Kriegsende in Bremen: Zeitzeugin erinnert sich

„Der Krieg saß einem in den Knochen“

Barbara Schadwinkel war neun, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ein Gespräch über ihre Kindheit, Propaganda und eine Befreiung, die sich zunächst gar nicht so anfühlte.
28.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Simon Wilke

Frau Schadwinkel, wie erlebten Kinder 1945 das Kriegsende in Bremen?

Barbara Schadwinkel: Im Grunde hat kein Kind in meinem Alter das Kriegsende in Bremen erlebt. Schon 1944 waren alle Schulen in Bremen geschlossen worden, und alle Kinder wurden in weniger gefährdete Gebiete verschickt, vor allem nach Sachsen. Ich weiß das noch von meinen damaligen Klassenkameraden. Meine Eltern wollten das für uns allerdings nicht. Wir hatten ein Jagdhaus in Eschenhausen bei Bassum. Dorthin zogen meine Mutter, meine Brüder und ich dann. Wir lebten dort von 1944 bis 1945.

Was machte ihr Vater?

Er blieb in Bremen. Mein Vater war kaufmännischer Direktor bei Focke-Wulf, einem Flugzeughersteller in Bremen. Er hatte das Werk 1925 mitgegründet und war unter Hitler gezwungen, Kriegsflugzeuge zu bauen – Rüstungsindustrie. Im Werk waren auch viele Juden beschäftigt, weil alle anderen eingezogen worden waren. Irgendwann kam der Befehl, dass sie geholt werden sollten, aber da hat mein Vater sich geweigert. Er hat gesagt, das ginge nicht, dann würde die Produktion stillstehen. Er hat sie im Grunde geschützt. Doch nach Kriegsende hieß es, er sei ein böser Mensch gewesen. Dabei hatte man gar keine Möglichkeit, sich zu wehren, sonst wäre man hingerichtet worden.

Was wurde aus den jüdischen Arbeitern?

Das weiß ich nicht.

Sie waren bei Ausbruch des Krieges gerade neun Jahre alt. Was änderte das für Sie?

Man wuchs da hinein. 1939 war ich in die Volksschule gekommen – ein großer Klinkerbau, der heute nicht mehr steht. Und dann ging es hier in Bremen schon früh los. 1940 gab es die ersten schweren Angriffe. Der ganze Westen war kaputt. Hier war ja viel Industrie, einerseits die Luftfahrt, andererseits der Schiffbau der AG Weser. Da traf es uns doppelt. Ich hatte damals natürlich furchtbare Ängste, wenn die Sirenen losgingen, konnte oft nicht schlafen und verkroch mich bei der Mutter im Bett. Aber wir Kinder mussten funktionieren.

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Und durch die Position meines Vaters bekamen wir immer zuerst mit, wenn die Bomber kamen. Dann hieß es: raus, raus, schnell anziehen! Man war noch im Halbschlaf und musste zwei-, dreimal in der Nacht los, in den Hochbunker in der Parkallee. Später, in Eschenhausen, sahen wir immer den hellen Himmel, wenn Bremen wieder bombardiert wurde. Und was die Flieger nicht über der Stadt losgeworden waren, schmissen sie dann auf dem Rückweg ab.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Alarm?

Nein, das weiß ich nicht mehr.

Wie erging es Ihnen während der Kriegsjahre?

1941 war ich ein halbes Jahr ins Allgäu verschickt, 1943 kam ich in ein Internat. Das war richtig hart, so ein Hitler-Internat, linientreu mit einem ziemlich strengen Regiment. Und 1944 kam ich dann zurück nach Hause.

Gibt es besondere Erinnerungen an diese Zeit?

Am 16. Dezember 1943 ist meine Großmutter ums Leben gekommen. Sie wohnte in einem Eckhaus in der Graf-Moltke-Straße – die Flieger wollten wohl die Bahngleise treffen. Das werde ich nie vergessen, wie ich Weihnachten aus dem Internat nach Hause kam und mein Vater mir das erzählte.

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Waren Sie als Kind viel mit der Propaganda Hitlers und der Nationalsozialisten konfrontiert?

Im Internat wurden uns jeden Morgen Hitlerreden vorgespielt, da mussten wir zuhören. Meistens fiel dabei eine nach der anderen in Ohnmacht, weil das so lange dauerte und wir währenddessen stehen mussten. Und später waren wir im Jungvolk. Da hatten wir mittwochs und sonnabends Dienst in Uniform und haben das Dritte Reich behandelt, Kampflieder gesungen, Lebensläufe besprochen. Das war eine Art Geschichtsunterricht für Nazideutschland. Das fand oft in den Wohnungen der Eltern statt.

Waren Ihre Eltern Nationalsozialisten?

Mein Vater war NSDAP-Mitglied. Er hatte ja schließlich eine leitende Position, und ohne Parteibuch wäre das nicht möglich gewesen. Wie seine Gesinnung war? Nazi ist er, glaube ich, nicht gewesen, soweit wir das als Kinder beurteilen konnten. Auch meine Mutter war in der Partei und ist später ausgetreten. Aber unsere Eltern haben aus Angst auch niemals mit uns Kindern über prekäre Sachen gesprochen.

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Ihre Kindheit war geprägt vom Krieg. Dann, am 8. Mai 1945, hatte Deutschland plötzlich verloren. Hatten Sie geahnt, dass das passieren könnte?

Nein, überhaupt nicht. In der Propaganda war es immer nur darum gegangen, die ganze Welt zu erobern.

Heute nennt man diesen Tag den „Tag der Befreiung“. Fühlten Sie sich damals tatsächlich befreit?

Nein, wir hatten schließlich verloren. In unserem Dorf waren die Engländer, sie verteilten Schokolade an die Kinder. Oh wehe, meine Eltern hätten uns was erzählt, wenn wir von den Besiegern etwas angenommen hätten. Das Kriegsende war für uns zunächst eine Niederlage. Man musste erst einmal zu sich kommen.

Also hatte sich für Sie plötzlich etwas Grundlegendes geändert.

Nein, gar nicht. Der Krieg saß einem noch in den Knochen. Und diese sechs Jahre kann man nicht einfach so ablegen. Es war weiterhin alles beschränkt, noch bis 1948 hatten wir unsere Lebensmittelmarken. Das änderte sich erst mit der Währungsreform. Und bis man selber so frei war, dass man zum Beispiel bei Sirenengeheul keine Angst mehr bekam, das dauerte.

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Erinnern Sie sich, wie Sie nach Kriegsende zum ersten Mal zurück nach Bremen reisten?

Ja, 1945 herrschte in Bremen absolutes Chaos. Wir sind mit einem Pferdewagen nach Bremen reingefahren. Es war eine provisorische Holzbrücke über die Weser gebaut worden. Alles war zerstört, aber ich habe das gar nicht so richtig mitgekriegt. Wissen Sie, wir waren daran gewöhnt. Und als wir ein Jahr später endgültig zurückgekehrt waren, übernahm meine Mutter die Baumschule auf dem Charlottenhof in Horn-Lehe. Der gehörte meiner Großmutter, und mein Vater machte aus alten Metallresten Puppengeschirr. So ging es dann voran.

Ihr Vater hatte eine gehobene Position innegehabt. Wie erging es ihm nach Kriegsende?

In der heutigen Hermann-Böse-Schule wurden damals alle untergebracht, denen ein Prozess gemacht werden sollte. Dort waren viele Industrielle und auch mein Vater, der sich vorher ein bisschen dünne gemacht hatte. Manche wurden verurteilt, die meisten aber wurden entnazifiziert. Mein Vater auch, das ging ziemlich fix über die Bühne.

Hatten Sie das Gefühl, dass es Ihrer Familie besser erging als anderen?

Es ging uns schon gut, das muss man sagen. Gleich nach dem Krieg haben wir von dem benachbarten Bauern auch mal Eier und so etwas bekommen. Wir haben ihm dafür auf dem Feld geholfen. Zurück in Bremen, hatten wir dann Gemüse im Garten. Und wir hatten Stallungen mit Schweinen, die wir schlachten konnten.

Was bedeutet Ihnen heute der 8. Mai?

Das hat man irgendwie abgehakt. Natürlich denkt man an die Zeiten zurück, aber was bedeutet das noch für die heutige Jugend? Die hatte damit ja nichts zu tun. Trotzdem muss man sich der Gefahr von Rechts auch heute bewusst sein – gerade im Umgang mit der AfD. Ich sage immer: Holzauge sei wachsam.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

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Zur Person

Barbara Schadwinkel wurde 1931 in Bremen ­geboren und wohnte mit ihrer Familie in Schwachhausen. Das Kriegsende erlebte sie auf einem Landsitz des Vaters im Bremer Umland.

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