Corona-Krise in Bremen

Unterwegs mit den Quarantäne-Kontrolleuren

Die Quarantäne ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen. Doch wie überprüft man sie? Unterwegs mit zwei Bremer Kommissaren in Ruhestand, die kontrollieren, was kaum zu kontrollieren ist.
30.12.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Unterwegs mit den Quarantäne-Kontrolleuren
Von Nico Schnurr
Unterwegs mit den Quarantäne-Kontrolleuren

Wolfgang Klarholz (links) und Dirk Siemering fahren zu den Wohnungen der Quarantäne-Fälle. Sie rufen die Isolierten an und bitten sie manchmal, auf den Balkon zu kommen.

Christina Kuhaupt

Die Quarantäne beginnt mit Fragen. Wer sich mit Corona infiziert hat, weiß nicht, ob das Fieber kommt und wie lange es bleibt. Ob alles für eine Weile nach nichts schmeckt. Ob die Tage in Isolation schnell vergehen oder man es bald nicht mehr aushält in der Bremer Wohnung. Wie die zwei Wochen verlaufen, ist ungewiss. Sicher ist, dass irgendwann das Telefon klingelt. Dann stehen zwei Kommissare in Ruhestand vor dem Haus und wollen wissen, wie es denn so geht.

Ein Vormittag im Dezember. Im Schritttempo rollt ein Hochdachkombi durch die Bremer Vahr. Vor einem eierschalenfarbenen Wohnblock hält der Wagen an. Wolfgang Klarholz, 66, und Dirk Siemering, 69, steigen aus. Die beiden Polizisten haben Mordfälle gelöst und andere Verbrechen aufgeklärt. Vor der Pension. Jetzt bekommen sie morgens eine Liste mit Adressen, die sie ansteuern sollen. Sie prüfen für das Ordnungsamt, ob die Bremer, die in Quarantäne sein müssen, auch in Quarantäne sind.

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Erster Halt Bremen-Vahr. Blick auf die Liste: eine Familie, fünf Personen, alle infiziert. Siemering geht vom Wagen zum Block, er stellt sich so vor das Hochhaus, dass er den Kopf in den Nacken legen muss, um die oberen Stockwerke zu sehen. Nicken, hier muss es sein. Er fischt ein altes Handy aus der Jackentasche und lässt sich von seinem Kollegen eine Telefonnummer aufsagen. Kurzes Klingeln, dann geht jemand ran.

Guten Tag, sagt Siemering, Ordnungsamt hier, wie läuft es? Keine Symptome mehr, sagt der Mann, trotzdem nervig alles. Ob er denn zu Hause ist? Ja klar, hört man den Mann antworten, wo soll er sonst sein, Quarantäne halt. Die Antwort reicht Siemering nicht. Er bittet den Mann, auf den Balkon zu kommen. „Mein Kollege und ich stehen unten an der Straße“, sagt er, „können Sie vielleicht mal kurz winken?

Unterwegs mit den Quarantäne-Kontrolleuren Dirk Siemering und Wolfgang Klarholz

In einer Halle in ­Hastedt, die eigentlich ein Fundbüro ist, verwaltet und dokumentiert das Ordnungsamt die Quarantäne der Bremer. Morgens holen die Kontrolleure wie Dirk Siemering hier eine Liste mit Adressen ab, die sie ansteuern sollen.

Foto: Christina Kuhaupt

Wo Politik an ihre Grenzen stößt

Die Quarantäne ist eines der wichtigsten Mittel, um die Pandemie einzudämmen. Wer sich isoliert, raubt dem Virus einen Weg, um sich auszubreiten. Für alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen ist das verpflichtend. Ausgerechnet bei einer der wichtigsten Corona-Regeln stößt die Politik aber an ihre Grenzen.

Die Quarantäne spielt sich da ab, wo der Staat nicht eingreifen darf: in der eigenen Wohnung. Zu Hause bleiben, abseits von allen anderen, darum geht es ja. Doch das macht es schwer, die Pflicht durchzusetzen. Manche Länder setzen auf digitale Bewegungsprofile, werten Geldkartenabrechnungen und Handystandorte aus. Andere verlangen ein Selfie pro Tag aus der Quarantäne. Passiert hier alles nicht. In Bremen sollen zwei Kommissare in Ruhestand kontrollieren, was kaum zu kontrollieren ist.

Dirk Siemering legt den Kopf in den Nacken. Sein Blick gleitet entlang der Balkonreihen. Im fünften Stock des Wohnblocks tut sich etwas. Gardinengewackel, die Tür geht auf. Ein Mann in einem rosa T-Shirt tritt auf den Balkon. Er winkt. Siemering winkt zurück. Der fünfte Stock liegt so hoch, dass er rufen müsste, damit oben etwas ankommt. Lässt er lieber. In seiner Hand liegt ja noch das Telefon, da spricht er seine Fragen rein: Was macht die Familie? Alle zu Hause? Seine Frau schläft, der jüngste Sohn auch, beiden geht es schlechter als ihm, sagt der Mann. Siemering könnte jetzt nachbohren, er könnte den Mann bitten, seine Frau zu wecken und sie auf den Balkon zu holen, aber muss das sein?

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Der ehemalige Kommissar bedankt sich für das Gespräch und dafür, dass die Familie die Auflagen befolgt. „Alles Gute“, sagt Siemering, „machen Sie weiter so.“ Im fünften Stock verschwindet der Mann winkend vom Balkon, und Siemering setzt auf seiner Liste einen Haken neben dem Namen der Familie: Vorschriften eingehalten.

Wenn Dirk Siemering und sein Kollege Wolfgang Klarholz in ihrem Hochdachkombi durch Bremen fahren, besuchen sie manchmal mehr als 100 Isolierte an einem Tag. Insgesamt schaffen es die zehn Teams des Ordnungsdienstes zu einigen Tausend Adressen in der Woche. Selten stehen sie länger als einige Minuten vor einer Wohnung, ein paar Fragen, schon geht es weiter. Es sind Momente, Ausschnitte aus dem Alltag, die ihnen reichen müssen, um zu beurteilen, ob jemand die Quarantäne ernst nimmt oder nicht. Wie sehr sie auch auf Auskunftsbereitschaft angewiesen sind, wird deutlich, wenn ein Kreuz neben einem Namen auf der Liste landet: Person nicht erreicht.

Botschafter der Maßnahme

Manche gehen nicht ans Telefon, rufen nicht zurück, winken nicht vom Balkon. Da fahren die Kontrolleure dann häufiger hin, teils täglich. Auch das ändert nichts daran, dass Siemering und Klarholz nicht wissen können, ob die Infizierten wirklich den ganzen Tag zu Hause sind. Darum geht es ihnen aber nicht so sehr. „Wir sehen uns nicht als knallharte Kontrollinstanz“, sagt Siemering, „sondern als Botschafter der Maßnahme.“

In der Quarantäne ist man so auf sich zurückgeworfen, dass man leicht vergessen kann, für wen man das auch macht. Man schützt die anderen. In der Pandemie wird das Persönliche politisch, es ist nicht egal, wie sich der Einzelne verhält, es kann für alle einen Unterschied machen. Daran wollen die Kommissare in Ruhestand erinnern, wenn sie die Isolierten besuchen. „Es ist wichtig, dass jemand vorbeikommt“, sagt Siemering, „das spricht sich schnell herum, und so verhalten sich die Leute dann auch.“

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In der Vahr springt der Motor des Kombis an, es geht nach Oberneuland, zu den nächsten Namen auf der Liste. Während der Fahrt berichtet Klarholz von einem Bekannten, der in Singapur lebt. Er musste dort in Quarantäne und bekam ständig Video­anrufe von den Behörden. Einmal, erzählt Klarholz, reagierten die Behördenmitarbeiter empört. Die Küche im Hintergrund kam ihnen fremd vor. War da jemand nicht zu Hause? Der Bekannte musste sich rechtfertigen, dabei hatte er bloß die Quarantäne genutzt, um die eigene Küche umzugestalten. „Das läuft da anders als hier“, sagt Klarholz während er den Wagen in eine Seitenstraße im Grünen lenkt, „so viel Misstrauen muss auch nicht sein.“

Die meisten Bremer, da sind sich die Kommissare in Ruhestand sicher, halten sich an die Regeln. Einmal haben sie bei ihren Kontrollen einen Mann erwischt, der gerade das Haus verlassen wollte, obwohl er noch in Quarantäne gehörte. Ansonsten: kaum größere Verstöße. Wenn Siemering auf die Statistiken des Robert Koch-Institutes schaut, wundert er sich. „Jeden Morgen frage ich mich: Warum gehen die Infektionszahlen nicht runter? Die Leute machen doch mit.“

Freude über die Fremden am Fenster

Der Wagen bleibt vor einer Villa stehen, die aussieht, als hätte jemand versucht, sehr große Würfel möglichst umständlich aufeinander zu schichten. Siemering zückt das Handy, wählt eine Nummer, wartet. Eine Frau nimmt ab, alles gut, sagt sie, es geht bergauf. Sie kommt ans Fenster, winkt zur Straße, macht Späße. Ob die Herren vom Ordnungsamt nicht reinkommen wollen auf einen Kaffee? Gelächter vor der Villa, danke für das Angebot, schlechter Zeitpunkt.

Wer Siemering und Klarholz begleitet, stellt fest, wie freundlich sie meist empfangen werden, endlich mal etwas los in der Quarantäne, so reagieren viele. Kaum einer, der sich aufregt, dass Fremde vor dem Fenster stehen. Einmal, erzählt Siemering, hat jemand ihnen Stasi-Methoden vorgeworfen. Ein anderer hat gefragt, ob sie wirklich nichts Besseres zu tun haben, als nach ihm zu sehen. „Absolute Ausnahmen“, sagt Siemering, „die Wenigsten sind genervt von uns.“

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Es geht ein paar Häuser weiter, die Straße hoch. Der nächste Name auf der Liste. Eine ältere Frau, die schwer ins Telefon atmet. Husten, Fieber, Geschmacksverlust, das volle Programm. Die Frau schleppt sich trotzdem zum Fenster. Zum Winken fehlt ihr die Kraft. „Ferndiagnose passt“, sagt Siemering, „es geht ihr wirklich schlecht.“ Haken neben den Namen auf der Liste, schnell noch ein paar aufmunternde Worte für die Frau.

„Es kommt auf die Menschenkenntnis an“, sagt Siemering, „wer könnte mich anlügen, wen muss ich trösten? Das muss man wissen.“ Oft hört er schon am Klang der Stimme, ob jemand krank oder einsam ist. Manchmal, wenn er bei einem Namen auf der Liste anruft, kommt es auch vor, dass Verwandte rangehen und erklären, dass der Angehörige gerade mit Corona verstorben ist. „Natürlich legt man dann nicht sofort wieder auf“, sagt Siemering, „dann nimmt man sich Zeit.“

Quarantäne bedeutet nicht überall dasselbe

Zurück zum Wagen. Im Sommer, als es nur wenige Dutzend Infizierte in Bremen gab, waren die Wege weiter. Da mussten Klarholz und Siemering von einem Ende der Stadt zum anderen fahren. Seitdem die Infektionszahlen hoch sind, sitzen die beiden weniger im Auto, die Adressen liegen oft nur einige Kilometer auseinander. Wer mit ihnen unterwegs ist, erlebt trotzdem, dass Quarantäne nicht überall dasselbe bedeutet. Von Oberneuland, wo die Häuser groß und die Gärten weitläufig sind, geht es nach Blockdiek. Hochhäuser, kleine Wohnungen, viel Grau, wenig Grün. „Natürlich“, sagt Siemering, „macht es einen Unterschied, wo man in Quarantäne muss.“

Siemering steht vor einem Wohnblock, Kopf in den Nacken gelegt, Handy am Ohr. Niemand nimmt ab. Er probiert drei Nummern durch, ohne Erfolg. Beim vierten Versuch meldet sich doch jemand. Der Mann windet sich, will erst nicht sagen, ob er zu Hause ist, dann will er vor einigen Monaten nach Stuhr gezogen sein. Siemering runzelt die Stirn. Klingt nicht plausibel, sagt er, aber was soll er machen, er kann schlecht nach oben gehen und nachsehen. Prüfen müssen andere. Der Kommissar in Ruhestand nimmt die Liste und notiert ein Fragezeichen neben dem Namen des Mannes. Dann geht es weiter, zur nächsten Adresse.

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