Ex-Geschäftsführerin unter Verdacht Untreue bei der Grass-Stiftung

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue gegen die Ex-Geschäftsführerin der Bremer Günter-Grass-Stiftung. Zivilrechtlich hat die 51-Jährige schon anerkannt, dass sie der Stiftung Geld schuldet. Es soll um einen fünfstelligen Betrag gehen.
06.04.2018, 19:15
Lesedauer: 4 Min
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Untreue bei der Grass-Stiftung
Von Jürgen Theiner

Die in Bremen ansässige Günter-Grass-Stiftung wird von einem Untreueskandal erschüttert. Die frühere Geschäftsführerin der Stiftung, die im Sommer 2017 ausgeschieden war, soll während ihrer Amtszeit aus dem Etat der Stiftung einen fünfstelligen Betrag für private Zwecke abgezweigt haben. Der Stiftungsvorstand hat deswegen Strafanzeige erstattet. Welche Zukunft die Stiftung hat und ob ihr Sitz auf Dauer in Bremen sein wird, ist derzeit offen.

Die im Jahr 2000 gegründete Günter-Grass-Stiftung sammelt, dokumentiert und erschließt das audiovisuelle Werk des 2015 verstorbenen Literaturpreisträgers – also seine Lesungen, Reden, Interviews und andere Beiträge in Hörfunk und Fernsehen sowie auf sonstigen Ton- und Bildträgern. Diese Aktivitäten sind in einem Gebäude der Jacobs University in Grohn angesiedelt. Zu den Aufgaben der Stiftung gehört unter anderem auch die Organisation von Ausstellungen und Tagungen.

Sie ist formal immer noch Angestellte der Kulturbehörde

Die 51-Jährige hatte 2014 die Geschäftsführung der Stiftung übernommen, und zwar aus einem Beschäftigungsverhältnis in der Kulturbehörde heraus. Dort war sie zu Zeiten von Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann (CDU) eingestellt worden. Sie gehörte zum engeren Kreis um Motschmann. Nach dem politischen Farbenwechsel in der Behörde hin zur SPD und einer familiär bedingten Pause hatte die Behördenleitung nach einer neuen Verwendung für die Literaturwissenschaftlerin Ausschau gehalten. 2014 wurde sie bei der Grass-Stiftung fündig, als dort die vormalige Geschäftsführerin Donate Fink ausgeschieden war. Die neue Chefin der Stiftung blieb formal Angestellte der Kulturbehörde, sie ist es bis zum heutigen Tage.

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Welche Umstände zu den mutmaßlichen Untreuehandlungen führten, ist Gegenstand von Spekulationen, die mit den privaten Vermögensverhältnissen der 51-Jährigen und ihres Ehemannes zu tun haben. Dass die Ex-Geschäftsführerin sich tatsächlich aus der Kasse der Grass-Stiftung bedient hat, ist zumindest zivilrechtlich unstrittig. Nach ihrer Abberufung durch den Stiftungsvorstand zum 30. Juni vergangenen Jahres unterzeichneten die Beschuldigte und ihr Mann vor einem Notar ein gemeinschaftliches Schuldanerkenntnis über einen Betrag von 23 660 Euro. Das Geld sollte spätestens zum 15. Oktober 2017 an die Grass-Stiftung zurücküberwiesen werden. Dort traf es allerdings nie ein.

Die Rückführung des Geldes sollte kurzfristig erfolgen

In seiner Strafanzeige, die vom 28. November vergangenen Jahres datiert und dem WESER-KURIER vorliegt, schildert der Vorstandsvorsitzende Klaus Meier den Sachverhalt. Demnach hatte die Geschäftsführerin bei ihrem Ausscheiden eine handschriftliche Notiz hinterlassen, in der es hieß: "Die Rückführung der Kassenmittel auf das Konto erfolgt kurzfristig." Diesen Hinweis habe der Vorstand zunächst gar nicht verstanden. Erst bei Durchsicht der Kassenunterlagen sei aufgefallen, dass 23 660 Euro fehlten. Es sei nicht gelungen, die frühere Geschäftsführerin zur Rede zu stellen, schreibt Klaus Meier in der Strafanzeige. Gesprochen habe er später mit dem Ehemann, einem früheren Bremer Hochschullehrer. "Dieser erläuterte, dass er seine Frau verleitet habe, in die Kasse zu greifen. Man habe Verpflichtungen gehabt, denen man nicht habe nachkommen können. Da er aus Beratungsverträgen höhere Summen erhalten werde, könne er die Geldsumme dann unproblematisch zurückführen", schildert Meier die Unterhaltung mit dem Ehemann. Auf das Geld wartet die Grass-Stiftung allerdings bis heute.

Die Außenstände sind für die wirtschaftliche Situation der Stiftung offenbar gravierend. Der Schaden sei "immens", heißt es in der Anzeige. Die gut 23 000 Euro machen rund ein Drittel des Jahresetats aus. "Dies reißt ein riesiges Loch in alle Planungen und führt die Stiftung selbst an den Rand der Zahlungsunfähigkeit", steht in dem fünf Monate alten Schriftstück. Wie es aktuell um die Stiftung steht, ist unklar. Vorstand Klaus Meier stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Der Bremer Kulturszene ist indes nicht verborgen geblieben, dass sich die Aktivitäten der Günter-Grass-Stiftung bereits seit einiger Zeit auf recht niedrigem Niveau eingependelt haben. Auf ihrer Website wird auf zum Teil längst vergangene Ausstellungen und Tagungen hingewiesen. Der mit 40 000 Euro dotierte Albatros-Literaturpreis, den die Stiftung seit 2006 alle zwei Jahre vergab, wurde 2014 letztmalig verliehen. Danach fand sich kein Sponsor mehr. Derweil gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen Vorstand und Kuratorium über die Verankerung der Stiftung in Bremen. Während der Vorstand am Standort festhält, können sich Teile des Kuratoriums eine Umsiedlung nach Lübeck vorstellen, wo das Günter-Grass-Haus über eine umfangreiche bildkünstlerische Sammlung verfügt.

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Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz wollte die Vorgänge bei der Grass-Stiftung auf Anfrage nicht kommentieren. Nur so viel: "Der Arbeitsvertrag der Kulturbehörde mit der Beschuldigten befindet sich in Auflösung." Interessant ist, wie die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen führt. Dort stellt die mutmaßliche Untreuehandlung der 51-Jährigen kein eigenständiges Strafverfahren dar. Sie ist vielmehr Teil einer umfangreichen Akte, in der zahlreiche Vermögensdelikte zusammengefasst sind, die der Ex-Geschäftsführerin und ihrem Ehemann zur Last gelegt werden. Dabei geht es unter anderem um mutmaßliche Betrugshandlungen beim Erwerb von Immobilien. "Wir handhaben das so, weil die Motivlage der Beschuldigten bei der Grass-Stiftung mit den Geldnöten des Ehepaares im Zusammenhang steht", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade.

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