Beschimpfungen und Drohungen Petitionen für und gegen umstrittenen Bremer Pastor

Im Netz machen Gegner und Anhänger des wegen seiner Äußerungen über Homosexualität umstrittenen Pastors Olaf Latzel mit Petitionen mobil. Handfeste Beschimpfungen und Drohungen gibt es derweil im realen Leben.
15.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Petitionen für und gegen umstrittenen Bremer Pastor
Von Ralf Michel

Der Fall des wegen Volksverhetzung angezeigten Olaf Latzel erregt weiterhin bundesweit die Gemüter. Nach den umstrittenen Äußerungen des Pastors der evangelischen St.-Martini-Gemeinde über Homosexualität haben sowohl seine Gegner als auch seine Befürworter im Internet Petitionen gestartet. Im Fokus der Latzel-Anhänger steht außerdem auch weiterhin die Bremische Evangelische Landeskirche (BEK). Die spricht in einer Videobotschaft auf Youtube von massiven Beschimpfungen und sogar Drohungen gegen die Kirchenleitung.

Online haben die Unterstützer des als religiös-konservativ geltenden Pastors die Nase vorn: 19.752 Unterschriften aus ganz Deutschland und vereinzelt auch aus anderen Ländern kamen bis Sonntag auf der Internet-Plattform „open Petition“ unter der Überschrift „Solidaritätsbekundung mit Bremens Pastor Olaf Latzel“ zusammen.

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Im Text der Petition geht es allerdings nicht um den eigentlichen Streitpunkt – Latzels abfällige Äußerungen zur Homosexualität, die ihm die Anzeige wegen Volksverhetzung einbrachten –, sondern vielmehr um das gegen ihn laufende Disziplinarverfahren und die „Glaubens- und Meinungsfreiheit in den evangelischen Kirchen in Deutschland“. Dafür und dafür, dass „Bremens Pastor Olaf Latzel entschieden nicht suspendiert werden darf“, setzen sich die Unterzeichner ein.

Der Initiator der Petition, Theologiestudent Jonas Eberhardt aus Bergneustadt, erläutert zwar nach dem eigentlichen Petitionstext unter dem Stichwort „Hintergrund“ die Aussagen Latzels, die zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens durch die BEK führten, hebt in der Petition aber auf die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden ab. „An diesem Grundrecht eines Bremer Pastors darf nicht gesägt werden.“ Eine Suspendierung Latzels wäre ein Eingriff in die Grundrechte und ein Verstoß gegen geltendes Recht der Bremischen Evangelischen Landeskirche.

„Am liebsten steinigen“

Die Unterschriften hat Eberhardt vor kurzem bereits dem Leiter der Kirchenkanzlei in Bremen übergeben. Eigentlich nehme man keine Petitionen an, erklärte hierzu Sabine Hatscher, Sprecherin der BEK. Aber als die Petenten plötzlich vor der Tür standen, habe man sie nicht vor den Kopf stoßen wollen und das Material dann doch entgegengenommen. Mehr geschehe damit aber jetzt nicht, betonte Hatscher. Mit dem juristischen Fall habe die Petition ohnehin nichts zu tun. „Sie wird theologisch begründet, aber darum geht es hier ja gar nicht.“

Auch die Gegner von Olaf Latzel haben eine Online-Petition in Gang gesetzt. Auf „change.org“ wurden unter dem Titel „Keine Hasspredigten – setzen Sie Latzel ab“ seit Mitte Mai bis Sonntagnachmittag 11 595 Unterschriften gesammelt. Initiator dieser Petition ist der Bremer Bastian Melcher. „Ich meine, dass Pastor Latzel in jedem Fall seines Amtes enthoben werden muss“, sagt Melcher, der sich selbst als religiös, evangelisch und homosexuell („nicht weil ich es mir ausgesucht habe, sondern weil Gott mich so geschaffen hat“) bezeichnet. Es gehe in seiner Petition nicht nur um die Absetzung Latzels, sondern auch darum, ein Zeichen zu setzen, „dass Religionsfreiheit nicht die Freiheit bedeutet, andere Religionen oder Menschen diffamieren zu dürfen“.

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Zu Wort gemeldet hat sich in diesem Disput auch noch einmal Edda Bosse, Präsidentin der BEK. „Hass der uns trifft“ ist ihre Videobotschaft auf Youtube überschrieben. Bosse plädiert darin für Nächstenliebe und Respekt gegenüber allen Menschen und Null Toleranz gegenüber Ausgrenzung und Demütigung. Die Kirche büße nichts ein, wenn sie für Freiheit und Akzeptanz aller Lebensformen steht. Im Gegenteil, sie gewinne, betont Bosse und äußert ausdrücklich Sympathie für Homosexuelle.

Die Kirchenpräsidentin berichtet in ihrer fünfminütigen Botschaft auch von Beleidigungen und Beschimpfungen die derzeit „das Haus der Kirche in Massen überschwemmen“. Tatsachenverdrehungen und Lügen kämen per E-Mail, per Brief oder durchs Telefon. Schriftführer Bernd Kuschnerus sei als Antichrist bezeichnet worden, ihr selbst sei gesagt worden, dass man sie am liebsten steinigen würde. Auch von Ersäufen sei in einem Brief an sie die Rede gewesen und nicht zu vergessen die Drohung am Telefon, dass man wisse, wo sie wohnt und man sie sich vorknöpfen werde. „Was mich dabei verwirrt, ist der totale Gegensatz zwischen der frommen, angeblich gottesfürchtigen und bibeltreuen Attitüde und die jedes Maß sprengende Aggressivität der Kommentare und Zuschriften“, sagt Edda Bosse.

Giftpfeile auf die BEK abgeschossen

Für sie stehe fest, dass die Art der Lehre, wie sie in dem „unseligen Eheseminar“ von Pastor Latzel geäußert worden seien, Hass erzeuge. In dem Seminar seien „in der Brühe niederster Instinkte gebadete Giftpfeile“ auf die BEK abgeschossen worden. Sie dagegen wünsche sich, „dass wir in der BEK in unserer bunten Vielfalt beieinander bleiben“, betont Bosse. Die Resonanz auf diesen Beitrag: 101-mal geht der Daumen nach oben („mag ich“) 147 nach unten („mag ich nicht“).

Die Bremer Staatsanwaltschaft hält sich zum Stand ihrer Ermittlungen im Fall Latzel weiterhin bedeckt. Nach wie vor gebe es nichts Spruchreifes, erklärte Behördensprecher Frank Passade am Freitag auf Anfrage des WESER-KURIER.

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