Nacht transfeindlicher Attacke "Die Stimmung ist gerade besorgniserregend"

In letzter Zeit kam es in Bremen und bundesweit zu Angriffen auf trans Personen. Im Interview spricht Maja Tegeler, trans Abgeordnete für die Linke in der Bürgerschaft, über die Situation in Bremen.
20.09.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lucas Brüggemann

Frau Tegeler, es gab in relativ kurzer Zeit mehrere, teils heftige Angriffe gegen trans Personen, Sie sind selbst Teil der trans und queeren Gemeinschaft. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Nachrichten hören?

Maja Tegeler: Wir als queere Gemeinschaft haben wegen der Häufung der Angriffe schon Angst. Die Stimmung in Bremen ist gerade besorgniserregend, und die Furcht vor Attacken macht vor niemandem Halt.

Würden Sie sagen, dass Bremen besonders gefährlich ist für trans Personen?

Vor zwei, drei Monaten hätte ich nein gesagt. Aktuell sage ich ja.

Woran machen Sie das fest?

Das mache ich nicht nur an den Gewalttaten fest, sondern auch an der zunehmenden Aggressivität, an Hass im Netz, der sich gerade speziell über queere Personen in Bremen entlädt.

Haben Sie in letzter Zeit selbst Anfeindungen oder Angriffe erlebt?

Ich persönlich nicht. Aber ich bin auch in einer sehr sicheren, privilegierten Position. Wohnungslose queere Personen beispielsweise sind Angriffen nicht selten schutzlos ausgeliefert.

Wobei Sie als Bürgerschaftsabgeordnete und damit öffentliche Person ja schon auch schnell zur Zielscheibe werden können.

Ja, aber das spielt sich dann meist online ab. Auf Twitter habe ich in meiner anderen Rolle als Parteivorstandsmitglied regelrechte Jagdszenen erlebt. Aber das ist noch etwas anderes als physische Gewalt.

Inwiefern Jagdszenen?

Es gibt harte Auseinandersetzungen, gerade im Vorfeld des sogenannten Selbstbestimmungsgesetzes. Dabei geht es darum, dass geschlechtliche Vielfalt rechtlich stärker berücksichtigt wird. Diejenigen, die dieses Gesetz fundamental ablehnen, machen ziemlich mobil, und machen auch nicht davor Halt, Menschen wie mich systematisch zu diffamieren und zu beleidigen.

Kann man festmachen, aus welchem Spektrum diese Menschen kommen oder welchen Hintergrund sie haben?

Da mischen sich unterschiedliche Spektren. Zum Teil sind es traditionelle, rechts-konservative Kreise, die auch in die AfD reinwirken. Aber es sind leider auch feministische Kreise, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Frausein auch trans Frauen inkludiert.

Gibt es Wege, sich vor Angriffen – online oder im realen Leben – zu schützen?

Das ist schwer. Wie soll das funktionieren? Niemand ist davor gefeit, Opfer einer Straftat zu werden. Was uns als queere Gemeinschaft bleibt, ist im Nachgang der Rechtsweg und das Gespräch mit der Polizei. Ich habe selbst erlebt, dass die Polizei Bremen bei Beleidigungen eigentlich ganz gut aufgestellt ist. Es gibt mittlerweile auch einen Ansprechpartner für queere Menschen bei der Bremer Polizei. Insgesamt geht da aber noch mehr: Wir finden, dass auch Bremerhaven so eine Anlaufstelle schaffen muss.

Sie sagen, die Polizei sei „eigentlich“ ganz gut aufgestellt. Fühlen Sie sich bei Problemen bei der Bremer Polizei gut aufgehoben?

Wenn man die richtigen Stellen kennt und sich an die richtigen Leute wendet, schon. Es kann natürlich passieren, wenn eine Straftat geschieht, dass man auf der falschen Wache landet und an einen Polizeibeamten gerät, der da nicht so sensibel mit umgeht.

Also braucht es Fachwissen, an wen man sich im Ernstfall wendet?

Genau. Es steht zwar auf der Website der Polizei, an wen man sich wenden kann. Aber nach einer Straftat ist man so durch den Wind, dass man auf die nächstgelegene Wache geht. Eigentlich müssten auch dort die Beamten angemessen reagieren.

Nun kommt die Polizei oft erst ins Spiel, wenn etwas passiert ist. Wie kann man im Vorfeld für mehr Akzeptanz für trans und queere Personen sorgen?

Wichtig ist aus unserer Sicht, also aus Sicht von queeren und trans Personen, Prävention, damit die Grundlage gelegt wird, dass junge Menschen gar nicht in diese Art von Hass und Gewalt abrutschen. Da sind die Schulen, und ich finde noch stärker die Jugendhilfe gefragt. In Bezug auf Schulaufklärung gibt es bereits erste Ansätze über das Rat-und-Tat-Zentrum, dessen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen durch die Schulen gehen und so für Sensibilisierung sorgen. Das ist aber zu wenig, da müssen wir als Politik nachsteuern.

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Das Gespräch führte Lucas Brüggemann.

Zur Person

Maja Tegeler (47) ist trans Frau. Seit 2019 ist sie queer- und gleichstellungspolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Bremischen Bürgerschaft.

Zur Sache

Bremer Jusos veröffentlichen Forderungen für mehr Sicherheit von trans Personen

Die Bremer Jugendorganisation der SPD veröffentlichte nach dem Angriff auf die trans Frau in der Neustadt bei Instagram Forderungen für mehr Sicherheit für trans und queere Personen im öffentlichen Raum. Unter anderem fordern die Jusos, dass der öffentliche Nahverkehr sicherer gemacht werden solle. Konkret soll es ein Awareness-Konzept für den ÖPNV in Bremen und ein Notrufsystem an allen Haltestellen geben. Außerdem fordern die Jung-SPDler Sensibilisierung und Schulungen für das BSAG-Personal zu queeren Bedürfnissen und möglichen Konfliktsituationen ebenso wie eine weitere Person, die neben dem Fahrer in BSAG-Fahrzeugen Ansprechperson bei Konflikten sein soll.

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