Studie über bremische Hochschulpolitik „Es wird keine Zukunftsmusik gespielt“

Sybille Reichert, Expertin für Strategieentwicklung an Hochschulen, hat sich die bremische Hochschullandschaft angesehen. Im Interview fasst sie die Ergebnisse zusammen, die nicht nur positiv ausfallen.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
„Es wird keine Zukunftsmusik gespielt“
Von Silke Hellwig

Frau Reichert, Sie haben für die Stiftung Wertpapierbörse Bremen eine Studie zur „Regionalen Kooperation von Hochschulen – Bremen im internationalen Vergleich“ erstellt. In einem Nachwort drücken Sie „tiefes Bedauern über die verpassten Gelegenheiten und ungenutzten Potenziale“ aus.

Sybille Reichert: Dieses Nachwort gehört nicht zur eigentlichen Studie. Ich wurde vom Auftraggeber nach einer Diskussionsrunde im Stiftungsrat ausdrücklich gebeten, die Studie um ein persönliches Fazit zu ergänzen. Er bat mich, es als Anhang aufzunehmen.

Darin finden Sie klare Worte. Sie attestieren Bremen ein „für eine Hansestadt erstaunlich enges, ja provinziell anmutendes Verständnis der Grenzziehung zwischen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren und Anliegen und ein damit einhergehendes mangelndes Vertrauen in die Möglichkeiten des Zusammenspiels von öffentlichen und privatrechtlichen Institutionen“.

Das ist kein Generalurteil über die bremische Hochschul- und Innovationspolitik. Sie habe ich immer als sehr dynamisch wahrgenommen. Man muss sagen, dass in Bremen vieles richtig gemacht wird und in den vergangenen Jahren richtig gemacht worden ist. Gerade der Ausbau der Innovationscluster und die größeren Infrastrukturinvestitionen, wie zum Beispiel in Eco-Mat, Forschungsinstitute oder Campusentwicklungsprojekte zeugen von dem Willen, Innovationsstärken und Wissenschaft als Standortfaktoren auszubauen. Das will ich nicht kleinreden, aber es gibt Verbesserungsmöglichkeiten bei der strategischen Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren – Wirtschaft, Politik und Hochschulen - und es gibt gewisse Vorbehalte, die der Weiterentwicklung im Sinne Bremens im Wege stehen.

Lesen Sie auch

Das gilt Ihrer Studie zufolge beispielsweise für die Jacobs University beziehungsweise die Frage, ob sie ausreichend in die bremische Hochschulstrategie eingebunden ist. Nach der Lektüre Ihrer Studie hat man den Eindruck, es gäbe gar keine richtige Strategie.

Das will ich so nicht sagen. Aber es wird versäumt, die Rolle der Hochschulen, der Universität und der Jacobs University mit ins Zentrum dieser Strategie zu setzen. Die Wirtschafts- und die Hochschulseite werden nicht systematisch miteinander verknüpft und deren Zusammenspiel im Vergleich mit anderen dynamischen Regionen in Europa nur sehr dürftig mit staatlichen Investitionen unterstützt. Die Debatte, wie die Hochschulstrategie für die Innovationslandschaft Bremen aussieht, wird nicht politisch geführt. Es gibt offenbar halbjährliche Gespräche zwischen Senat und Hochschulen, aber nicht, was dringend nötig wäre: eine enge Abstimmung, auch mit der bremischen Wirtschaft, um die Synergien zwischen den Stärken der Wirtschaft und denen der Wissenschaft zu nutzen, gemeinsam auszubauen und so das regionale Profil zu schärfen.

Das war einmal anders, halten Sie fest. Sie schreiben: „Lang ist es her, da dachten Bremer Schlüsselakteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in sehr modern anmutender Triple-Helix-Verschränkung.“ Sie meinen die Zeit der Großen Koalition in Bremen und den Entschluss zur Gründung der Jacobs University - mithilfe privaten Kapitals.

Ich will das nicht politisch bewerten. Tatsache ist, dass von 2000 bis etwa 2010 viel Geld investiert und das Renommee der Uni stark verbessert wurden. Die Hochschulen wurden mit Forschungsinstituten verschränkt und durch die Jacobs University ergänzt. Auch wenn die Uni Bremen die Verschränkung mit den Forschungsinstituten strategisch ausgebaut hat, scheint von diesem Geist oder Willen, die Jacobs University und deren Grundidee, die Verzahnung von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Interessen zu suchen und mit Investitionen zu unterstützen, nicht viel geblieben – außer in den Einzelinitiativen hervorragender Wissenschaftler. Inzwischen ist Misstrauen in der Bevölkerung wegen der Kosten der Jacobs University entstanden, und, trotz der engen Zusammenarbeit auf der Ebene der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, grenzt man sich auf institutioneller Ebene eher ab, statt sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Ihrer Meinung nach nehmen die Universitäten nicht die Rolle ein, die sie besetzen müssten. Woher kommt das?

Das kann ich auch nur vermuten. Die Hochschulen werden nach meinem Eindruck als wichtiger Standortfaktor, aber nicht als Motor der Wertschöpfung wahrgenommen, also nicht so zentral, wie sie von ihrer Forschungskraft her wahrgenommen werden müssten. Dabei sind die Bremer Uni, die Hochschulen und die Jacobs Universität international sichtbare, wettbewerbsfähige Institutionen. Womöglich fehlt es an informellem Austausch und gegenseitigem Vertrauen auf höchster Ebene und damit auch an einer engen Vernetzung im Alltag, um die gemeinsamen Chancen, die sich durch Wissens- und Technologieentwicklung auch für die bremische Wirtschaft ergeben, zu sichten, zu entwickeln und zu organisieren, wen man dafür zusammenbringen muss. Letztlich geht es für alle Beteiligten darum, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Lesen Sie auch

Wer müsste dafür sorgen, dass Unis die strategische Führungsrolle übernehmen? Die Politik oder müssten die Unis sie selbst an sich reißen?

Beide. Das Wirtschafts- und das Wissenschaftsressort in Bremen müssten sehr eng zusammenarbeiten und die Spitzen der Hochschulen einbeziehen, um gemeinsame Visionen zu entwickeln und sie auch auszubuchstabieren: Wo liegen die Stärken Bremens in einem Jahrzehnt und wie kommen wir dahin? Was braucht die Uni dafür? Wen müssen wir dafür mobilisieren? In anderen Unistädten – wie in Manchester beispielsweise – geschieht das. Das fehlt aus meiner Sicht in Bremen. Es wird keine gemeinsame Zukunftsmusik gespielt.

Sie wundern sich auch über Vorurteile, die in Bremen gepflegt werden.

Ich bin erstaunt, wie lange sich in Bremen Vorurteile über die vermeintlich „linke“ Uni halten können. Auch scheinen die Bremer ihre Unis nicht als zentralen Motor ihrer Zukunft wahrzunehmen, dabei bemühen sich sowohl die Uni als auch die Jacobs University durchaus um Kommunikation mit der Gesellschaft. Aber der Dialog zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft über die großen Herausforderungen der Zukunft, was diese für den Bremer Standort bedeuten und wie die Unis zu deren Bewältigung beitragen, könnte intensiver sein. Dann würden die Hochschuletats vielleicht auch noch mehr als Investition in die Bremer Zukunft gesehen werden.

Die Jacobs University hat als Eliteuni noch stärker mit Vorbehalten zu kämpfen.

Es fällt auf, dass vor allem ihre Kosten betrachtet und diskutiert werden, ohne sie ins Verhältnis zum öffentlichen Nutzen zu setzen. Eine forschungs- und technologieintensive Uni kann nicht ohne nennenswerte öffentliche Mittel auskommen. Ich kenne keine Universität, der das gelingt. Das hätte man von Beginn an kommunizieren müssen. Aber jeder Euro wird langfristig mit mindestens 2,5 Euro Kapitalrendite belohnt, ganz zu schweigen von ihrem gesellschaftlichen Nutzen. Das Ansehen der Jacobs University in der bremischen Politik entspricht nicht ihrer hervorragenden Arbeit, ihrer gemeinnützigen und durchaus auch regionalen Ausrichtung. Dabei lohnen sich Investitionen, in mehrfacher Hinsicht, auch in einer Weise, die auch die Linken in Bremen unterstützen müssten: Die Jacobs University sorgt für Wissenstransfer in den und mit dem globalen Süden, oft durch Stipendien. Die Jacobs University und die Uni Bremen ergänzen sich - samt der Forschungsinstitute - hervorragend. Das bietet ungeheure Chancen, privates und öffentliches Geld gemeinsam und gemeinnützig zu investieren.

Lesen Sie auch

Auch hier könnte die Zusammenarbeit Ihrer Meinung nach intensiver sein.

Aus meiner Sicht hätte die Unileitung alles daransetzen können, die Jacobs University als Tochtergesellschaft an die Uni anzubinden, die globalen Studienprogramme für die Ausweitung ihrer globalen Sichtbarkeit in einem Hanse University College nach dem Vorbild der Niederländer zu nutzen, die Forschungsarbeit systematisch zu vernetzen, mit global ausgerichteter Weiterbildung und Wissenstransfer zu ergänzen und damit in der Exzellenz-Initiative zu punkten. Das Portfolio der Jacobs University passt zudem perfekt in eine regionale Verheiratung von Technologieentwicklung und gesellschaftlichen Zielen, was gerade eine herausragende Stärke Bremens sein könnte. Aber eine solche Langfriststrategie wird offenbar nicht in Erwägung gezogen. Dabei wäre das eine enorme strategische Chance. Das heißt aber auch: Wenn man sie in den Dienst öffentlicher Interessen und Ziele stellt, muss man sich auch öffentlich mitfinanzieren. Man muss Ko-Investitionen von Wirtschaft und Staat suchen, in der Schnittmenge zwischen wirtschaftlichen und öffentlichen langfristigen Zielen, und nicht die auch mit öffentlichen Mitteln und Zielen aufgebaute Uni allein privaten Investoren und privaten Interessen überlassen.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Untersuchung ausgefallen?

Nach einer sehr positiven Reaktion des Stiftungsrats der BWB gab es eine Aussprache im Landeskuratorium des Stifterverbands, an dem auch die Senatorin für Wissenschaft teilgenommen hat. Dort habe ich mein persönliches Fazit vorgetragen. Aus der Wirtschaft gibt es deutliche Kritik daran, dass die Jacobs University nicht mehr finanziell gefördert werden soll. Ich hatte bislang leider keine Gelegenheit, mich direkt mit Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling auszutauschen. Ich warte noch auf eine Antwort, ob von dieser Seite Interesse besteht.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Sybille Reichert ist Expertin für Politik-, Strategie- und Organisationsentwicklung an Hochschulen. Nach ihrem Studium in Brüssel und Heidelberg und Promotion an der Yale Universität arbeitete sie bei der europäischen Kommission. Von 2001 bis 2004 war sie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich für die Koordination der strategischen Entwicklung verantwortlich. Als Beraterin unterstützt sie Unis in ganz Europa, in Deutschland auch im Rahmen der Exzellenzinitiative (auch die Uni Bremen). Von 2014 bis 2016 war Reichert Kanzlerin an der Uni Erlangen-Nürnberg. Ihre Studie ist unter www.stiftung-bwb.de/presse/ abrufbar.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+