Gedenken in Marzabotto „Das waren einschneidende Erlebnisse“

Eine Delegation aus Vegesack war zu Gast im italienischen Marzabotta, um den Opfern eines Massakers der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Welche Eindrücke die Bremen-Norder gesammelt haben.
04.05.2022, 16:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Friedrich-Wilhelm Armbrust

Als eindringlich und berührend, emotional und beeindruckend beschrieben die Angehörigen einer Vegesacker Delegation ihren Besuch in Marzabotto in Norditalien. Der Ort liegt gut 25 Autominuten südlich von Bologna. Anlass des Besuches war das 77. Jahr der Befreiung Italiens vom Faschismus, ein nationaler Feiertag. Der Hintergrund: Am 25. April 1945 rief dass Nationale Befreiungskomitee Oberitalien zum Aufstand gegen die Besatzer auf. Damit begünstigten sie den Vormarsch der Alliierten.

„Marzabotto und Vegesack verbindet seit 1991 offiziell eine Partnerschaft“, so Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt. Die Freundschaft beider Kommunen bestehe aber schon länger. Sie werde insbesondere durch die Friedensschule gepflegt. Die Feierlichkeiten währten von Sonnabend, 23. April, bis Montag, 25. April.

Mit im Boot bei dem Besuch waren Ekkehard Bohne, Astrid Torkel und Detlef Marzi von der Internationalen Friedensschule. Von der Deutsch-Italienischen Gesellschaft in Bremen begleiteten Marco Eggert und Manfred Nieswandt die Gruppe. Ihr gehörten auch Beiratssprecher Torsten Bullmahn und Ortsamtsleiter Dornstedt an.

Ende September und Anfang Oktober 1944 zerstörten Einheiten der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ und der deutschen Wehrmacht die gesamte Region um den Berg Monte Sole. Sie töteten über 770 Zivilisten, vor allem alte Männer, Frauen und Kinder. An über 100 verschiedenen Plätzen in Siedlungen oder vereinzelt liegenden Häusern, die zum Gemeindegebiet von Marzabotto und zwei Nachbardörfern am Monte Sole gehören, wurde das Massaker verübt. Die Erinnerung daran bestimmte die Begegnungen der Delegation mit den Italienern.

„Das waren einschneidende Erlebnisse“, sagt der Ortsamtsleiter. So sei zum Beispiel ein Mann auf ihn zugekommen, dessen Großvater dem Massaker entgangen sei. Das sei deshalb gewesen, weil er eine Vieherde von einem Platz zu einem anderen getrieben habe. Dem hätten die Tränen in den Augen gestanden, hatte Dornstedt ausgemacht.

„Jede Familie hat da Opfer gehabt“, sagt Nieswandt. Das habe bei ihm bei den Begegnungen „ein komisches Gefühl“ ausgelöst. Sein „spezielles Highlight“ sei ein Fackellauf Grizzana Morandi, gut 15 Kilometer südlich vom Marzabotto, gewesen. „Aus allen Ecken kamen da Fackeln auf einen zu.“ Es sei „Bella Ciao“ gesungen worden und die deutsche und italienische Nationalhymne wären erklungen.

„Wir sind da herzlich aufgenommen worden“, freute sich Beiratssprecher Bullmahn. Er hatte an Gedenkstätten in Marzabotto  und Grizzana Morandi mit dem Ortsamtsleiter Kränze niedergelegt. Als außerdem Kinder in Grizzana Morandi eine kurze Textzeile vorlasen, „war das eine sehr emotionale Veranstaltung“. Nahe gekommen sei ihm auch wieder der Ukrainekrieg angesichts der aktuellen und vergangenen Gräuel.

Vergessen haben Marzi und Nieswandt nicht eine Buchvorstellung am Sonntag. Das Buch handle von einem inzwischen verstorbenen Zeitzeugen, so Marzi. Der habe im Alter von fünf Jahren die Gräueltaten erlebt, habe die Deutschen gehasst, den Hass aber doch im Laufe des Lebens abgebaut. „Das hat mich sehr berührt.“ Mit dabei war der ehemalige Generalstaatsanwalt Marco De Paolis, der Kriegsverbrechen verfolgt hatte. Der habe mit „gebrochener Stimme“ von seinen Erfahrungen gesprochen, so Nieswandt.

„Das waren Verbrechen der Großelterngeneration, die sich niemals wiederholen dürfen und für die wir uns heute hier bei Ihnen entschuldigen.“Heiko Dornstedt, Ortsamtsleiter

Die Hügel des Monte Sole oberhalb von Marzotto sind zu einem Erinnerungspark umgestaltet worden. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am Montag, 25. April, hielt dort Ortsamtsleiter Dornstedt eine Ansprache. In ihr überbrachte er auch die Grüße von Bürgermeister Andreas Bovenschulte.

„Durch unseren Besuch habe ich neue und mir bislang unbekannte Einblicke in die schrecklichen Geschehnisse aus September 1944 erhalten.“ Dies habe ihn tief beeindruckt und betroffen gemacht, so Dornstedt. „Das waren Verbrechen der Großelterngeneration, die sich niemals wiederholen dürfen und für die wir uns heute hier bei Ihnen entschuldigen.“

Überhaupt löse es bei ihm „Unverständnis und Ratlosigkeit“ aus, weshalb es überhaupt Kriege gebe. „Nichts rechtfertigt es, einem anderen Menschen Gewalt anzutun und ihn sogar zu töten.“ Wichtiger denn je sei es, Kinder und Enkelkinder „zu einem friedvollen Miteinander zu gegenseitigem Respekt und Anerkennung zu erziehen.“

Eingeladen sind nach Vegesack zum Festival Maritim Bürgermeisterin Valentina Cuppi und  Valter Cardi, Vorsitzender des Komitees zur Ehrung der Opfer von Marzabotto. Am Dienstag, 31. Mai, soll es auf der Beiratssitzung ab 18.30 Uhr einen Bericht über die Gedenkstättenfahrt geben.

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