungen: „Natürlich würden auch wir uns wünschen, dass der Betrieb der Strandlust fortgeführt werden würde, da wir viele Veranstaltungen und Feiern dort durchgeführt haben und viele unserer Kunden dort gewohnt haben. Aber wir als Werft haben keinerlei Erfahrung mit dem Betreiben von Hotels und Restaurants.“

Liebe für die Stadt Bremen

Wie es an der maritimen Meile weitergeht, ist auch vier Monate nach der Schließung ungewiss. „Ich kann derzeit nichts dazu sagen. Durch Corona dauert alles länger. Aber Leerstand will niemand“, versichert Strandlust-Miteigentümerin Bärbel Körzdörfer auf Anfrage. "Die Strandlust war immer eine Herzensangelegenheit unseres Vaters Karl Könecke. Wir Kinder von Karl Könecke werden in seinem Sinne und seiner Liebe für die Stadt Bremen handeln. Wir sind auf der Suche nach einer guten Lösung für alle Bremer.“

Bärbel Körzdörfer berichtet, dass die Familie in den vergangenen Jahren sehr viel in die Strandlust investiert habe. „Erst vor Kurzem wurde ein komplett neues Block-Heizkraftwerk eingebaut, die Fassade neu saniert.“ Insofern sei eine weitere Nutzung wünschenswert. „Wir suchen eine gute Lösung für den Standort. Wir wissen um die Besonderheit und die historische Tradition dieses wunderbaren Standortes. 1915 war Graf Ferdinand von Zeppelin Gast in der Strandlust, von ihm stammt das Zitat: 'Man muss nur wollen, daran glauben, dann wird es gelingen!' In diesem Sinne werden wir handeln."

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Auch die Verwaltung sucht nach Lösungen. Bausenatorin Maike Schaefer bestätigt: „Wir führen intensive Gespräche mit den Eigentümern, an denen ich persönlich beteiligt bin. Es wäre schön, wenn wir an der Stelle wieder einen Ort für Festivitäten und im besten Fall einen Biergarten ermöglichen können. Auch der alte Baumbestand muss erhalten bleiben. Zu allem anderen laufen die Gespräche in konstruktiver Atmosphäre. Was wir an der Stelle aber nicht zulassen werden, das ist ein Hochhaus.“

Die Abwicklung der Insolvenz wird indes noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Derzeit beschäftigt den Juristen Christian Kaufmann vor allem eine Versicherung des bisherigen Pächters. Thiekötter, der selbst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, hatte demnach eine Betriebsunterbrechungsversicherung abgeschlossen, für den Fall, dass der Betrieb nicht fortgeführt werden kann. Laut Kaufmann beläuft sich der Schaden, den die Versicherung nach seiner Auffassung abdecke, auf einen nennenswerten sechsstelligen Betrag: „Die Versicherung hat sich – wie nahezu alle Versicherungen – auf den Standpunkt gestellt, die Versicherung würde für Corona nicht gelten und ein Kulanzangebot von 15 Prozent des eingetretenen Schadens angeboten, was wir aber dankend abgelehnt haben“, so Kaufmann. Deutschlandweit gebe es bereits anderslautende Urteile. Unter anderem habe das Landgericht München dem Pschorr-Gastwirt rund eine Million Euro zugesprochen.

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