#wkkonferenz MoreSpace Vom Wert des Weltraums

Was kann Politik für die Raumfahrt tun? Eine Frage, die bei der ersten Weltraum-Konferenz des WESER-KURIER in der Bremischen Bürgerschaft prominent diskutiert wurde.
09.06.2017, 21:01
Lesedauer: 4 Min
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Vom Wert des Weltraums
Von Stefan Lakeband

Der Tag beginnt harmonisch. Eine Umarmung hier, ein Händeschütteln da, ein Wink ins Publikum. Dann tritt Brigitte Zypries (SPD) auf die Bühne. Es folgt viel Lob für Bremen – aber auch Tadel.

„Manchmal denke ich, dass Sie sich unter Wert verkaufen“, sagt die Bundeswirtschaftsministerin in ihrer Rede bei der Veranstaltung MoreSpace, der ersten Weltraum-Konferenz des WESER-KURIER. „Sie“, damit meint Zypries die Vertreter des Weltraumstandorts Bremen, die vor ihr im Publikum sitzen. Bevor sie das Amt als Koordinatorin der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt übernommen habe, habe sie kaum gewusst, was für ein Schwergewicht Bremen in der Weltraumindustrie sei. Vielen anderen Menschen ginge es da ähnlich. Das war nur einer der Punkte, den die SPD-Politikerin an diesem Freitag in ihrem Vortrag ansprach (siehe Text unten).

Einen Nerv scheint sie damit getroffen zu haben. In der anschließenden Diskussionsrunde widmen sich Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD), Oliver Juckenhöfel, Leiter des Bremer Raumfahrt-Standorts von Airbus, und Andreas Mattfeldt (CDU), Bundestagsabgeordneter und Berichterstatter für Raumfahrt im Haushaltsausschuss, auch diesem Thema – und widersprechen der Wirtschaftsministerin in Teilen. „In der Raumfahrtszene wissen alle, wer Bremen ist“, sagt Günthner. Er gibt aber auch zu, dass es in Deutschland lange nicht attraktiv war, über Raumfahrt zu reden. Erst in den letzten Jahren habe sich das geändert.

Warum die Bemühungen in Bremen nicht so stark wahrgenommen werden, wie etwa die Aktivitäten von US-amerikanischen Unternehmen, führt Juckenhöfel auch auf einen kulturellen Unterschied zurück. „Die Amerikaner sind gut darin, eine Idee zu verkaufen“, sagt der Airbus-Manager. In Deutschland sei das anders: „Hier wollen wir erst Qualität abliefern und nachher darüber sprechen.“ Er glaubt, dass durch immer mehr Erfolge in der Raumfahrt Bremen auch weiter in den Fokus der Öffentlichkeit rücken wird.

Dazu brauche es aber auch die entsprechenden Projekte und die Rahmenbedingungen für die Raumfahrtunternehmen. „Wir müssen die Themen machen können, die auch wichtig sind“, sagt der Standortleiter. Allerdings wäre mehr Geld auch nicht verkehrt. „Wir müssen schon auf eine halbe Milliarde Euro beim Nationalen Raumfahrtprogramm kommen.“ Haushaltspolitiker Mattfeldt spricht hingegen schon jetzt von einer beachtlichen Summe. Im Haushalt des Bundeswirtschaftsministeriums, der insgesamt acht Milliarden Euro umfasse, seien derzeit 1,6 Milliarden Euro für Luft- und Raumfahrt vorgesehen.

Auch wenn die Diskussion unter dem Titel „Standort Bremen: Was kann die Politik für die Raumfahrt tun“ steht, so fällt der Blick immer wieder auf die USA, und ein Name wurde besonders häufig genannt: Elon Musk. Der Unternehmer, der durch das Raketen-Unternehmen SpaceX bekannt ist, ist einer der wichtigsten Vertreter von New Space. Hierunter werden die vielen Start-ups zusammengefasst, die in den vergangenen Jahren in der Weltraum-Branche aktiv geworden sind.

Günthner warnt allerdings davor, das ganze Heil in der Kommerzialisierung der Raumfahrt zu suchen. „Sie wird nicht alle Probleme lösen“, sagt der Wirtschaftssenator. Vor SpaceX solle man keine Panik haben. „Deren Raketen fliegen auch nicht ohne Nasa-Geld.“ Und bei allen wirtschaftlichen Interessen dürfe man die strategische Bedeutung von Raumfahrt nicht vergessen. Galileo, das europäische Navigationssystem, dessen Satelliten bei OHB in Bremen gebaut werden, sei ein solches strategisches Projekt. Hier gehe es darum, unabhängig von anderen Staaten zu werden und sich den Zugang zum Weltall zu sichern. Auch Juckenhöfel plädiert dafür, New Space nicht zu hoch zu hängen. „Wir dürfen unsere eigenen Stärken nicht vergessen.“ Schon jetzt fände viel New Space in Bremen statt. „Man sieht es nur nicht immer so.“

Einig waren sich die Teilnehmer allerdings, dass Start-ups der Branche gut täten, es aber an der richtigen Gründerkultur in Deutschland mangele. „Als ich vergangenes Jahr mit einer Bremer Weltraum-Delegation im Silicon Valley unterwegs war, bestand die Hälfte der Teilnehmer aus Start-ups“, erzählt Günthner. Allerdings: Nur zwei von ihnen kämen aus Deutschland. Der Rest seien Menschen aus der ganzen Welt gewesen, die wegen der Weltraumbranche nach Bremen gekommen seien und sich hier selbstständig gemacht hätten. „Die Bereitschaft für Risiko und Selbstständigkeit fehlt häufig.“ Auch Mattfeldt beklagt, dass viele junge Leute lieber einen sicheren Job in der Verwaltung wollten, statt ein Start-up zu gründen. Ein Punkt, den auch Zypries zuvor angesprochen hatte. Sie fordert ebenfalls mehr Engagement – auch von der Wirtschaft.

Der WESER-KURIER nahm die Anregung der Ministerin umgehend auf und wird einen Nachwuchspreis rund um das Thema Raumfahrt stiften. Die Details müssen noch fixiert werden, aber Eric Dauphin, Vorstand der Bremer Tageszeitungen AG, kündigte bereits eine Dotierung von 10 000 Euro für den ersten Platz an. Zypries erklärte sich spontan bereit, der Jury anzugehören. Die Gäste der MoreSpace quittierten die Initiative mit großem Applaus. Die nächste MoreSpace des WESER-KURIER soll unmittelbar vor der Fachkonferenz Space Tech Expo Europe stattfinden, die vom 24. bis 26. Oktober in Bremen tagt.

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