Serie: Die Tricks der Täuscher

Vorgespielte Liebe: Falsche Gefühle im Internet

Betrüger melden sich mit falschen Profilen auf Online-Partnerbörsen an und wollen ihre Opfer mit vorgespielter Liebe um ihr Geld erleichtern. Im vergangenen Jahr fielen 30 Bremer dieser Methode zum Opfer.
19.02.2020, 05:00
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Vorgespielte Liebe: Falsche Gefühle im Internet
Von Patricia Brandt

Alles beginnt mit einem kurzen Chat oder einer netten Mail von einem Unbekannten. Und wenn es endet, wissen die Betroffenen, dass sie schamlos ausgenutzt und betrogen wurden. 30 Bremer fielen im vergangenen Jahr Internetbetrügern zum Opfer, die ihnen mithilfe gefälschter Profile Verliebtheit vortäuschten. Ermittler berichten von einem sogenannten Love-Scam-Fall aus Bremen-Nord, bei dem eine Endfünfzigerin dem Betrüger schließlich sogar half, weitere Frauen auszunehmen.

„Die Frau aus Bremen lernte in einem Datingportal einen Mann kennen“, berichtet Polizeisprecherin Franka Haedke. Der Mann gab an, dass er ein Arzt aus Amerika sei, der sich gerade in Somalia aufhalte. Dies schrieb er ihr über einen Messengerdienst.

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Ungewöhnliche Lebensgeschichten sind typisch für sogenannte Scam-Männer, heißt es bei der Polizei. Die Männer geben sich als Ärzte und US-Soldaten aus. „Meistens sind sie englischsprachig und in Krisengebieten stationiert“, so ein Ermittler. Oder sie leben angeblich auf einer einsamen Ölplattform. „Das Foto zeigt dann immer einen attraktiven weißen Mann, entweder in Uniform oder mit Kind“, berichtet der Ermittler. Beides spreche Frauen offenbar auf emotionaler Ebene besonders an.

Die Täter suchen ihre Opfer laut Polizei gezielt in Online-Partnerbörsen und in den sozialen Netzwerken wie Snapchat oder Facebook. Nach Darstellung der Beamten haben sie es zumeist auf Frauen zwischen 40 und 65 Jahren abgesehen. Mit Komplimenten und Liebesbekundungen schaffen es die Scam-Männer, aber auch Scam-Frauen, sich ins Leben ihrer Opfer zu drängen. Auf eine romantische Mail am Morgen folgt laut Polizei oft ein kurzes Telefonat am Mittag, nach Feierabend wird noch gechattet.

In den Gesprächen geht es zu Beginn nie um Geld, sondern um Beruf, Familie, eine gemeinsame Zukunft.

„Die Frau wird mit schwulstigem Liebesgeschwafel eingelullt“, formuliert ein Ermittler. Wenn die Beamten die Spur zu den Liebesbetrügern zurückverfolgen, führe sie oft nach Westafrika. Dort lebten die Soldaten und UN-Ärzte, die in Wirklichkeit Jugendliche und Heranwachsende seien. Oft arbeiteten die Männer mit dem Google-Übersetzungsprogramm. Sie sähen ihr Handeln auch nicht als Betrug, sondern vielmehr als Art der „Kundenbetreuung“ an, die bezahlt werden muss. Ein Bremer Polizist beschreibt es so: „Ich gebe Zuneigung, also bekomme ich Geld.“

„Betreut“ würden die „Kundinnen“ zwischen zwei Wochen bis zu einem halben Jahr – zumeist mit Prepaidhandys, bei denen die Inhaber nicht nachvollziehbar seien. Die Frau aus Bremen-Nord und ihr vermeintlicher Arzt tauschten sich laut Polizeiakte elf Monate harmlos aus. Erst danach berichtete ihr der Mann von einem kranken Kind in Somalia, für dessen Operation dringend Geld benötigt würde.

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Die Geschichte vom kranken Kind ist beliebt bei Scammern, um an Geld zu kommen, und eine von vielen. Auf einer Beratungsseite der Polizei heißt es, dass die virtuellen Partner auch vorgeben, bei einer Geschäftsreise nach Westafrika in Geldnot geraten zu sein. Auch gestohlene Koffer und Pässe werden genannt, um das Opfer dazu zu bringen, Geld per Bargeldtransfer zu schicken.

„Momentan sehr stark ausgeprägt ist der Wunsch nach einer Einladung nach Deutschland. Hier wollen die Betrüger nicht nur auf Kosten ihrer Opfer leben, sondern auch weiterhin im Auftrag der Nigeria Connection tätig sein“, heißt es auf polizei-beratung.de. Die Täter fragten beispielsweise nach Geld, um eine Ablösesumme zahlen zu können, um die Einheit im Irak verlassen zu dürfen. Oder sie brauchen Geld für ein Flugticket, kämen von der Ölplattform aus aber nicht an ihr Konto, berichtet der Ermittler.

Eine Gebühr an die Regierung

Laut Polizei wird oft auch die Buchstabenkombination PTA oder BTA angeführt, eine Art Gebühr an die Regierung, ohne die man das Land nicht verlassen könne, und die bar vor Abflug entrichtet werden müsse. Diese Gebühr gibt es offiziell nicht.

Die Nordbremerin schickte dem vermeintlichen Arzt vierstellige Beträge nach Afrika. Um das kranke Kind zu unterstützen, verkaufte sie schließlich auch ihr Auto und besorgte sich weiteres Geld von anderen Personen, das sie ihm zur Verfügung stellte. „Wenn die ersten tausend bis zweitausend Euro, das sind meist die Einstiegssummen, geflossen sind, ist das Opfer zumeist schon blind vor Liebe“, sagt der Ermittler. Die Opfer würden schließlich emotional von den Täuschern abhängig gemacht.

Für 2019 hat die Polizei für Bremen insgesamt 32 Scamming-Fälle registriert. Die Zahl sei seit Jahren relativ konstant. Es sei aber davon auszugehen, dass viele Opfer aus Scham nicht zur Polizei gingen. Nicht nur einsame, auch verheiratete Frauen fallen auf Scamming herein, berichtet ein Ermittler.

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Oft bitten die Scammer ihre Opfer auch um Kopien von Ausweisen. Diese würden zur Fälschung von Ausweisen genutzt. Auch die Nordbremerin stellte dem Mann im Vertrauen ein Bild ihres Personalausweises zur Verfügung, berichtet Polizeisprecherin Franka Haedke. „Unter diesen Personalien bestellte der Täter hochwertige Smartphones, was das Opfer zunächst nicht wusste.“

Der Betrüger ließ diese Smartphones zunächst sogar an die Anschrift der Nordbremerin schicken und bat sie, diese nach Afrika weiterzusenden. Die Frau folgte seinem Wunsch. „So verfügte der Täter über Handys und Telefone, die auf den Namen der Frau registriert sind“, erläutert Franka Haedke.

Bankgeschäfte zum Nachteil anderer Frauen

Mit den von ihr gekauften Handys betrieb der Mann Love Scam mit weiteren Frauen. Als der vermeintliche Arzt sie bat, Gelder auf ihrem Konto für ihn in Empfang zu nehmen, da er in Somalia keine Bankgeschäfte tätigen könne, schöpfte die Frau keinen Verdacht. Die Endfünfzigerin wusste laut Polizeiangaben nicht, dass die diversen Geldbeträge im vier- bzw. fünfstelligen Bereich aus Love-Scam-Betrugsstraftaten zum Nachteil anderer Frauen stammten. Wie vom Scammer gewünscht, hob die Nordbremerin das Geld ab, und transferierte es via Bargeldüberweisung über Western Union nach Afrika.

Die Beamten wurden erst auf den Fall aufmerksam, als sich die Frauen bei der Polizei meldeten, die Geld auf das Konto der Nordbremerin eingezahlt hatten. Denn für die Polizei führte der erste Weg zu der Frau aus Bremen, da die Telefonnummern auf ihren Namen registriert waren.

Franka Haedke: „Die Frau merkte erst Wochen später, als sich der Telefonanbieter bei ihr meldete, da die Rechnungen für die Telefone und Handyverträge nicht bezahlt wurden, dass sie vom Täter betrogen wurde.“

Info

Zur Sache

So schützen Sie sich:

▪Überweisen Sie Menschen, die Sie nie persönlich kennengelernt haben, kein Geld

▪Geben Sie den Namen der Internetbekanntschaft beispielsweise bei Google mit dem Zusatz Scammer ein. Da es Foren betrogener Frauen gibt, kann die Suchmaschine einen Verdacht schnell erhärten.

▪Achten Sie auch auf die Sprache: Insider gehen davon aus, dass 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Love-Scammer sind. Allerdings gibt es auch Love-Scammer, die perfekt Deutsch sprechen.

▪ Scammer überhäufen ihre Opfer mit Liebesschwüren, bezeichnen diese bald als Ehefrau oder -mann und schmieden Heiratspläne, so erscheint die Bitte um ein Visum oder gemeinsames Konto gerechtfertigt.

▪ Wenn Sie einem Scammer bereits Kopien von Ausweisdokumenten übersandt und Anhaltspunkte dafür haben, dass Ihre Daten für gefälschte Ausweise missbraucht werden, erstatten Sie Strafanzeige bei der Polizei.

Weitere Informationen

In der Serie „Die Tricks der Täuscher“ befassen wir uns mit unterschiedlichen Deliktsmustern bei Betrug. Am kommenden Mittwoch, 26. Februar, geht es um Einschleichdiebstahl.

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