75 Jahre Kriegsende in Bremen Letztes Gefecht im Bürgerpark

Am 27. April 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Bremen. Zuvor belagerten die Briten die Hansestadt zwei Wochen lang, wobei es besonders zu heftigen Kämpfen in den Vororten kam.
27.04.2020, 07:00
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Letztes Gefecht im Bürgerpark
Von Frank Hethey

Schön und warm war es im April 1945, der Frühling hielt Einzug in Bremen. „Unsere Nachbarinnen liegen in den Gärten bereits leicht bekleidet in den Liegestühlen, sonnenbadend wie im tiefsten Frieden“, notierte der Kinderarzt Albrecht Mertz am 11. April 1945 in seinem Tagebuch. Eine unwirkliche, fast surreale Stimmung muss damals in der Stadt geherrscht haben – einerseits Todesgefahr, andererseits überall knospende Natur. Mehr als zwei Wochen sollte die Belagerung noch andauern, ehe britische Einheiten vorrückten und dann innerhalb von 48 Stunden die Stadt besetzten. In den frühen Morgenstunden des 27. April 1945 streckten die letzten deutschen Soldaten im Bürgerpark ihre Waffen.

Das Ende war schon lange absehbar. Nachdem alliierte Truppen die norddeutsche Tiefebene erreicht hatten, gab es kein Halten mehr. Die eilends aufgebaute „Weserfront“ wurde mehr oder weniger überrannt. Seit dem Abend des 19. April lag Bremen unter anhaltendem Artilleriebeschuss, am 20. April forderten die Briten auf Flugblättern ultimativ die Übergabe der Stadt.

Kämpfe in den Vororten

Zu teils heftigen Kämpfen kam es in den Vororten. In Kirchweyhe, Brinkum und Stuhr lieferten sich ein SS-Ausbildungsbataillon und Marinesoldaten schwere Feuergefechte mit den Briten. In Bremen war der Gefechtslärm zu hören, die Rauchsäulen in Brand geschossener Gebäude zu sehen. Ein Vorgeschmack dessen, was auch der Hansestadt blühte. Denn von kampfloser Übergabe wollte der aus Danzig eingeflogene Kampfkommandant, Generalleutnant Fritz Becker, trotz aussichtsloser Lage nichts wissen. Sein Befehl lautete, die Stadt „bis zum letzten Blutstropfen“ zu verteidigen.

An strategisch wichtigen Punkten wurden Panzersperren errichtet, oft genug völlig unzulängliche Hindernisse aus Baumstämmen oder Betonwalzen. Zusammengewürfelte Einheiten aus Wehrmacht, Volkssturm, SS, Marineinfanterie, Flak-Bedienung, Polizei und HJ sollten den feindlichen Angriff in vorbereiteten Stellungen abwehren. Zum letzten Aufgebot zählte auch der damals 58-jährige Wilhelm Kaisen. Der spätere SPD-Bürgermeister sollte ein altersschwaches Geschütz am Lehesterdeich bedienen.

Vor den Artilleriegranaten und nicht abreißenden Luftangriffen suchte die Zivilbevölkerung Zuflucht in den Bunkern. Die katastrophalen Zustände in den Schutzbauten prägten sich bei den Betroffenen unauslöschlich ein. „Drei Tage waren wir ununterbrochen im Bunker“, erinnert sich die heute 91-jährige Erika Groll. Immer wieder ist in Briefen und Tagebüchern von der kaum erträglichen Hitze die Rede, den hygienischen Widrigkeiten, vom Mangel an Sauerstoff. Es sind sogar Fälle von erstickten Kleinkindern bekannt.

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Der Normalzustand war das nicht, auch bei voller Belegung sorgte ein ausgeklügeltes Entlüftungssystem für Frischluft, funktionierten die sanitären Anlagen. Doch seit das Kraftwerk in Hastedt am 22. April durch einen Luftangriff zerstört worden war, gab es keine Stromversorgung mehr in Bremen. Wegen des massiven Artilleriebeschusses trauten sich die Bunkerinsassen kaum noch nach draußen. Taten sie es doch, um in vermeintlichen Feuerpausen ein bisschen frische Luft zu schnappen, konnte das tödliche Folgen haben.

Vormarsch blieb aus

Der Schulbetrieb war längst eingestellt worden, zur täglichen Arbeit ging niemand mehr. Dann auf einmal ließ der Artilleriebeschuss am 21. April nach. Es sei „plötzlich ruhig geworden“, kritzelte Kinderarzt Mertz in sein Tagebuch. Nach der Einnahme von Brinkum am 18. April und der kampflosen Besetzung von Delmenhorst am 20. April war die Front bis dicht an die Stadtgrenze gerückt. Doch zur Überraschung der Verteidiger blieb ein weiterer Vormarsch aus.

Tatsächlich machten die Briten zunächst keinerlei Anstalten, die gefluteten Gebiete südlich von Bremen zu überqueren. Stattdessen umgingen sie die Stadt und tauchten im Rücken der deutschen Abwehrstellungen auf. Statt von Südwesten vorzustoßen schickten sich die Briten an, die Stadt von Osten aufzurollen. Zwar kam es dabei zu vereinzelten Kämpfen, zumeist brach der Widerstand aber schnell zusammen.

In dieser Situation bot sich ein letztes Mal die Gelegenheit, Bremen ohne weiteres Blutvergießen zu übergeben. Über eine intakte Telefonverbindung gelang es den Briten, von Mahndorf aus Kontakt zur deutschen Militärführung im Bürgerpark aufzunehmen. Doch Becker ließ nicht mit sich reden, er lehnte die Kapitulation brüsk ab. Weshalb es zu einem eher dilettantischen und halbherzigen Versuch kam, sich seiner zu entledigen – sogar Polizeipräsident Johannes Schroers billigte das jämmerlich gescheiterte Attentat.

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In den frühen Morgenstunden des 25. April begann der eigentliche Angriff auf Bremen. Bei Leeste setzten britische Schwimmpanzer nach Kattenturm, Arsten und Habenhausen über, am 26. April rückten die Briten über Oberneuland und Horn vor. Von einer regelrechten Front konnte schon längst keine Rede mehr sein, es kam nur noch zu vereinzelten Scharmützeln in Hastedt oder am Bahnhof Neustadt. Zumeist räumten die deutschen Verteidiger kampflos ihre Stellungen. „Es war fürchterlich anzusehen, eine geschlagene Armee“, sagt Erika Groll, damals 16 Jahre alt. In Horn halfen sogar Anwohner den vorrückenden Briten, die Panzersperren zu beseitigen.

Heftige Schusswechsel am Stern und im Parkviertel

Eigentlich war schon so gut wie alles gelaufen, als sich am Abend des 26. April doch noch letzter Widerstand im Bürgerpark regte. Am Stern und im Parkviertel kam es noch einmal zu heftigen Schusswechseln. Beim Vorrücken auf den Bunker des Kampfkommandanten in Höhe der Emmastraße gerieten die Angreifer unter starkes MG-Feuer und verloren noch einmal zehn Mann. Erst in den frühen Morgenstunden des 27. April gab die Bunkerbesatzung auf.

Damit war der Kampf um Bremen vorbei. Auf höherer militärischer Ebene hatte man die Stadt ohnehin längst abgeschrieben. Beim Korps Ems war man schon lange genervt gewesen von den ewigen telefonischen Hilferufen Beckers. Dem Stabschef des Korps fiel ein Stein vom Herzen, als die Briten in Bremen endlich vor der Bunkertür im Bürgerpark standen. „Womit für mich Ruhe eintrat“, wie er süffisant bemerkte.

Über die Zahl der Toten gibt es keine verlässlichen Angaben. Vorsichtige Schätzungen sprechen von 220 deutschen Soldaten und 540 Zivilisten.

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